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Musikstadt

Aldeburgh

Das englische Küstenstädtchen war die Heimat von Benjamin Britten und erbte sein Festival. Ein Rundgang im Vorgriff auf Brittens 100. Geburtstag.

Britten lebt hier.“ So steht es im Prospekt. Aber wie kann das sein? „The British Orpheus“, der erste seit Henry Purcell, der die Engländer schmerzlich daran erinnerte, dass sie eben kein Land klassischer Komponisten, noch viel weniger eines der Oper sind, er starb doch schon vor 37 Jahren. Vor 100 Jahren wurde er geboren, in Lowestoft, Suffolk, dem östlichsten Punkt der Insel. Daran erinnern wir uns. Gestorben ist er nicht weit davon, in Aldeburgh, ebenfalls an der melancholisch grauen Küste Suffolks, 140 Kilometer von London entfernt gelegen. Dort ist er auch begraben. Sein Stein ist so grau wie die Kieselsteine am Strand. Neben ihm liegt sein lebenslanger Partner und kongenialer Interpret, der Tenor Peter Pears (1910– 86). Und nicht weit weg findet sich das Grab von Imogene Holst, Brittens engster muskalischer Mitarbeiterin und Leiterin des Aldeburgh Festivals von 1956 bis 1977. In der Peter and Paul Church leuchtet zudem bunt und intensiv ein Glasfenster zu Brittens Erinnerung, der schließlich auch einige geistliche Kirchenspiele komponiert hat.
Geboren in Lowestoft, lange in London zu Hause. Aldeburgh ist es aber, das Benjamin Britten die Unsterblichkeit schenkte – und umgekehrt. Deshalb lebte der Komponist hier und er „lebt“ musikalisch als Gründerfigur des 1948 ins Leben gerufenen Festivals weiter, deshalb der doppeldeutige Ankündigungstitel zum Jubiläumsfest. Denn der Komponist ließ sich immer wieder vom rauen, rustikalen Charme des Örtchens am Fluss Alde mit seinen heute knapp 3000 Bewohnern einfangen und inspirieren. Am stärksten natürlich von seinem Meerblick, wo sich der oft stahlgraue Himmel mit den gleichfarbigen Wellen im Unendlichen verschmilzt. Meist liegt die See ruhig wie ein flacher Spiegel, aber sie kann auch stürmen und winden, peitschen und röhren. So wie es Britten in seinen großartigen Naturporträts der „Sea Interludes“ vertonte.
Hier spielt, auch wenn es nie genannt wird, die Geschichte seiner ersten und berühmtesten, 1945 uraufgeführten Oper „Peter Grimes“, die wiederum auf einem von 24 Briefen des Langgedichts „The Borough“ beruht, die der frühe Realist George Crabbe (1754–1832) im Jahr 1812 veröffentlicht hatte. Dieses „Dorf“ macht als biblisch atavistische Gemeinschaft den Fischer und Außenseiter Peter Grimes zu einem Ausgestoßenen. Dieser büßt für seine unzweifelhafte Schuld, indem er sich auf dem Wasser versenkt. Auch die Lehrerin Ellen Orford kann ihn nicht retten. Und die „Sea Interludes“, die die einzelnen Bilder der Oper gliedern, erzählen weiter vom Werden und Vergehen der Natur als unendlichem Kreislauf.
„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer“, so erzählte es Benjamin Britten. „Das Haus meiner Eltern in Lowestoft blickte direkt auf die See, und zu den Erlebnissen meiner Kindheit gehörten die wilden Stürme, die oftmals Schiffe an unsere Küste warfen und ganze Strecken der benachbarten Klippen wegrissen. Als ich ‚Peter Grimes‘ schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen – trotz aller Problematik, ein derart universelles Thema dramatisch darzustellen.“
Tatsächlich ist das Wetter hier aber meist freundlich. Deshalb kommen viele Touristen im Sommer, die die Einwohnerzahl von Aldeburgh leicht auf ein Vielfaches anschwellen lassen. Sie wohnen in Ferienhäusern und in den paar Hotels, die sich schick aufgehübscht am Strand präsentieren. Hier liegen auch die beiden populären Fish & Chips- Shops, einer soll gar der beste von ganz England sein. Mitten durch das Städtchen führt die High Street. In weiß gerahmten Schaufenstern locken edle Stoffe, Vasen und allerhand Schnickschnack. In Fischerhütten wird direkt der zum Teil noch lebende Fang aus den Booten verkauft, ein alter Wachturm erinnert an die napoleonischen Kriegszeiten. Man kann hier herrlich durch die Dünen laufen. Mitten im Ort am Strand steht auch die alte Townhall aus Fachwerk, die 400 Jahre lang der Versammlungsort und sozialer Mittelpunkt des Dorfes war. Heute gibt es die modernere Jubilee Hall, in der 1960 die Britten-Oper „A Midsummer Night’s Dream“ uraufgeführt wurde, und die heute noch vom Aldeburgh Festival bespielt wird.
Das freilich hat – trotz seines Namens – seinen Hauptsitz im sieben Kilometer entfernten, malerisch am sumpfigen, von Schilf umstandenen Flussufer liegenden The Maltings in dem Dörfchen Snape. Das ist die alte Mälzerei der ehemaligen Brauerei, in der heute das Festival stattfindet. 1938 war Britten hierhergezogen. Während des Krieges hielt er sich freilich in Kanada und in den USA auf. Und als er wieder mit Peter Pears zurückkehrte, zogen die beiden Männer – Künstler, schwul und pazifistisch – 1947 mit Dachshund Clytie lieber ins Crag House im nahen Aldeburgh. Hier konnte Britten auf die See sehen und seine Spaziergänge machen, auf denen er oft seine Werke im Kopf entwickelte. Als er dann freilich immer berühmter und selbst zu Hause wie in einem Goldfischglas bestaunt wurde, wechselte er ins Red House, das heute Museum und Britten-Forschungsstätte ist. Modernistisch nüchtern ist es dort, dank eines Anbaus mit viel Glas. Hier empfing man Freude, auch so berühmte wie Dmitri Schostakowitsch, Mstislaw Rostropowitsch oder Dietrich Fischer-Dieskau, die regelmäßig in das noch heute wegen seiner exzellenten Akustik berühmte The Maltings kamen.
War der ursprüngliche Anlass des von Britten, Pears und dem Librettisten Eric Crozier ins Leben gerufen Festivals der Wunsch, eine Spielstätte für ihre gemeinsame Operntruppe, die English Opera Group zu finden, so wurde die Idee bald auf Dichterlesungen, Literatur- und Theaterveranstaltungen, Vorträge und Kunstausstellungen erweitert. Mit der Zeit wuchsen die Dimensionen des Festivals und weitere Spielorte wie die Kirche Saint Peter and Saint Paul sowie die nahegelegenen Orte Orford, Blythburgh und Framlingham kamen hinzu. In den Sechzigerjahren wurde The Maltings zur großen Konzerthalle mit 832 Plätzen umgebaut und durch Königin Elizabeth II. am 2. Juni 1967 anlässlich der Eröffnung des 20. Aldeburgh Festivals eingeweiht.
Wie schon von seinen Gründern intendiert, sind bis heute Uraufführungen Neuer Musik, die Präsentation neuer Interpretationen und die Wiederentdeckung vergessener Musik Schwerpunkte des Festivalprogramms. Seit Beginn widmet sich das Festival der Pflege junger Talente, indem junge Künstler mit etablierten Stars zusammengebracht werden. 2009 wurden neue Gebäude, so das Hoffmann Building, das Britten-Studio mit 340 Sitzen und das Jerwood Kiln Studio mit 75 Sitzen errichtet. Und stets waren die Leiter des Festivals selbst Künstler. Nach dem hoffnungsvollen Komponisten Thomas Adès ist das seit 2009 der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard.
Noch immer ist es als eine der Keimzellen der englischen Musik ein sehr besonderer Ort. In dem hölzernen Innenraum scheint der Klang wie in einem Schoß zu ruhen. Man kann in den Konzertpausen in der hinten angebauten Bar stehen und auf das im Sonnenuntergang so friedliche Marschland des Flusses blicken. Und man könnte meinen, Britten käme gleich um die Ecke. Denn ja, irgendwie lebt er noch hier.


Das Festival

Das 66. Aldeburgh Festival findet vom 7. bis 23. Juni statt. Doch auch jenseits der eigentlichen Saison gibt es ständig Aktivitäten, so die Neuinterpretation der „Canticles“ durch den Tenor Ian Bostridge, den Regisseur Neil Bartlett und den Klangkünstler Chris Watson im Mai. Im November kommt der hier 1973 uraufgeführte „Death In Venice“ neu heraus. Höhepunkte der eigentlichen Saison sind eine Freiluftaufführung von „Peter Grimes“ (Regie: Tim Albery) direkt am Strand, sowie szenische Vorstellungen der drei für die Oxford Church komponierten „Church Parables“. Außerdem wurden neue Werke bei Harrison Birtwistle, Wolfgang Rihm, Judith Weir, Magnus Lindberg, Poul Ruders und dem unlängst verstorbenen Richard Rodney Bennett in Auftrag gegeben.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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