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Erwin Schrott

Aus der Hüfte singen

Sein Lebensmittelpunkt ist derzeit Wien, wo er sich auch mit RONDO-Autor Robert Fraunholzer zum Gespräch traf. Doch für seine neue CD zog es Erwin Schrott musikalisch in seine Heimat Uruguay, das bekanntlich auch die Heimat des Tangos ist. Und dass man den vor allem mit der Seele singt, daran lässt der Bassbariton keinen Zweifel.

Der kleine Knopf über den trainierten Muskelpaketen spannt bis zum Zerbersten. Auf naturgebrutzelt brauner Haut baumelt kokett ein Kreuz-Amulett, das ihm – so sagt er – Anna Netrebko umgehängt hat. Nur was ein sogenannter ›Barihunk‹ ist, das zu verstehen bestreitet er. Erwin Schrott, Inkarnation eines Latin Lovers mit der Stimmlage Bariton, wurde als Freund von Anna Netrebko einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. »Wir Baritone sind alle hunky«, scherzt er bescheiden. Der 38-Jährige gehört ohne Zweifel zu den »sexiest baritones alive«.
Doch er ist mehr als nur ein bassbaritonaler Schönling. Im Salzburger »Don Giovanni« (2008 in der Regie von Claus Guth) war er ein formidabler Leporello, der für den Helden zittert, Buch führt und ihn dabei stimmlich zuweilen überflügelt (Superb auch auf DVD!). Jetzt in Wien, wo wir den flachsenden Südamerikaner am Rande einer »Figaro«-Probe treffen, ist er sich nicht zu schade, von der Titelrolle, die er an der Wiener Staatsoper oft gesungen hat, auf die Rolle des Grafen zurückzugehen (ebenso wie beim »Don Giovanni« von der Titelrolle auf den Leporello). Und zwar, um dem eigenen Fach treuzubleiben. »Jeder macht die Karriere, die er verdient«, so Schrott. Dazu gehört bei ihm ein Maß an Uneitelkeit und Selbsterkenntnis, das selten geworden ist.
Auch seine CD-Karriere ging er zögernd an. »Ich wollte eigentlich gar nicht«, sagt er im Sitzungsraum der Wiener Staatsoper, wo er locker im Direktorenstuhl fläzt. »Dass ich zu meiner ersten CD, damals bei der Decca, überhaupt zugestimmt habe, das lag nur an einer sehr gut zubereiteten Paella in Valencia.« Später nahm ihn Manager Bogdan Roscic mit rüber zur Sony. Dort geht Schrott erneut ein bescheidenes Schrittchen die Treppe abwärts. Auf eine Tango-CD nämlich, wie er sie jetzt vorlegt, warten Sänger normalerweise bis zum Herbst der Stimme, wenn die Verdi-Kantilenen und Puccini-Juchzer brüchig geworden sind. Nicht so Erwin Schrott. Der singt im vollen Saft seines finster erotisierenden Bassbaritons.
»Die Wurzeln des Tangos liegen unweit von meiner Heimatstadt Montevideo «, sagt Erwin Schrott. Tatsächlich stammte der berühmteste Tango- Sänger von allen, Carlos Gardel, aus Uruguay. »Wir Uruguayer lieben es offenbar, in der Liebe zu leiden, und das hat sich zunächst im Blut und anschließend im Tango niedergeschlagen.« Wenn man die tiefschwarzen Stoß- und Jauchz-Gesänge seiner CD hört, wundervoll begleitet unter Leitung von Pablo Ziegler, wird das Singen als Ganzkörper-Erfahrung verständlich. Schließlich wird der Tango aus der Hüfte heraus getanzt. Und anscheinend auch gesungen.
Gut geht der Tango dagegen selten aus. Fast alle Tangos handeln davon, dass ein Liebhaber für seine Angebetete alles getan hat, treu war, aufopfernd und liebesglühend, und danach dennoch verlassen wurde. »Ist das nicht bei allen Menschen so?«, fragt Erwin Schrott eben, da klingelt sein Mobiltelefon. Und Anna Netrebko ist dran und schwärmt – unweit in der Wiener Inneren Stadt, wo die beiden leben – von den neuesten Fortschritten des gemeinsamen zweijährigen Sohnes Tiago. »That’s my boy!«, jubelt Erwin.
»Firmentechnisch sind wir Konkurrenten«, so Schrott auf die Frage, ob die beiden Sänger nicht demnächst mal ein gemeinsames Album vorhaben. »Wir leben zusammen und planen getrennt.« Vielleicht gibt es auch zu wenig gemeinsames Repertoire. Während sich Schrott eher von Verdi wegbewegt (geplant sind Offenbachs Bösewichter in »Hoffmanns Erzählungen« und Boitos »Mefistofele«), steuert Netrebko direkt auf die »Troubadour«-Leonore zu. Die Vorbilder beider scheinen unvereinbar. »Der größte Sänger war für mich Jacques Brel.« Erstaunlich sensible, auch europäische Wahl. Auch beim Tango trägt Schrott nie muskelprotzmäßig dick auf. Sondern bleibt chansonhaft leicht. Tanzt mit der Seele. Singt mit gespitztem Mund. »Geht alles mit Liebe nur«, so ein Credo, das er von Wilhelm Furtwängler übernommen hat. Schon der konnte sich damals vor weiblichem Andrang nach seinen Konzerten angeblich kaum erwehren. Nicht auszudenken, wenn er so ausgesehen hätte wie Erwin Schrott. Und dann noch dazu beim Tango!

Rojotango

Erwin Schrott, Pablo Ziegler

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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