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Edda Moser

Ersungenes Glück

Halbe Sachen hat es bei ihr nicht gegeben. Immer war sie mit ganzem Herzen und voller Leidenschaft dabei. Und so ist auch ihre (Auto-)Biografie: keine nette Aneinanderreihung von Anekdötchen und Histörchen, sondern ein sehr persönlicher, ungeschminkter Lebensbericht. Im Verein mit Thomas Voigt, dem wir schon etliche aufschlussreiche Sängerbücher verdanken, hat Edda Moser ihre Erinnerungen aufgeschrieben und Erlebtes im Gespräch aufgearbeitet. RONDO druckt nachfolgend exklusiv einen Ausschnitt aus dem dieser Tage erscheinenden Buch, in dem die Sopranistin unter der Überschrift »Gesang: Eros und Meditation« über ein Schlüsselerlebnis mit Fritz Wunderlich, Seele und Eros, das Singen mit dem ganzen Körper und ihre Ehe spricht.

Warum üben manche Sänger, vor allem Tenöre und Soprane, eine so starke Faszination auf das Publikum aus? Warum musste man Odysseus fesseln, damit ihn der Gesang der Sirenen nicht ins Verderben riss?
Es war bei einem Konzert in Berlin, als mir dieses Phänomen zum ersten Mal bewusst wurde: eine Aufführung von Mozarts »Requiem« mit Fritz Wunderlich unter Karajans Leitung. Es fand im Saal der Hochschule der Künste statt, da es die neue Philharmonie noch nicht gab. Und als Wunderlich die ersten Töne sang, schien sich der Himmel aufzutun. Es war ein Gesang, der tief zu Herzen ging und die Sinne berauschte. Man hätte vor Rührung weinen können und war zugleich erotisiert. Diesen ebenso beseelten wie erotischen Klang habe ich noch oft gehört, zum Beispiel in den Aufnahmen von Joseph Schmidt und Jussi Björling. Oder als Partnerin von Corelli, Domingo und Pavarotti. Fast immer waren es Tenöre, von denen diese Wirkung ausging. Für mich hat die Erotik des Singens auch mit der Tonhöhe zu tun. Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen deshalb der Oper ein Leben lang verfallen, weil sie diese besondere Mischung aus Meditation und Eros nirgendwo anders so intensiv erleben.
Dabei ist es eigentlich logisch, dass guter Gesang eine solche Wirkung haben kann: Singen fordert gleichermaßen Geist, Seele und Körper, und von daher kann es nicht verwundern, wenn auch beim Zuhören der ganze Mensch beteiligt ist. Es gibt Partien, die nach einer Erotik in der Stimme geradezu schreien. Zum Beispiel »Carmen« oder »Don Giovanni«. Aber ich wage zu behaupten, dass der Eros grundsätzlich zum Gesang gehört, bei einem Roméo in Gounods Oper genauso wie bei einem Evangelisten. Nur strahlt nicht jeder Sänger ihn aus: Man spricht von Sängern mit und ohne Unterleib. Schlichtweg grotesk finde ich, dass man Wunderlich vorgeworfen hat, er habe bei Bach zu sinnlich geklungen. Die Kraft des Glaubens und die Kraft des Eros sind keine Gegensätze, schon gar nicht beim Singen.
Dass auch ich als Sängerin diese erotisierende Wirkung hatte, weiß ich aus vielen Briefen. Und sicher hatte das nicht nur damit zu tun, dass man mich attraktiv fand. Es war vor allem die Eigenart meines Singens, die solche Gefühle auszulösen vermochte. Und wie hätte es auch anders sein können: Ich habe meine ganze Erotik auf der Bühne ausgelebt. Damit meine ich nicht erotische Schwingungen mit bestimmten Kollegen, sondern das Sich-Versenken in die Musik, das Einswerden mit einem Partner oder einem Dirigenten, die völlige Hingabe an das gemeinsame Musizieren. Das war meine Erotik. Und wahrscheinlich war das der Grund, warum ich manchen anrühren konnte.
Außerhalb der Bühne fand bei mir keine Erotik statt. In meiner Ehe, die sich immerhin über 18 Jahre erstreckte, fehlte sie ganz und gar. Wir hatten aus purem Trotz geheiratet. Meine Mutter war vehement dagegen gewesen, weil sie einen anderen für mich ausgeschaut hatte. Diese Widerstände schmiedeten uns kraftvoll zusammen, und uns blieb keine Zeit, einander wirklich kennenzulernen. Anfangs lebten wir in einer winzigen Wohnung, die so klein war, dass wir mit dem Toaster heizten. Zwar hatte mein Mann beruflich mit Musik zu tun, doch ich glaube nicht, dass er viel vom Singen verstand. Er sagte: »Du singst, und ich mache den Rest!« Und den machte er sehr gut – zu gut, wie ich später erfuhr. Er war wesentlich mehr auf die »große Karriere« bedacht als auf mein seelisches Gleichgewicht; sein ganzer Ehrgeiz zielte darauf, dass ich reich und berühmt werde. »Du musst jeden Tag in der Zeitung stehen!« war sein Credo. Ich probte und sang und reiste umher bis zur Erschöpfung. Mit jedem Auftritt wuchs die Müdigkeit, in der Stimme, in der Weiblichkeit, in der Seele. Und eines Tages sagte er den fürchterlichen Satz: »Wenn du absagst, lasse ich mich scheiden.« So begann ich Cortison zu nehmen. Warum habe ich all das mitgemacht? Noch heute packt mich die Wut bei dem Gedanken, wie weit ich mich treiben, wie viel ich mir gefallen ließ. War es die Sehnsucht nach Geborgenheit, auf die ich trotz allem noch hoffte?
Wenn ich von einer anstrengenden Reise nach Hause kam, gab es weder traute Zweisamkeit noch Entspannung oder Erholung. Das Haus war voll von seinen Freunden, jeder wollte »den Hund mit zwei Köpfen« sehen. Irgendwann hörten wir uns nicht mehr zu, und irgendwann hatten wir uns auch nichts mehr zu sagen. Jeder vereinsamte für sich.

Edda Moser (mit Thomas Voigt): Ersungenes Glück

RONDO Ausgabe 2 / 2011



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