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Doktor Stradivari

Folge 4: Der letzte Kastrat

Viele halten Kastraten für ein Phänomen der Barockzeit“, sagte Leon von Papenburg, als er Doktor Stradivari und den Versicherungsdetektiv Robert Fleischer durch seinen noblen Antiquitätenladen führte. „Aber der letzte Kastrat starb erst im 1922. Er hieß Alessandro Moreschi, und es gibt von ihm sogar Schallplattenaufnahmen. Genau darum geht es.“
Von Papenburg führte die beiden Männer durch eine Metalltür und drückte auf einen Lichtschalter. Neonlampen flackerten auf und beleuchteten ein Chaos aus umgestürzten Regalen. Das einzige Fenster des Lagers war zerbrochen, das Gitter davor zersägt.
„Ich bin noch nicht ganz durch mit der Bestandsaufnahme“, sagte der Antiquar, „aber eines steht fest. Die Diebe haben eine Schallplatte von Moreschi gestohlen, die ich für dreihunderttausend Euro anbieten wollte. Ein absolutes Unikat. Das Etikett der Platte trug sogar Moreschis Unterschrift. Warten Sie bitte einen Moment. Ich bin gleich zurück.“
Von Papenburg ließ die beiden allein. Fleischer inspizierte das Fenster. „Das sieht ziemlich realistisch aus. Es ist ihnen sogar gelungen, die Alarmanlage lahmzulegen.“ Er sah Doktor Stradivari an. „Wenn wir keinen Betrug nachweisen können, wird es teuer für die Versicherung. Haben Sie eine Idee?“
„Könnte sein“, sagte Doktor Stradivari. „Warten wir ab, wie er beweisen will, dass er die Platte wirklich besessen hat.“ „Sie meinen, das stimmt? Ich habe ja auch ein paar CDs mit Kastratenarien und habe auch schon darüber gelesen. Händel, Vivaldi und so was haben die gesungen. Und da soll einer bis 1922 gelebt haben?“ „Allerdings“, sagte Stradivari. „Moreschi hat zwei Mal Aufnahmen gemacht – mit Kirchenmusik, aber auch mit italienischen Liedern, soweit ich mich erinnere. Die Dokumente sind musikhistorische Raritäten. Aber wie gesagt …“
Von Papenburg kam zurück. „Zum Glück habe ich meine wertvollsten Stücke fotografiert“, sagte er und zeigte Doktor Stradivari ein Bild. Es zeigte Papenburg selbst, der eine Schellackplatte in der Hand hielt. Auf dem hellroten Etikett war etwas zu lesen, das wie eine Unterschrift aussah. In Druckbuchstaben stand daneben: Alessandro Moreschi – Puccini: Gianni Schicchi.
„Er singt die berühmte Arie ‚O mio babbino caro‘“, erklärte von Papenburg. „Aufgenommen 1904. Mit Klavierbegleitung. Es war seine zweite Aufnahmesitzung. Die erste fand 1902 statt.“ Fleischer hob die Schultern. „Die Versicherung wird wohl zahlen müssen“, sagte er. Doktor Stradivari lächelte. Dann schüttelte er den Kopf. „Das glaube ich nicht.“ Was lässt Doktor Stradivari an der Diebstahlgeschichte zweifeln?


Doktor Stradivari ermittelt – und Sie können gewinnen!

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Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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