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Wagner-Jubiläum, rotzig bis rüde: Wagners „Der Ring des Nibelungen“

Bayreuth, Festspiele

Ja, die Wahl dieses noch – wie es sich gehört – umstrittenen, später sicher einmal verklärten Jubiläums-„Ring“-Gespanns zu Wagners 200. Geburtstag war für die Bayreuther Festspiele eine richtige. Sie offerierte mit Kirill Petrenko einen der wichtigsten Nachwuchsdirigenten mit einer brillant-eigenständigen Interpretation samt einer selbst hier selten ausgeglichenen Besetzung von weitgehend hohem Niveau: Catherine Fosters mädchenhafte Brünnhilde, Wolfgang Kochs mieserfieser, baritonal schlanker Wotan, Johan Botha und Anja Kampe als Wälsungen- Traumpaar. Und Frank Castorf, trotz diverser Formschwankungen immer noch diskursanführender Regisseur im deutschsprachigen Theaterbereich, hat eine rotzig-rüde, auch zärtliche Deutung präsentiert, die eine morbid-zerfallende Welt vorführt; eine Welt, die pessimistisch ist, aber liebevoll im Detail; und die Wagners Wesen sehr nah an uns heranzoomt, was auch unangenehm werden kann.
Man kann in dieser staunen machenden, durchaus zur Abwehr herausfordernden Bayreuther Tetralogie sehr viel über uns selbst lernen. Der grandiose Aleksandar Denic hat auf die Drehbühne für „Rheingold“ ein Motel an der Route 66 gebaut, in dem eine Gangsterstory im Stil von Siebzigerjahre-Filmen abläuft. „Die Walküre“ spielt auf einer Ölförderstation Anfang des 20. Jahrhunderts in Aserbaidschan, die in den Strudel der russischen Revolution gerissen wird. „Siegfried“ ist an einem kommunistischen Mount Rushmore mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao sowie am Berliner Alexanderplatz kurz vor der Wende loziert, die „Götterdämmerung“ im Berlin der Post-DDR und an der Wall Street.
So hat diese Inszenierung Bilder geschaffen, die wohl zu „Ring“-Ikonen werden, Konstellationen gezeigt, die nachwirken. Sie hat einen politisch-philosophischen Diskurs angerissen, ohne zur Conclusio zu kommen. Sie ist auf nicht immer leicht erkennbaren Ölspuren durch Zeiten, Länder und Systeme mäandert, ohne formvollendete Lösung, gar Er-Lösung zu bieten. Castorfs „Ring“-Formel ist, dass es keine gibt, und sich irgendwie doch alles fügt, weitergeht. Einen Reim muss sich erst der aktive Zuschauer drauf machen.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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