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Daniel Hope

Man muss überwältigen

Nicht nur als Geiger begeistert der in Südafrika geborene Brite Daniel Hope, auch als Buchautor, Musikaktivist und Festivalleiter ist er tätig. Robert Fraunholzer hat sich mit dem sympathischen Mittdreißiger über Tricks, Bühnenpannen und das Vermächtnis des großen Joseph Joachim unterhalten.

RONDO: Warum haben Sie sich als Thema Ihrer neuen CD ausgerechnet Joseph Joachim ausgesucht?

Daniel Hope: Weil sein Einfluss in der gesamten Musikgeschichte bis heute spürbar ist. Schließlich war es Joseph Joachim, der die Komponisten Brahms und Schumann persönlich zusammengebracht hat. Er war es aber auch, der mit Franz Liszt brach und dessen Schülern den Rücken gekehrt hat. Ich glaube, genau deswegen besitzen wir kein Liszt- Violinkonzert, aber auch keines von Wagner.

RONDO: Gibt es auch ein stilistisches Vermächtnis von Joseph Joachim?

Hope: Oh ja. Erstens spürt man ihn in den Violinkonzerten von Brahms, Bruch und Dvořák. Und dann auch geigerisch. Seine Studenten waren Leopold Auer und Carl Flesch, zwei der bedeutendsten Lehrer überhaupt. Auers bedeutendste Schüler waren Mischa Elman, Nathan Milstein und Jascha Heifetz. Und Flesch war der Lehrer von Henryk Szeryng, Ginette Neveu und Ivry Gitlis. Aber auch wenn man Joseph Joachim selber hört: Sein Klang ist anders als der aller anderen, beispielsweise im Vergleich zu Ysayë oder Sarasate. Er war der New Age-Botschafter der damaligen Zeit, durch Tiefe und durch Kitschlosigkeit. Er gab der Romantik eine viel klarere Form, als wir das heute glauben. Wir denken bei Romantik an Kerzenschein. Joachim dagegen war romantisch, aber nicht sentimental.

RONDO: Und Sie?

Hope: Auch ich verwende, wie Joseph Joachim, nicht mehr Vibrato als unbedingt nötig. Für Joachim besaß das Vibrato lediglich eine Bedeutung als Ausdrucksmittel. Als Klangfarbe und zur Abwechslung. Vergleichen möchte ich mich mit ihm natürlich nicht. Aber ich glaube durchaus nicht an Dauervibrato. Ich bewundere Oistrach, Milstein und Szeryng, und die hatten auch dieses Prinzip.

RONDO: Joachim war zugleich einer der prominenten antisemitisch angefeindeten Geiger seiner Zeit. Spielt das eine Rolle für Sie?

Hope: Ja, es interessiert mich. Bettina von Arnim hat über ihn geschrieben, er sei zwar ein genialer Geiger, aber das Jüdische werde ihn davon abhalten, ein wirklich großer zu sein. Genau wegen solcher Vorurteile war ihm die gesellschaftliche Anerkennung so sehr wichtig. Das ist typisch, und darin gibt es auch eine Ähnlichkeit zu meiner eigenen Familie. Auch von ihnen sind viele übergetreten.

RONDO: Sie sind beinahe im Haus von Yehudi Menuhin aufgewachsen. Sind Sie sein Schüler?

Hope: Nein, das würde ich nicht sagen. Das war gar nicht möglich, weil ich ihn zwar privat ausgiebig kannte, aber als Geiger erst richtig kennengelernt habe, als ich schon 16 Jahre alt war. Da hatte ich schon Unterricht bei Zakhar Bron erhalten. Er ist mein Lehrer. Von Menuhin habe ich aber die Bühnenerfahrung gelernt. Wir haben 60 Konzerte gemeinsam gegeben. Das war Lebensanweisung für alles, was folgen sollte. Menuhin waren zum Beispiel immer optische Dinge sehr wichtig. Er war der Auffassung, dass man das Publikum von Anfang an komplett faszinieren muss. Nicht nur so mit dem Herzen. Nicht schüchtern dastehen. Sondern auf die Bühne gehen, als würde man einen Krieg führen. Man muss überwältigen. Außerdem hat er mir tolle Fingersätze gezeigt.

RONDO: Gibt es ein hörbar jüdisches Erbteil bei Geigern wie Yehudi Menuhin, Isaac Stern und Ihnen?

Hope: Ich finde ja. Das ist allerdings meine persönliche Meinung. Die jüdische Seele hat einen besonderen Ausdruck und lässt sich auf der Geige besonders gut vermitteln. So verschieden Geiger wie Elman oder Heifetz auch gewesen sein mögen, ihr Spiel hatte viel mit Gesang und Lied zu tun. Das ist der springende Punkt. Viele jüdische Geiger berichten, dass sie sich stark an den Gesang ihrer Mütter und sogar der Großeltern erinnern können. Im Judentum, auch bei jüdischen Hochzeiten, wird viel gesungen. Nur mir ist nicht viel vorgesungen worden. Mein Vater wollte zwar, aber er konnte keinen Ton treffen. Aber ich hatte das Glück, im Haus von Menuhin aufzuwachsen, wo meine Mutter Sekretärin war. Da gingen Leute wie Stephane Grappelli aus und ein. Es gab von morgens bis abends Musik.

RONDO: Sie selber schreiben neuerdings Bücher und moderieren Fernsehsendungen. Wollen Sie weniger geigen?

Hope: Auf keinen Fall! Für mich bleibt die Musik das A und O. Aber Möglichkeiten muss man nutzen. Mich interessiert, meine Besessenheit weiterzuverteilen. Und ich bin neugierig. Übrigens schreibe ich fast immer im Flugzeug. Manchmal auch im Auto. Bei 80 bis 100 Konzerten pro Jahr bin ich doch ständig unterwegs. Das Schreiben ist eine Nebenbeschäftigung.

RONDO: Sie haben ein Buch über Ihre eigene Familie in Berlin geschrieben und darüber gewiss viele Interviews geführt. Hat das Ihr eigenes Verhältnis zur Familie verändert?

Hope: Ja, sehr stark. Es war für mich eine riesige Entdeckung. Die Villa meiner Großeltern in Berlin- Dahlem wurde von Ribbentrop persönlich enteignet und in eine Filiale des Reichsaußenamts umgewandelt. Ich weiß jetzt, woher meine enge Beziehung zu Deutschland stammt. Meine Urgroßeltern haben Deutschland abgöttisch geliebt. Der eine hat das mit seinem Leben bezahlt, und auch der andere ist darüber gestorben. Das Buch war für mich Eigentherapie. Die Beziehung zu Deutschland ist seither noch stärker. Bis heute bekomme ich viel Post von Menschen, die entweder meine Familie kannten, unser ehemaliges Haus besuchen oder mir ihre eigene Geschichte erzählen. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ich kann nur jedem so eine Recherche empfehlen.

RONDO: Jetzt haben Sie unter dem Titel »Toitoitoi« außerdem ein Buch ausgerechnet über Bühnenpannen geschrieben. Über eigene?

Hope: Zum Teil schon. Meine Konzertkarriere begann, als ich 6 Jahre alt war, mit einer ganz fürchterlichen Panne. Meine Musikgruppe trat im Purcell-Raum an der Londoner Southbank auf. Dort bestand der Eingang zur Bühne aus einer Schwingtür. Ich stand in der Mitte, direkt daneben. Unmittelbar vor meinem Einsatz habe ich mich zurückgebeugt und wurde durch die Schwingtür gleichsam von der Bühne gesogen. Ich war weg. Also, bevor es losging, war es schon vorbei.

RONDO: Klingt grauenhaft.

Hope: Es hat bei mir damals ein Riesentrauma ausgelöst, wie Sie sich vielleicht vorstellen können. Aber die Sache hatte auch etwas Gutes. Als alle gelacht haben, war die Nervosität sofort weg. Und daraus habe ich etwas gelernt. Nämlich: Es geht nicht um die Panne. Sondern darum, was man danach macht. Wie man weitermacht.

The Romantic Violinist – A Celebration Of Joseph Joachim

Daniel Hope, Anne Sofie von Otter, Sebastian Knauer, Bengt Forsberg, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Sakari Oramo

DG/Universal


Joseph Joachim (1831 - 1907): Der Komponistenflüsterer

Er war ein Wunderkind und wurde zum einflussreichsten Geiger des 19. Jahrhunderts. Die großen Komponisten seiner Zeit fragten ihn um Rat, bei der Entstehung einiger der bekanntesten romantischen Violinkonzerte hatte er seine Hand im Spiel. Und doch ist der Name Joseph Joachim den Wenigsten ein Begriff.
Schon mit sieben Jahren kam Joachim zum Studium nach Wien, mit zwölf schloss er es ab und ging nach Leipzig, wo ihn Mendelssohn unter seine Fittiche nahm. Unter dessen Leitung spielte er in London erstmals das Beethoven- Violinkonzert, das er in der Folge (ebenso wie das von Mendelssohn selbst) zu einem Repertoirestück machte. Nach dem Tod seines Mentors zog er nach Weimar und wurde mit nur 17 Jahren Konzertmeister unter Liszt.
Entscheidend war jedoch der nächste Schritt, der Joachim nach Hannover führte, wo er 15 Jahre lang blieb und 1853 auch Brahms kennenlernte. Zwischen den fast gleichaltrigen Musikern entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, Brahms widmete Joachim sein Violinkonzert, das die beiden auch gemeinsam aus der Taufe hoben.
Maßgeblich beteiligt ist der Geiger auch an der Entstehung von Dvořáks Violinkonzert, das ihm ebenfalls gewidmet ist, das er jedoch merkwürdigerweise niemals öffentlich aufgeführt hat. Auf Bitten des Komponisten überarbeitete Joachim auch das erste Violinkonzert von Bruch. Das Schicksal wollte es, dass seine eigenen drei Beiträge zu diesem Genre völlig in Vergessenheit geraten sind.
Die letzten knapp 40 Jahre seines Lebens verbrachte Joachim in Berlin, wo er als Gründungsrektor der Königlichen Hochschule für Musik das künstlerische Leben der Stadt entscheidend mitprägte. Anlässlich seines 60. Todestages im Jahr 1967 wurde im Stadtteil Wilmersdorf ein Platz nach ihm benannt.
Michael Blümke


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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