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Ebenso lang wie langweilig - Richard Strauss' »Der Rosenkavalier«

Wie gründlich man sich irren kann, zeigt diese Einschätzung nach der Stuttgarter Premiere des »Rosenkavalier«, über die der Kritiker schrieb: »Ich kann mir nicht denken, dass ein normaler Mensch, der es einmal gesehen und gehört hat, nach einer Wiederholung des Genusses die Lust verspürte. « Nun, in den 100 Jahren seit seiner Uraufführung hat es unzählige Opernfans nach einer Wiederholung des Genusses von Richard Strauss’ Meisterwerk gelüstet. Was sich auch in etlichen Gesamtaufnahmen niedergeschlagen hat. Welche davon den größten Genuss versprechen, verrät Michael Blümke.

Nachdem »Der Rosenkavalier« am 26. Januar 1911 im Königlichen Opernhaus in Dresden seine Uraufführung erlebt hatte, kommentierte das Leipziger Tagblatt: »Mit dem ›Rosenkavalier‹ ist ein solcher Tiefpunkt erreicht, dass man alle Hoffnungen, die man einst auf Strauss als Musikdramatiker setzen zu dürfen glaubte, begraben muss.« Ähnlich äußerten sich auch andere Kritiker, die nach den kühnen »Elektra«-Klängen keine Walzerseligkeit erwartet hatten.
Das allgemeine Publikum jedoch liebte das Werk vom ersten Moment an, die Premiere war ein Riesenerfolg, der sich eine enorme Zahl von Folgeaufführungen anschloss, die alle sofort ausverkauft waren. Es wurden Sonderzüge von Berlin nach Dresden eingesetzt, um auch den Bewohnern der Hauptstadt den Besuch der Vorstellung zu ermöglichen. Und von Dresden aus zog das Werk im Triumphzug durch Deutschland, ja, halb Europa: von Nürnberg und München über Hamburg nach Frankfurt, und weiter nach Mailand, Prag, Wien – alles in den ersten drei Monaten nach der Uraufführung. An dieser Wertschätzung hat sich bis heute nichts geändert, »Der Rosenkavalier« – der nach dem Wunsch des Komponisten ursprünglich »Ochs auf Lerchenau« heißen sollte – nimmt nach wie vor eine Spitzenposition in den internationalen Aufführungsstatistiken ein.
Eine akustische Reise durch die »Rosenkavalier«-Gesamtaufnahmen beginnt mit einer ›halben Portion‹, die künstlerisch allerdings alles andere als eine solche ist. Robert Heger hat im September 1933 in Wien einen erweiterten Querschnitt mit den wichtigsten Szenen eingespielt. Mit Lotte Lehmann stand gleich bei dieser Studiopremiere eine der herausragendsten Marschallinnen überhaupt vor dem Mikrophon. Ihre klangreiche, warme und seelenvolle Stimme in Verbindung mit ihrer breiten Ausdruckspalette ist in der Tat eine Idealbesetzung. Der eher angestrengte Octavian von Maria Olszewska ist nicht selbstverständlich und souverän genug, die Sängerin ›macht‹ stets zu viel. Elisabeth Schumanns leicht dunkel timbrierter Sopran hebt als Sophie entzückend leicht nach oben ab, behält aber immer eine Art Erdverbundenheit.
Strauss hatte angeblich Richard Mayr vor Augen und Ohren, als er den Ochs ausarbeitete. Man kann es verstehen, wenn man erlebt, wie der Bassist alles quasi en passant serviert, mit unaufdringlicher Nonchalance ein sehr faszinierendes, pointiertes Porträt liefert. Robert Hegers zügige Tempi dürften genau Strauss’ Intentionen entsprechen. Erstmals sind hier auch die Wiener Philharmoniker mit dem Werk zu hören, das sie mit Fug und Recht als ihres betrachten dürfen – mehr Aufnahmen davon gibt es mit keinem anderen Orchester.
Auch an der MET war »Der Rosenkavalier« schon früh sehr beliebt, zur Saisoneröffnung 1949/50 wurde er unter Fritz Reiner im Fernsehen übertragen. Die Tonqualität ist trotz Remastering nicht wirklich berückend, da klingt die Heger-Aufnahme deutlich besser. Reiner lässt es an der nötigen Ruhe mangeln, selbst in den intimen Momenten wirkt alles drängend. Der ganzen Aufführung fehlt das typische »Rosenkavalier«-Flair, da atmet und entfaltet sich nichts, noch nicht einmal im Finale. Bei Eleanor Stebers Vererster Marschallin muss man leider feststellen, dass alles ziemlich einstudiert und unidiomatisch klingt, das ist keine wirklich empfundene Marschallin. Eine generell sinnliche Stimme wie die von Risë Stevens muss keinen sinnlichen Octavian abgeben, wie die uninspirierte Leistung der Sängerin beweist. Erna Berger gab an diesem Abend ihr MET-Debüt und erweist sich auch mit fast 50 noch als eine sehr mädchenhafte, glaubwürdige Sophie, erstaunlich leicht und höhensicher. Eine Kasperlefigur dagegen macht Emanuel List aus dem Ochs, schon bei seinem ersten Auftritt outriert er ganz schauerlich, dabei verfügte er für sein Alter noch über eine recht passable Stimme.
1954 entstand unter Erich Kleiber die erste vollständige Studioproduktion des Werkes. Würde Maria Reining hier klingen wie auf einem fünf Jahre zuvor entstandenen Mitschnitt aus Salzburg unter George Szell, nämlich genau im richtigen Alter und noch leuchtender, wäre das Hörerglück perfekt. So aber muss man sich mit einer etwas mütterlichen Version dieser warmen, ausgeglichenen, wenn auch nicht sonderlich farbenreichen Stimme begnügen. Sena Jurinac vereint hervorragende Artikulation, Klarheit, sichere Höhe und eine betörend samtige Stimme in schönster Blüte zu einem souveränen und natürlichen Octavian. Der silbrig schimmernde Sopran von Hilde Güden nimmt mit einer quirlig charmanten, manchmal etwas altklug wirkenden Sophie für sich ein. Sie hat die Partie hier besser in den Stimmbändern als im eben erwähnten Salzburger Mitschnitt. Ludwig Weber ist nicht der wortverständlichste Ochs, etwas weniger legato und etwas mehr parlando wäre hier und da wünschenswert, ansonsten aber bietet er einen jovialen, imposanten, energiegeladenen Ochs. Kleibers schön fließende Tempi arbeiten den Klangzauber des Werkes bestens heraus.
Nur zwei Jahre danach ging Herbert von Karajan mit dem Philharmonia Orchestra in London ins Studio. Elisabeth Schwarzkopfs verhauchte, vom Mikrophon gnädig ›aufgepolsterte‹ Soubrettenstimme raubt mit ihren Manierismen der Marschallin jede Glaubwürdigkeit, bei »Da geht er hin« meint man einer Diseuse zu lauschen. Besonders im Zusammenspiel mit Schwarzkopf wirkt Christa Ludwigs üppiger, leidenschaftlicher Quinquin manchmal fast zu ausladend und überschwänglich. Dafür ist die farb- und gesichtslose Sophie von Teresa Stich-Randall stimmlich unterbesetzt. Otto Edelmann ist als Lerchenau vokal geradezu herausragend, gibt der Rolle aber zu wenig Gesicht. Das gelingt ihm bei der Eröffnung des Großen Festspielhauses 1960 viel besser. Auch Herbert von Karajan überzeugt – wie fast immer – live mehr, wohl auch wegen der besseren Sänger. Lisa della Casa besitzt eine viel glühendere, leuchtendere Stimme als die Schwarzkopf, sie bietet die unverfälschte, noble Darstellung einer noch jungen Frau. Eine äußerst glückliche vokale Verbindung geht della Casa mit der hinreißenden Sena Jurinac ein, bei der es nur leichte Einbußen gegenüber 1954 gibt. Hilde Güdens Sophie allerdings beglückt nicht mehr in gleichem Maße.
Das entspannte, umsichtige Dirigat von Joseph Keilberth am Münchner Nationaltheater im Mai 1965 verrät den erfahrenen Strauss-Dirigenten. Claire Watson war damals in München auf die Marschallin abonniert, verleiht verleiht der Partie trotzdem kaum eigenes Gepräge. Sie besitzt sicher nicht die interessanteste oder schönste Stimme, singt aber recht sicher und zuverlässig. Auch die eher dunkel gefärbte, vollstimmige Hertha Töpper zählte zu dieser Zeit zur Standardbesetzung, ihr fehlt etwas der jugendliche Überschwang, sie wirkt leicht gesetzt, passt damit aber gut zu Watson. Erika Köth klingt überzeugend jung, wenn auch nicht leicht genug in der Höhe. Stimmlich durchaus elegant ist Kurt Böhme hier in seiner Leib- und Magenpartie zu erleben, der einzige Nicht-Österreicher, der auch gestalterisch als Lerchenau voll überzeugt.
Eine sehr charaktervolle, energische und selbstbewusste Marschallin präsentiert Regine Crespin in der 1968 entstandenen Einspielung unter Georg Solti. Sie ist als einzige Nicht-Muttersprachlerin eine wirklich differenzierte, idiomatische Interpretin, ehrlich und persönlich. Ihr zur Seite die sehr sinnliche, imponierende Yvonne Minton – bei diesem Paar ist die Luft erotisch aufgeladen. Die absolut entzückende Helen Donath, ganz und gar unverstellt, leicht, duftig, der Liebreiz in Person, ist die einzige Sophie, die es mit Lucia Popp aufnehmen kann. Manfred Jungwirth ist von den Wiener Vererster vokal der beste Ochs, darstellerisch dreht er manchmal etwas zu sehr auf, eine Art Großkotz mit großer Geste, bietet aber insgesamt eine überzeugende Mischung. Groß ist im Übrigen alles an dieser auch klanglich superben Aufnahme. Solti veranstaltet mitunter einen regelrechten orchestralen Overflow, durchaus mitreißend, aber sehr auf den Augenblick gerichtet und ohne den alles überspannenden Bogen.
Sehr durchwachsen präsentiert sich Leonard Bernsteins 1971 entstandener »Rosenkavalier«. Christa Ludwig demonstriert eine wunderschöne Gesangslinie (in der Höhe nicht immer ganz ohne Anstrengung), die Textbehandlung steht nicht im Vordergrund, da hat man die Sängerin schon deutlich prägnanter erlebt. Da sie dunkler timbriert ist als ihr Sopran- Quinquin verkehrt sie zudem die Relationen. Gwyneth Jones’ vibratoreiche Stimme ist nicht jedermanns Geschmack, auch ist eine deutliche Artikulation ihre Sache nicht, dennoch ist sie ein sehr leidenschaftlicher, differenzierter Octavian. Hat man Lucia Popp gehört, ist man für alle anderen Sophies verdorben, diese Charmeoffensive ist einfach zum Küssen, da geht einem das Herz auf. Dass man für den Ochs einen richtigen Bass braucht, zeigt Walter Berry, der in der Tiefe nicht satt genug ist, auch scheint er manchmal etwas blass, es wirkt alles zu korrekt. Und Bernstein? Keiner lässt sich mehr Zeit für das Werk, trotzdem ist er in einigen Passagen unglaublich hitzig und aufgedreht, um nicht zu sagen überdreht, alles in allem etwas unausgegoren.
Im selben Jahr führte Georges Prêtre in Neapel sein Ensemble geschmackund stilsicher durch die Oper, setzte aber kaum eigene Akzente. Gundula Janowitz ist eine wissende Marschallin von erlesener vokaler Kultur, wahrscheinlich die harmonischste Kombination aus schöner Stimme und überzeugender Darstellung. Kein dummes Mädchen, sondern eine bezaubernde Sophie, die weiß, was sie will, bietet die vollstimmige Ileana Cotrubas.
Die beiden übrigen Hauptdarsteller stehen auch im Juli 1973 auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper, wo der »Rosenkavalier«-Dirigent überhaupt, Carlos Kleiber, am Pult steht. Die sehr zügigen Tempi (er ist der Schnellste überhaupt!) gehen nie zu Lasten der Atmosphäre, keiner geht mit einer solchen rhythmischen und agogischen Raffinesse zu Werk. So wie Kleiber der ideale Maestro für das Werk ist, darf man Brigitte Fassbaender als den perfekten Quinquin bezeichnen: vollmundig, sinnlich, auftrumpfend und gleichzeitig verletzlich, wo nötig auch deftig. Eine bessere Besetzung lässt sich nicht denken, mehr Persönlichkeit und Authentizität bietet keine. Im Dialog mit ihr wirkt selbst Claire Watson frischer und lebendiger als acht Jahre zuvor. Und die Verbindung von Fassbaender mit der himmlischen Lucia Popp bedeutet Glückseligkeit pur. Karl Ridderbusch schließlich führt bei Prêtre wie bei Kleiber seine üppige, luxuriöse Stimme allzu sehr vor, da bleiben bei aller vokalen Pracht darstellerisch doch viele Wünsche offen.
In den seither vergangenen fast 40 Jahren kam nichts Erwähnenswertes in Sachen »Rosenkavalier« nach. Karajan ging 1982 noch einmal ins Studio, um eine durch und durch uncharmante Einspielung vorzulegen. Anna Tomowa-Sintows unpersönliche Marschallin ist ebenso entbehrlich wie Agnes Baltsas unstete Stimme und unverständliche Artikulation als Octavian, von der lustlos runtergeleierten Sophie Janet Perrys ganz zu schweigen. Einzig Kurt Moll imponiert vokal, ist aber als Figur allzu glatt und unwienerisch.
Ähnlich wenig vom Flair des Werkes vermittelt auch die gesichtslose Produktion mit Bernard Haitink und der Staatskapelle Dresden 1990. Kiri Te Kanawa pflegt ihre übliche Emotionsarmut und produziert vor allem – in der Tat – wunderschöne, exquisite Töne, die aber nicht den Sinngehalt widerspiegeln. Sie schafft es, keinerlei Interesse für diese ergiebige Rolle aufkommen zu lassen. Ein absolut müheloser, allerdings auch völlig unpersönlicher Quinquin ist Anne Sofie von Otter. Bei Barbara Hendricks Sophie hängt der »Himmel« tiefer, ihr fehlt ganz einfach die Höhe für die Partie – und sie klingt unterschiedslos wie immer. Selbst Kurt Rydl singt seine Partie einfach nur, ohne einen Charakter zu formen, insgesamt sehr gut, wenn auch nicht ganz locker in der Höhe.
Vor kurzem kam noch ein überflüssiger Mitschnitt aus London mit dem hart arbeitenden Andrew Davis dazu. Mit Anna Tomowa-Sintow und Ann Murray leidet der Abend unter zwei vibratoüberreichen und überreifen Hauptdarstellerinnen, von denen letztere zudem mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht. Die gewohnt qualitätsvolle Barbara Bonney als Sophie und der zumindest vokal noch immer sehr anständige Ochs von Kurt Moll können da nicht mehr viel ausrichten.

Muss man haben:

Kleiber, Reining, Jurinac, Güden, Weber

Naxos

Karajan, della Casa, Jurinac, Güden, Edelmann

Gala/Cargo

Solti, Crespin, Minton, Donath, Jungwirth

Decca

Brigitte Fassbaender, Lucia Popp, Karl Ridderbusch, Bayr. Staatsopernchor & Staatsorchester, Carlos Kleiber

Orfeo

Sollte man haben:

Heger, Lehmann, Olszewska, Schumann, Mayr

Naxos

Prêtre, Janowitz, Fassbaender, Cotrubas, Ridderbusch

Opera d´oro/ Sunny Moon

Kann man haben:

Karajan, Schwarzkopf, Ludwig, Stich-Randall, Edelmann

EMI

Keilberth, Watson, Töpper, Köth, Böhme

Orfeo

Bernstein, Ludwig, Jones, Popp, Berry

Sony

Braucht man nicht:

Szell, Reining, Novotná, Güden, Prohaska

Cantus/da musica

Reiner, Steber, Stevens, Berger, List

Naxos

Auf keinen Fall:

Karajan, Tomowa-Sintow, Baltsa, Perry, Moll

DG/Universal

Haitink, Te Kanawa, Otter, Hendricks, Rydl

EMI

Davis, Tomowa-Sintow, Murray, Bonney, Moll

Opus Arte/Naxos

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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