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Fanfare

Gründe, eine Reise nach Barcelona zu unternehmen, gibt es viele – und viele gute. Da sind, natürlich, zunächst die herbschönen Damen in der katalanischen Hauptstadt. Da sind zudem die herbschönen Häuser, die einst der ingeniöse Architekt Gaudi ersonnen hat. Dann gibt es in Barcelona ganz zufällig auch noch den besten Fußballklub der Welt, den CF Barcelona. Und damit sind wir bereits beim vierten zureichenden Grund, Barcelona zu besuchen: dem Gran Teatre del Liceu. So manches Mal hat man dort schon Erbauliches gesehen und zuweilen auch gehört. Als wir nun Kunde erhielten, im Liceu werde ein neuer »Parsifal« offeriert, packten wir selbstredend auf der Stelle die Koffer und flogen hin. Es war eine richtige, eine kluge Entscheidung. Denn die Inszenierung von Claus Guth besaß erkleckliche poetische Energien, Charme, Esprit, und vor allem besaß sie einen herausragenden Titelhelden. Klaus Florian Vogt ist einer jener in unserer (vor)lauten Zeit selten anzutreffenden Tenöre, der selbst bei Wagner nicht schmachten und schwelgen und brüllen muss, um sich verständlich auszudrücken. Auch die Sänger an seiner Seite wussten zu gefallen, allen voran Hans-Peter König als Gurnemanz, Alan Held als Amfortas und Boaz Daniel als Klingsor. Sie alle durften in Barcelona in einem bürgerlichen Salon agieren, womit der Regisseur Guth gewissermaßen den Bogen ins Heute spannte.
Guth ist, wie man schön sagt, ein Frankfurter Bub’. Und damit Sohn einer Stadt, die in der jüngeren Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht hat. Auch hier gibt es herbschöne Frauen (wenngleich nicht gar so herbschöne wie in Barcelona), eigensinnige (obschon: nicht wirklich einzigartige) Architektur, einen Fußballklub (der zurzeit jedoch seinem Ruf als launische Diva alle Ehre erweist, was bedeutet: die Eintracht verliert nur noch), ein Opernhaus, in das es sich (wieder) zu gehen lohnt, sowie jenen mächtigen Musentempel, der zwar keine Oper ist, aber so heißt: die Alter Oper. Just in den Tagen, da wir, aus geschäftlichem Anlass, in der Mainmetropole weilten, holte Elīna Garanča ihren im vergangenen Herbst abgesagten Konzertauftritt nach. Wie nicht anders zu erwarten, sang sie einige Stückchen ihrer aktuellen CD »Habanera«. Auf dem wunderbar warmen Klangteppich, den ihr das Orchester auslegte, wandelte die herbschöne Lettin mit inzwischen schon gewohnter vokaler Eleganz und gar zauberhaften Spitzentönen einher. Musik zum Dahinschmelzen.
Da wir beruflich länger in Frankfurt zu tun hatten, waren wir Tage zuvor schon in den Genuss eines Mahler-Abends mit dem Rundfunk-Sinfonie- Orchester des Hessischen Rundfunks gekommen. Mahler wird ja in dieser Saison landauf, landab gewürdigt. Doch nicht immer gelingt eine Interpretation so nachhaltig wie an diesem bitterkalten Abend am Main. Den größten Verdienst daran hatte der amerikanische Dirigent David Zinman: Hier delegierte ein alter Meister seines Fachs, einer, der nicht nur um die architektonischen, sondern auch um die binnenpsychologischen und philosophischen Absichten des Komponisten weiß. So souverän disponiert und dabei so packend hat man Mahler zuletzt von Claudio Abbado oder Mariss Jansons gehört.
Beim Stichwort Alte Meister fällt uns natürlich auch Menahem Pressler ein, der grandiose Pianist des Beaux Arts Trios. In München sahen und hörten wir ihn leibhaftig, diesen begnadeten Künstler, und zwar an der Seite von Musikern, die noch gar nicht geboren waren, als Pressler bereits eine Weltkarriere machte. Im Herkulessaal spielte er gemeinsam mit dem Quatuor Ébène, einer der derzeit besten jungen Formationen, das Es-Dur-Klavierquartett von Schumann und Dvorˇáks Klavierquintett in A-Dur. Ach, was sind das doch für hinreißend-wundervolle Werke! Und ebenso geriet auch in beiden Fällen die Interpretation. Wundervoll und hinreißend. Witzig und wild, trist und leise, lachend und weinend, mit einem Wort: kolossal.
Das ist so ein Wort. Man sollte es selten benutzen. Für ein Werk wie das »Deutsche Miserere« von Paul Dessau und Bertolt Brecht bietet sich das Attribut gleichwohl an, ist es doch eine Schöpfung, dessen politische Sprengkraft beinahe zeitlos erscheint. Das ist, wiewohl die Gattungsbezeichnung Oratorium lautet, Musik-Theater im ureigentlichen Sinne. Ein Theater, das sinnlich-sittlich berührt und den kritischen Geist anstachelt. An der Oper Leipzig wohnten wir der szenischen Erstaufführung bei. Und waren beeindruckt sowohl von der bildmächtigen Inszenierung des Regie- Haudegens Dietrich W. Hilsdorf als auch von der musikalischen Darbietung durch den Chor der Oper Leipzig, das von Aléjo Perez geleitete Gewandhausorchester sowie die Gesangssolisten Katja Beer, Karin Lovelius, Dan Karlström und Peteris Eglitis. Als wir es so sahen und hörten, kam uns kurz der Gedanke, Leipzig sei, obwohl ja weder die Frauen, noch die Architektur und schon gar nicht der Fußballverein besonders interessant anmuten, vielleicht doch keine gar so langweilige Stadt. Was natürlich nichts daran ändert, dass unsere heimliche Liebe Barcelona gilt ...
In diesem Sinne, herzliche Grüße
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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