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New York Philharmonic / Alan Gilbert

Jede Tournee ein Familienausflug

2009 ging ein Ruck durch New Yorks Klassikszene: Mit Alan Gilbert wurde zum ersten Mal ein New Yorker Chef des 1842 gegründeten Traditionsorchesters, an dessen Spitze Dirigenten wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini und Leonard Bernstein gestanden hatten. Im Mai demonstrieren die New Yorker auch in Deutschland und Österreich, dass sie nach wie vor zur Orchester-Weltspitze gehören. Jörg Königsdorf traf Alan Gilbert zu einem Gespräch.

RONDO: Mr. Gilbert, Sie sind als gebürtiger New Yorker mit dem Orchester aufgewachsen, dessen Chef sie sind. Können Sie sich noch an das erste Mal erinnern, als Sie die Philharmoniker gehört haben?

Alan Gilbert: An das erste Mal nicht, aber ich weiß, dass ich schon früh in die Kinderkonzerte gegangen bin. Von daher war es für mich normal, dass in Konzerten auch gesprochen und die Musik erklärt wurde. Und ich weiß noch, dass ich furchtbar enttäuscht war, als ich zum ersten Mal in ein richtiges Konzert durfte und da keiner etwas gesagt hat.

RONDO: Ihr Vater hat bei den New Yorkern gespielt, ihre Mutter sitzt dort immer noch am Pult. Sie sind also sozusagen das Baby des ganzen Orchesters.

Gilbert: In gewisser Weise schon, denn ich bin schon als Kind mit auf die Tourneen gefahren. Natürlich habe ich da eine Menge Erinnerungen: Wie ich mit den Kollegen meiner Eltern irgendwelche Elektrospiele gespielt habe, wie ich die Pässe eingesammelt habe und so weiter. Und als ich einmal auf einer Tour in Utah von einem der Musiker zum Wandern mitgenommen wurde, hat er mir anschließend zur Belohnung einen Rucksack geschenkt. Als ich 2009 Chefdirigent wurde, kannte ich noch sehr viele Musiker – das war fast wie die Rückkehr zu einer Familie.

RONDO: Dass Musiker mit ihren Kindern verreisen, war damals sicher ziemlich ungewöhnlich.

Gilbert: Ich glaube, meine Eltern waren damals die ersten, die ihre Kinder – mich und meine Schwester – mitgenommen haben. Einige Musiker haben das damals wohl ziemlich unpassend gefunden, aber es ging nun mal nicht anders. Wo sollten wir denn sonst hin? Übrigens ist auch jetzt jede Tournee für uns ein Familienausflug: Da meine Mutter noch spielt, kommt auch mein Vater mit.

RONDO: Als Chef zu einem Orchester zu kommen, dessen Mitglieder man von Kind auf kennt, kann aber ziemlich heikel sein. Zum Beispiel, wenn man ältere Musiker entlassen muss, weil sie nicht mehr gut genug sind.

Gilbert: Das stimmt. Und auch wenn ich mir sage, dass solche Gespräche nicht persönlich gemeint sind, sind sie es für den Betroffenen natürlich doch. Zum Glück ist das bisher nicht oft passiert. Aber grundsätzlich ist die Sache klar: Ich bin dafür verantwortlich, dass das Orchester die Spitzenleistung bringt, die man von ihm erwartet, also gehört es auch zu meinem Job, die Musiker auszusuchen, mit denen das möglich ist. Davor kann ich mich nicht drücken und sagen: »Wir spielen schon gut genug.« Wir wollen die Besten sein.

RONDO: Wie würden Sie die besonderen Stärken der New Yorker Philharmoniker beschreiben?

Gilbert: Mich beeindruckt die Flexibilität, durch die das Orchester in der Lage ist, ein erstaunlich breites Repertoire stilistisch überzeugend zu spielen. Und der Ernst, mit dem sie Musik machen. In den Proben brauchen wir nie über Basics zu reden, weil alle exzellent vorbereitet sind. Deshalb können wir unsere Zeit dazu nutzen, pure Musik zu machen.

RONDO: Was lernen Sie von ihren Musikern?

Gilbert: Orchester wie die New Yorker haben bei Werken, die sie kennen, eine starke Tendenz, bestimmte Dinge von allein zu tun. Zum Beispiel pendelt sich ein bestimmtes Tempo fast automatisch ein. Das hat sicher mit der Tradition zu tun, die durch etliche große Chefdirigenten geprägt wurde – denken Sie an Persönlichkeiten wie Bernstein und Boulez, Mehta, Masur und Maazel, die alle hier Chefs waren. Diese Traditionen sind oft wunderbar, aber manchmal auch nicht. Für mich liegt die Herausforderung darin, eine Balance zwischen diesem kollektiven Wissen und meinen eigenen Interpretationsansichten zu finden. Diese Balance verschiebt sich jeden Abend neu: Man merkt beispielsweise, dass das Orchester an einer bestimmten Stelle wie ein Organismus zu atmen beginnt und plötzlich mehr Zeit braucht.

RONDO: Würden Sie sich als spontanen Musiker bezeichnen?

Gilbert: Das muss ich sein, denn meine Aufgabe ist schließlich, dass eine Sinfonie jeden Abend wieder frisch klingt – auch wenn das Orchester sie auf einer Tournee schon zum zehnten Mal spielt. Wenn Musik Routine wird, sollte man den Beruf wechseln. Furtwängler hat einmal gesagt, jede Sinfonie sei wie ein Fluss: Immer der gleiche und dennoch immer anders. Das kommt meinem Ideal sehr nahe. Ich versuche immer die großen Linien eines Werks organisch zu entwickeln und die Details auf eine möglichst selbstverständliche Weise einzubinden, statt sie spektakulär herausstechen zu lassen.

RONDO: Sie haben sich in ihren ersten eineinhalb Jahren als Philharmoniker- Chef stark mit neuer Musik profiliert.

Gilbert: Ja, obwohl ich mich gar nicht als Spezialist verstehe. Ich finde solche Unterscheidungen ohnehin ziemlich willkürlich: Letztlich geht es mir doch bei jedem Werk darum herauszufinden, was es über mich selbst und das Leben sagt. Nur die Sprache zeitgenössischer Musik ist nicht so vertraut, auch weil sich jeder Komponist seine eigenen Regeln setzen kann. Für mich ist es deshalb zentral, mehrere Werke eines Komponisten zu spielen – etwa von Magnus Lindberg, unserem Composer-in-residence. Denn nur so wird das Publikum überhaupt mit seiner Musiksprache vertraut und versteht sie von Mal zu Mal besser.

RONDO: Hatte New York in Sachen Moderne Nachholbedarf?

Gilbert: Tatsächlich gibt es in New York zwar eine Menge moderner und Avantgarde-Kultur, aber sie hat in der letzten Zeit nicht das Profil der Stadt prägen können. Und auch die Philharmoniker waren in dieser Hinsicht nicht besonders aktiv und hatten keine starke Verbindung zur ›downtown scene‹. Ich würde mir wünschen, dass es uns gelingt, da neue Impulse zu geben und meine bisherigen Erfahrungen waren sehr positiv: zum Beispiel mit der New Yorker Erstaufführung von Ligetis »Grand macabre« und der Aufführung des Orchesterwerks von Varèse. Beide Projekte waren große Erfolge.

RONDO: Während alle übrigen amerikanischen Orchester kaum mehr Tourneen unternehmen können, sind die New Yorker nach wie vor fleißig unterwegs: Deutschland besuchen Sie beispielsweise zum dritten Mal innerhalb eines Jahres. Welchen Stellenwert haben solche Reisen für das Orchester?

Gilbert: Tatsächlich sind wir das einzige US-amerikanische Orchester, das so regelmäßig auf Tournee gehen kann – natürlich auch dank großzügiger Sponsoren wie beispielsweise Credit Suisse. Aber darüber hinaus war das Reisen für die New Yorker Philharmoniker schon immer etwas anderes als für andere Orchester – die zentrale Bedeutung solcher Tourneen geht ja bis in die Ära Toscaninis zurück. Ich glaube, man hat hier traditionell das Gefühl, nicht nur für die Stadt, sondern für die ganze Welt zu spielen. Kennzeichnenderweise haben wir ja auch Förderer überall auf der Welt. Und natürlich sind Tourneen ein sehr gutes Mittel zur Steigerung der Spielkultur: Der besondere Druck, der bei Auftritten in Berlin oder Wien auf den Musikern lastet, setzte einfach eine Extraportion Adrenalin und Konzentrationsfähigkeit frei – mehr noch als die Situation im Aufnahmestudio. Und wenn die Musiker von einer Tour zurückkommen, spielen sie einfach besser.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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