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Meister aller Klassen

Die Zeiten, in denen man das Wort Meisterklasse mit elitären stuckbeladenen Konservatorien in Verbindung brachte, wo verwitterte Autoritäten hinter verschlossenen Eichentüren eherne Kunstwahrheiten predigen, sind vorbei. Denn Meisterklassen haben sich in den letzten Jahren zu einer populären und höchst öffentlichen, dabei durchaus einträglichen Veranstaltungsform entwickelt, wie Carsten Niemann berichtet.

Für aufstrebende Musiker ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, mehrere solche Fortbildungsveranstaltungen in den Lebenslauf zu schreiben, aber auch Hochschulen steigern ihre Attraktivität, wenn sie Meisterklassen, mehrtägige Meisterkurse und Workshops mit prominenten Musikern anbieten. Dann gibt es noch eine Unzahl von Festivals, Kulturhäusern, staatlichen und privaten Weiterbildungsstätten sowie Sommerakademien: idyllische Orte zumeist, wo lern- und zahlungswillige Musiker auf Aha- Erlebnisse jenseits des grauen Übealltags hoffen. Die Vielfalt der Zielgruppen und Angebote ist so groß, dass sich gleich mehrere Internetportale darauf spezialisiert haben, Lernwillige und interessierte Laien mit Groß- und Kleinmeistern zu verkuppeln: Über 700 Angebote mit fast 600 Dozenten in 11 Ländern listet das Portal meisterkurse.com auf.
Kein Zufall ist es, dass die Kronberg Academy, der privat finanzierte Aufsteiger unter den deutschen Ausbildungsstätten in Deutschland, es zu einem der international renommiertesten Anbietern von Meisterkursen für Streicher und insbesondere Cellisten gebracht hat. Begonnen hat alles mit einem Cello-Festival zum 20. Todestag von Pablo Casals, das 1993 im mittelalterlichen Städtchen Kronberg im Taunus veranstaltet wurde. Parallel zum Festival wurden auch Meisterkurse angeboten. Sie stießen auf eine so hohe Nachfrage, dass sie sich auch unabhängig von dem im Zweijahresrhythmus stattfindenden Event etablierten und schließlich zur Gründung einer ganzjährig aktiven Ausbildungsstätte für hochbegabte junge Streicher führten.
Erfolgsrezept ist ein Dreiklang aus effektivem Sponsoring, einem idyllischen Standort in ausreichender Nähe zu Frankfurt und seinem internationalen Flughafen – und vor allem die auch post mortem prägende Gestalt von Mstislaw Rostropowitsch. Cellisten wie Pergamenschikow, Helmerson, Starker oder der Casals-Schüler Greenhouse stehen dabei für einen Mix aus internationalen Podiumsstars und Musikern, die sich ganz speziell als Pädagogen einen Namen gemacht haben. Inzwischen hat man die Aktivitäten auf alle Streichinstrumente ausgeweitet, wobei es diesmal Gidon Kremer ist, der als Zugpferd des Unternehmens dient.
Doch auch die traditionellen Hochschulen werben verstärkt mit Meisterklassen, Meisterkursen und öffentlichen Workshops. Dabei entwickeln sie zum Teil innovative und publikumswirksame Formate. So hat die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin das »kritische Orchester« ins Leben gerufen, bei dem ein ganzes Orchester aus erfahrenen Profis als kollektiver ›Meister‹ fungiert und den angehenden Dirigenten Feedback über seine Tätigkeit gibt. An der Berliner Universität der Künste hingegen hat der Cellist und Dirigent Heinrich Schiff eine weitere Marktlücke entdeckt: Workshops, in denen Solist und Dirigent gleichzeitig unterrichtet werden. Auch wegen Schiffs Entertainerqualitäten hat sich das Angebot zu einem Geheimtipp auch für passive Teilnehmer entwickelt: Schaupielernd führt er den Studierenden vor, wie weniger begabte Dirigenten und Solisten Unsicherheiten zu kaschieren suchen, klärt Solisten über ihre Rechte auf oder gibt eine satirische Demonstration in der Kunst, ein Orchester zu einem heiklen Pianissimo-Einsatz zu bewegen.
Doch was kann man in den wenigen Minuten oder Stunden, die einem bei einer Meisterklasse zur Verfügung stehen, überhaupt vermitteln? »Ich beobachte immer wieder, dass in Meisterklassen die gleichen Dinge angesprochen werden wie beim eigentlichen Lehrer auch«, sagt Wolfram Rieger, der als Professor für Liedbegleitung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler lehrt und als Pianist an legendären Meisterklassen von Schwarzkopf, Hotter und Fischer- Dieskau mitwirkte. »Es geht um Texttreue, es geht um Genauigkeit, und es geht um die Intensität und Tiefe der Interpretation. Aber es wird aus einem anderen Blickwinkel thematisiert, und bei manchen Studenten gehen dann manchmal einfach die Türen auf und sie verstehen, was vorher lange bearbeitet wurde und einfach nicht klappte.«
So befriedigend solche Erweckungserlebnisse auch sein mögen, Rieger warnt davor, auf den kurzen, schnellen Erfolg zu setzen. Die Regel sei es, dass in Meisterklassen Lunten gelegt werden, die langfristig glimmen: »Weil die künstlerische Ausbildung kein Bereich ist, in dem man im Normalfall Dinge von heute auf morgen erreicht.« Und dies sei auch der Grund dafür, dass in Meisterkursen so viel über Interpretationen, aber verhältnismäßig wenig über Technik gesprochen werde: »Der Aufbau einer Technik ist ein langfristiger Prozess, und wenn man das im Laufe einer Woche alles umdrehen würde, dann käme da nur ein ganz irritierter Student heraus.«
Doch gerade diese Konzentration auf die Interpretation ist es, was Meisterklassen auch bei zuhörenden Musikinteressierten so attraktiv macht. Dass man bei einem so intimen Vorgang wie der Arbeit an einer Interpretation überhaupt Öffentlichkeit zulässt, liegt für Rieger in der Natur des Metiers: »Wir geben im Musizieren unsere privatesten Gedanken preis, gerade auch bei den Liederabenden. Und insofern ist das kein so großer Schritt, dass man auch die Arbeit an diesen feinen Seelenregungen und ganz persönlichen Emotionen vor einem Publikum stattfinden lässt.« Wie bei einem Konzert sei das Publikum mit seinen Reaktionen, seiner Aufmerksamkeit und Energie auch bei einer Meisterklasse Teil des Geschehens: »Die Spannungsverläufe sind ganz ähnlich!« Mit der Öffentlichkeit der Meisterkurse wächst langsam auch die Zahl von Mitschnitten. Auch hier engagiert sich die Kronberg Academy mit Dokumentationen ihrer Meisterklassen, die mit Interviews und Konzertmitschnitten kombiniert sind. Auch die Dokumentation der Meisterklassen, die Daniel Barenboim im Zusammenhang mit seiner Gesamteinspielung der Beethoven- Sonaten mit so prominenten Schülern wie Lang Lang und David Kadouch produzierte, verdient Nachahmer. Denn es kann wohl kaum eine bessere Einführung in Werk und Interpretationsauffassung geben als das konzentrierte Ringen des Interpreten mit talentierten, aber im Wesen völlig unterschiedlichen Schülern.
Ein Nichtmusiker, der seine private Begeisterung für Meisterklassen zur Lebensaufgabe gemacht hat, ist der britische Dokumentarfilmer und Emmy-Preisträger Mischa Scorer. Unzufrieden mit den Produktionsbedingungen bei seinem jahrzehntelangen Auftraggeber BB C hat er einen Neuanfang gesucht: »Ich habe mir die Frage gestellt – was hat mir am meisten Spaß gemacht? Und die Antwort war: mit klassischen Musikern zu arbeiten und sie zu filmen.« Kurz darauf bekam Scorer vom Royal College of Music in London die Anfrage, eine Meisterklasse von Bernard Haitink »für die Nachwelt« festzuhalten. Ermutigt vom Erfolg der Produktion und Nachfragen von weiteren Konservatorien beschloss er, die Arbeit in systematischer Weise fortzuführen. »Dennoch wurde bald klar, dass dies nie eine kommerziell erfolgreiche Operation werden würde« Scorer organisierte sein Projekt darum als gemeinnützige Stiftung, die Masterclass Media Foundation.
Seit dem Start im April 2005 sind inzwischen 34 Produktionen erschienen mit Publikumsstars wie András Schiff, Maxim Vengerov, Thomas Quasthoff oder Hakan Hardenberger, aber auch so legendären Lehrerpersönlichkeiten wie Zakhar Bron oder Ana Chumachenko. Untertitel kann sich das kleine Unternehmen noch nicht leisten – Unterrichtssprache ist, neben Händen und Füßen, ein in vielen Dialekten schillerndes Englisch. Dennoch liefert das Zwei-Mann-Unternehmen seine Produktionen an Privatpersonen und Institutionen in 70 Ländern; 100 Konservatorien haben das komplette Angebot geordert, und die auf YouTube veröffentlichten Ausschnitte brachten es auf eine Millionen Klicks. Ein Musikliebhaber in Neuseeland hat sogar einen Masterclass-Club gegründet, der regelmäßig die neuesten Produktionen begutachtet und diskutiert. Auch wenn Meister nicht vom Himmel fallen: Unbeobachtet auf ihren Wolken schweben sie längst nicht mehr.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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