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Vokal total

Was nützt es, ein neues Werk kennenlernen zu können, wenn man sich wegen der stimmlichen und technischen Unzulänglichkeiten der Solisten am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Nun verspüren die großen Namen nicht immer Lust, eine Partie nur für einige wenige Aufführungen einzustudieren, doch herrscht an guten und sehr guten Sängern ohne großen Namen kein Mangel. Hat man die richtigen gefunden, wird der Hörer im Idealfall – wie hier geschehen – doppelt belohnt, weil die Solisten zu einem echten Ensemble verschmelzen und so tatsächlich die Oper im Mittelpunkt steht.

Schon vor zwei Jahren bescherten uns Frieder Bernius und seine Hofkapelle Stuttgart mit Johann Rudolph Zumsteegs „Die Zauberinsel“ (siehe RONDO 3/2011) eine veritable Entdeckung. Der fügen sie jetzt mit der Rübezahl- Oper „Der Berggeist“ eine weitere hinzu und machen damit gleichzeitig zu dessen 250. Geburtstag mit dem Opernkomponisten Franz Danzi bekannt. Denn dass der für seine Bläserwerke bekannte Jubilar auch 16 Opern schrieb, ist vermutlich nicht allen geläufig. Mit einem selbstbewussten Tenor in der Titelrolle (Colin Balzer) und der jugendlich frischen Sarah Wegener als weibliche Protagonistin machen die Stuttgarter überzeugend für eine der ersten romantischen Opern überhaupt Werbung. (Carus/Note 1)

Wer auf die Frage nach dem Komponisten der „Finta giardiniera“ Mozart nennt, gibt zwar eine richtige, aber nicht die einzig mögliche Antwort. Schon ein Jahr vor Mozart nämlich hatte Pasquale Anfossi für das Teatro delle Dame in Rom dasselbe Libretto vertont. Und zwar sehr pfiffig und einfallsreich, weshalb sich das Ergebnis absolut nicht vor dem ungleich populäreren Schwesterwerk des großen Salzburgers verstecken muss. Das beweist auch dieser Mitschnitt, bei dem Dirigent Werner Ehrhardt für ordentlich Pep und Stimmung sorgt und Nuria Rial als vermeintliche Gärtnerin verzaubert. (Auch wenn es unfair ist, nur sie herauszugreifen, wo es doch ein wirklich tolles Ensemble ist, dem die Gesamtleistung zu verdanken ist.) (dhm/Sony)

Führen wir unser Fragespiel ruhig noch ein bisschen weiter. Auch beim „Figaro“ fällt uns als Schöpfer natürlich gleich Mozart ein. Und wieder ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt sogar einen doppelten Figaro, und für den ist Saverio Mercadante verantwortlich. „I due Figaro“ spielt 15 Jahre nach dem ersten Teil, der ja in Wirklichkeit der zweite Teil ist, weil das Geschehen schon im „Barbiere di Siviglia“ seinen Lauf nimmt. Doch wie auch immer, was Riccardo Muti da mit einer Schar junger italienischer Sänger auf die Bühne des Teatro Alighieri in Ravenna bringt, beschert dem Hörer drei vergnügliche Stunden. (Ducale/harmonia mundi)

Ganz besonders eingesetzt hat sich Riccardo Muti stets für Luigi Cherubini, auch die erste – und bisher einzige – Einspielung der comédie héroïque „Lodoïska“ ging 1991 auf sein Konto. Gut 20 Jahre nach dieser Pioniertat gibt es nun dank Jérémie Rhorer eine Nachfolgerin. Mit seinem Ensemble Le Cercle de l‘Harmonie stellt der Franzose das seinerzeit unvorstellbar erfolgreiche Werk (allein 200 Aufführungen im ersten Jahr!) erneut zur Diskussion. Sein überzeugendstes Argument dabei ist Nathalie Manfrino, die sich mit Hingabe und Leidenschaft in die Titelrolle wirft und dabei von den Kollegen nach Kräften unterstützt wird. (ambroisie/Indigo)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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