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Feierabendhaus

Da stimmt die Chemie

Das beispielhafte Kulturprogramm der BASF geht in seine 93. Saison. Und ist nicht allein aus Ludwigshafen kaum wegzudenken.

Ein Kammermusikabend. Freilich kein gewöhnlicher, ein Duo, diesmal aber die seltene Kombination – Viola und Klavier. Das Programm: nur Musik des 20. Jahrhunderts. Und die Komponistin ist anwesend – und ansprechbar. Die Russin Lera Auerbach gehört zu den meistgefragten, dabei in ihrer polystilistischen Schreibweise zugänglichsten Tonsetzern unserer Zeit. Ebenso ist die armenisch-amerikanische Bratscherin Kim Kashkashian einer der Sterne ihrer Zunft. Zunächst spielen sie Schostakowitschs 24 Präludien in der Viola/Klavier-Fassung Auerbachs. Dann zeigt Kim Kashkashian allein, dass sie eine Meisterin der Werke György Kurtágs ist; schließlich folgt als Deutsche Erstaufführung Auerbachs Sonate für Viola und Klavier „Arcanum“.
Hier bleibt freilich nichts geheimnisvoll, das aufgeschlossene Publikum geht mit, ist am Ende begeistert. Auerbach ist hier längst Wiederholungstäterin, hat sich bereits als Komponistin und Interpretin regelmäßig vorgestellt – und das nicht nur, weil es hinterher zu einem guten Essen mit ebensolchen Pfälzer Weinen ins Gesellschaftshaus geht. Hier werden die Künstler umsorgt und ernstgenommen, vor allem bemüht man sich, eine Bindung aufzubauen, für Kontinuität zu sorgen. Deshalb kommen sie wieder. Eingeladen und vorbildlich betreut werden sie freilich nicht von einem öffentlichen oder kommerziellen Veranstalter, sondern von einem Chemiekonzern, dem größten weltweit: der BASF. Und auch ihr Auftrittsort mit dem heimeligen, doch großzügigen, akustisch exzellenten Saal hat einen so besonderen Namen, dass man ihn sich sofort merkt: Feierabendhaus.
Feierabendhaus. Das klingt so betulich provinziell, wie es ist. Und eben auch nicht. Der „Feierabend“ im „Haus“, impliziert schon etwas, was viele heute kaum mehr kennen. Wo hört die Arbeit auf und beginnt die Freizeit, wenn ständig das iPhone klingelt, die Mails einlaufen, wenn Wochenend-Updates längst selbstverständlich sind und das Home Office mitunter ein Gefängnis sein kann? Früher ging der Arbeiter in die Fabrik, dann erschöpft zurück in die nahe Werkswohnung. Abends spendierte die Unternehmensleitung ein Konzert oder eine Lesung zur Erbauung und (Weiter-)Bildung. Man kümmerte sich – denn man profitierte ja auch davon: klassisch deutsche Industrieinfrastruktur.
Es ist irgendwie tröstlich, dass es in Zeiten von Outsourcing, Multitasking und Burnout immer noch das Feierabendhaus gibt. In Ludwigshafen. Bei der BASF. Im Krieg zerstört, aber wieder aufgebaut. Kürzlich wurde es neuerlich saniert. Seit 92 Jahren wird hier Kultur betrieben. Man feierte den 90. Geburtstag mit dem London Philharmonic Orchestra, das war auch schon 75 Jahre vorher in der Pfalz zu Gast, und dabei entstanden die ersten Konzertmitschnitte, natürlich unter Verwendung von BASF-Tonbändern. Richard Strauss hat hier dirigiert, Yehudi Menuhin und Mstislaw Rostropowitsch haben gespielt.
Die BASF als Veranstalter, das hat in Ludwigshafen einen guten Klang. Doch längst hat man den Radius vergrößert, ist in der ganzen Region bis hin nach Heidelberg als Mitveranstalter, Sponsor, Impulsgeber nicht mehr wegzudenken. Man engagiert sich bewusst regional, mag keine Events, sondern Kontinuität. Der musste sich auch sicher schon so mancher Aufsichtsrat beugen, der solche Millionenausgaben für einen Chemiekonzern überflüssig fand. Doch die Tradition und die Nachhaltigkeit des Engagements waren immer stärker. Schließlich war schon der November des Jahres 1921 nicht eben ein guter Startpunkt für ein Kulturprogramm: der Krieg verloren, die Pfalz von französischen Truppen besetzt.
Ohne Sponsoren kommt in Deutschland keine Kulturinstitution mehr aus. Auch wenn die Steuergesetzgebung dies nicht begünstigt. Deshalb sind die eingesetzten Summen im Vergleich zu den staatlichen Geldern gering. Aber es wird viel PR-Wind darum gemacht. Nur wenige Firmen haben dieses noble Geschäft so nachhaltig betrieben wie die dafür vielfach ausgezeichnete BASF, haben sich für Etablierte verwandt und für Junge eingesetzt. Schön, dass das Feierabendhaus weiter das Feierabendhaus ist.
Auch in der Spielzeit 2013/14 bietet die BASF ein vielseitiges Angebot. In der Reihe „The Big Four“ steht diese Saison das Cello im Mittelpunkt. Kurt Schwertsik, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Österreichs, ist das Komponistenporträt gewidmet. Mit der Unterstützung des Orchestergipfels Rheinland-Pfalz verstärkte die BASF ihr Engagement für die Breitenförderung. Die fünf pfälzischen Orchester zeigten bei freiem Eintritt in der Mainzer Innenstadt die ganze Vielfalt ihres Repertoires.
Gemeinsam mit der Stadt Ludwigshafen richtet man seit über 35 Jahren den Ballettring im Theater im Pfalzbau aus. Der bietet diesmal das Royal Swedish Ballet mit der Deutschen Erstaufführung: „Julia und Romeo“ dem ersten Handlungsballett der Choreografenlegende Mats Ek seit 1996. Mauro Bigonzetti hat für das Aterballetto eine „Serata Stravinski“ konzipiert, und das Ballett am Rhein aus Düsseldorf kommt mit Brahms’ „Deutschem Requiem“ in der Fassung seines Chefs Martin Schläpfer flussaufwärts.
Zudem veranstaltet das Unternehmen gemeinsam mit der Stadt die Sinfoniekonzertreihe mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Ein weiterer wichtiger Kooperationspartner ist das Festival Enjoy Jazz. Darüber hinaus sponsert man hochkarätige Kulturprojekte in der Umgegend, so das Festival des deutschen Films, die Festspiele Ludwigshafen und das Internationale Fotofestival Mannheim_ Ludwigshafen_ Heidelberg.
Partizipative Projekte sind ein neuer Schwerpunkt. Kunst nicht nur wahrzunehmen, sondern an ihr teilzuhaben, ist das Ziel. Mit dem Urban Gardening-Projekt auf dem Ludwigshafener Hans-Klüber-Platz ist man bei einer Initiative des Wilhelm-Hack- Museums dabei, die auf ungewöhnliche Weise Kunst, Natur und Stadtentwicklung verbindet.
Große Momente hat die klassische Musik in Ludwigshafen erlebt. 1990, zum 125. Jubiläum der BASF, trat das Emerson String Quartet gemeinsam mit dem Cellisten Mstislav Rostropovich auf und spielte für die Deutsche Grammophon die inzwischen legendäre Interpretation des Schubert-Streichquintetts ein. Der Geiger Gidon Kremer war mit der Kremerata Baltica zu Gast, die ihren ersten Auftritt in Deutschland bei BASF hatte. Und natürlich ist man hinter den Kulissen schon längst dabei, dieses zum 150. Firmenjubiläum 2015 zu toppen.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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