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(c) Monika Rittershaus

Café Imperial

„Peter, das ist genial!“, fällt Ex-Intendant Ioan Holender dem Regisseur Peter Konwitschny um den Hals. (Und ich muss, 1. Rang Mitte im Theater an der Wien, auch ausgerechnet daneben sitzen.) Man weiß nicht recht, ob Holender die lautere Wahrheit spricht. Immerhin ist dies die erste, genuine Konwitschny-Premiere in Wien („Aida“, „Don Carlos“ und „Totenhaus“ früher waren alles Importe). Das Publikums-Geschrei nach der Pause wird beträchtlich sein. Oder ist dies eher allgemeiner Holender-Schmäh? Wer sagt einem berühmten Künstler schon gerne die Meinung ins Gesicht!?
Peter Konwitschny jedenfalls kann mit diesem simplen Antikriegs-„Attila“ die Gerüchte nicht entkräften, dass seine beste Zeit hinter ihm liegt. Zwar ist die Idee hübsch, dass der peitschende Sopran von Lucrecia Garcia (Odabella) kraft bloßer Lautstärke den Gegner in die Flucht schlägt. Auch Dmitry Belosselsky (Attila) und George Petean (Ezio) leisten militante Arbeit am Mythos Verdi. Die Mühen von Nikolai Schukoff (Foresto) indes zeigen, mit wie preußisch hartem Besen gekehrt wird. Und dass man den frühen Verdi hier zu wagnerisch schwer nimmt. Nichts da vom Super-Belcanto eines Dramma lirico, dessen Schurken-Held einst von Rossini- Sängern wie Ruggero Raimondi und Samuel Ramey zu feinem Leuchten gebracht wurde.
Und die Ausstattung! In Johannes Leiackers durchlöchertem Halbrund könnte man alles Mögliche spielen. Es zeigt die so häufig anzutreffende Unentschlossenheit Konwitschnys bei der Ausstattung. Ihm gelingt für ein sonst gemiedenes Neben-Werk ein immerhin leidenschaftliches Plädoyer. Doch die Tatsache, dass man den wichtigsten Opern-Regisseur Ost-Deutschlands zu spät eingeladen hat, rächt sich doch.
„Konwitschny in die Anstalt!“, ruft ein Premieren-Besucher doch tatsächlich aus dem Rang. Was für ein zahnloser Vorschlag! Da war man zur großen Zeit des Wiener Theaterskandals weniger zimperlich. Der erste Einwurf bei der skandalzerfetzten „Heldenplatz“- Premiere 1988, so hat es Burg-Schauspieler Wolfgang Gasser mir noch Jahre später gerührt erzählt, lautete: „Gott schütze Österreich!“ In dem Ausruf war mehr Musik als in diesem ganzen, rumtata-politischen „Attila“.
Herbst der Patriarchen in Wien! Ab 19.9. empfängt Lorin Maazel (83) die Wiener Philharmoniker zurück aus dem Urlaub – mit Bruckner, Tschaikowski und Schostakowitsch. Inzwischen ist Maazel hauptsächlich als Gast tätig (sein Nachfolger in München ist bestellt). Er hat die Phase selbstverliebten Ennuis annähernd überwunden und tritt ein in eine Sphäre gerechter Verklärung. Traumhafte Schlagtechnik! Guter Tänzer – ohne einen Schritt zu machen! Er ist der Lässigste, Superiorste, leider auch wohl Teuerste von allen.
Bald danach (11.–13.10.) folgt der noch drei Jahre ältere Herbert Blomstedt mit Bruckners Fünfter. Dann geht’s Schlag auf Schlag im Musikverein: Harnoncourt, Jansons, Fedosejev, Zinman – Lauter Altvordere im Pensionsalter. Sie zeigen, warum Christian Thielemann (ab 28.10.) immer noch der Jüngste unter den Alten scheint. Er ist es nämlich wirklich – mit knackigen 54 Jahren. Nur das Gastspiel des London Philharmonic Orchestra unter dem dortigen Darling Vladimir Jurowski (5.–8.10.) reicht da heran. Und – warum nicht? – Marin Alsop, deren Karriere leicht stagniert, mit ihrem São Paulo Symphony Orchestra (Konzerthaus, 15.10., Solist: Nelson Freire).
Auf all das, ebenso wie auf den Liederabend von Christian Gerhaher (Konzerthaus, 23.10.), braucht man in Wien eigentlich kaum extra hinzuweisen. Das Publikum kennt sich so gut aus, dass eine Wiener Musikkritik kaum noch nötig ist. Die ist seit Jahren denn auch fast in sich zusammengebrochen. Erinnert sich noch jemand an den bissigen Franz Endler? Lang ist’s her. Bei seinem Tod 2002 kamen sogar Carlos Kleiber vorübergehend die Tränen. Heutige Kollegen schreiben Bücher über Staatsopern- Direktoren, bevor diese noch ihr Amt angetreten haben. Was bleibt einem anderes übrig, als die Macht dem Kaffeehaus zu überlassen. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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