Startseite · Klang · Hörtest

Hörtest

Verdi mit Caballé & Scotto

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, die Liebe zum Komponisten ist ihnen gemein: So klingen Verdis Opern mit Caballé & Scotto.

Sie sind zwei der letzten großen Primadonnen, die eine hat gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert, die andere folgt ihr in wenigen Monaten nach. Doch für die Casa Verdi, das vom Komponisten gestiftete Sänger-Altersheim in Mailand, sind die beiden Jubilarinnen definitiv zu jung – und vor allem viel zu aktiv. Montserrat Caballé steht nach wie vor als Sängerin auf der Bühne, Renata Scotto inszeniert und unterrichtet.
In ihrer Kunst stellen sie Gegenpole dar, mit der Spanierin assoziiert man zuallererst berückend schöne Töne, die Italienerin steht für zupackende Expressivität. Caballés atemberaubende Piani und sanft flutende Höhen oder Scottos Charakterisierungskunst und lustvolle Hingabe? Sich für eine dieser eigentlich lyrischen Stimmen, die aber auch das dramatische Fach erkundet haben, zu entscheiden, wäre dumm, denn Genuss bringen beide. Und zeigen damit ganz verschiedene Facetten von Verdis Werken auf.
Die Auswahl der Aufnahmen, werkchronologisch aufgerollt, betrifft weitgehend Studioproduktionen. Die Damen haben noch einige Partien mehr verkörpert, die auch irgendwann einmal auf Band festgehalten wurden, doch sind diese inoffiziellen Live-Mitschnitte mit wenigen (hier berücksichtigten) Ausnahmen nicht mehr oder nur zu astronomischen Preisen als Sammlerstücke verfügbar.
„Nabucco“ war nicht nur der erste große Erfolg für seinen Komponisten, sondern ist bis heute die beliebteste von Verdis frühen Opern geblieben. Die enorm anspruchsvolle Rolle der Abigaille reizt wohl jede Sängerin mit dramatischem Instinkt, Renata Scotto hat sich mit der Einspielung von 1977 jedoch keinen Gefallen getan. Darstellerisch bietet sie Großartiges, gesanglich ist dies ihre mit Abstand schlechteste Verdi-Leistung (Muti, EMI). Da hinterlässt sie als Giselda in „I lombardi“ einen ganz anderen Eindruck. In einem Live- Mitschnitt aus Rom von 1969 führt sie ihren Sopran locker und unangestrengt, zudem punkten hier auch Pavarotti und Raimondi als Partner (Gavazzeni, Opera d’oro).
Von den zahlreichen, leider nicht übermäßig bekannten Werken der 1840er-Jahre, Verdis sogenannten Galeerenjahren, kann man vier mit Montserrat Caballé kennenlernen. 1969 singt sie in Mailand – nicht sonderlich elegant – Elvira in „Ernani“ (Gavazzeni, Opera d’oro), 1972 stimmlich hervorragend „Giovanna d’Arco“ (Levine, EMI). Auch in der lobenswerten Philips-Serie der frühen Verdi- Opern, die seinerzeit für viele die erste Begegnung mit diesen Werken bedeutete, ist sie mit zwei Beiträgen vertreten: Ihre Amalia in „I masnadieri“ ist allerdings so langweilig wie das Werk selbst (Gardelli, Philips), was man von ihrer Gulnara in „Il corsaro“ (mit Jessye Norman in der zweiten Sopranrolle/ Gardelli, Philips) nicht behaupten kann, auch wenn sich die Stimme da gelegentlich etwas verhärtet (Gardelli, Philips). In der Titelpartie von „Luisa Miller“, einem sehr zu Unrecht vernachlässigten Werk, verströmt sie zwar luxuriösen Wohllaut, wirkt für die Rolle als junges Mädel aber allzu distinguiert und damenhaft (Maag, Decca). Bevor wir uns den populären Verdi- Klassikern widmen, ein kurzer Blick auf Caballés und Scottos stimmliche Vorzüge wie Schwächen. Obwohl gleichaltrig, hat Renata Scotto ihren großen Durchbruch deutlich früher als die Kollegin. 1957 springt sie für Maria Callas in Bellinis „La sonnambula“ ein. Das Einspringen katapultiert auch Montserrat Caballé international an die Spitze, sie übernimmt 1965 für die schwangere Marilyn Horne die Titelpartie in Donizettis „Lucrezia Borgia“. Doch während Scotto schon in jungen Jahren die lyrischen Koloraturpartien des italienischen Repertoires von Donizetti bis Verdi singt, sieht sich Caballé eher als Mozart- und vor allem Strauss-Sängerin und schwenkt erst nach dem Lucrezia-Erfolg aufs Belcanto-Fach um.
Eine leichte Höhe besitzt Scotto nur zu Beginn ihrer Karriere, danach sind die Spitzentöne zwar in der Regel sicher, nicht selten aber auch scharf. Ab Mitte der 70er-Jahre nimmt die Flexibilität der Tonproduktion ab, die Intensität allerdings in gleichem Maß zu. Ihre substanzreiche, wenn auch nicht übermäßig schöne Stimme hat Persönlichkeit, ihr Gesang ist stets farbenreich und ausdrucksstark. Mit ihrem angeborenen dramatischen Gespür und ihrem vokalen wie emotionalen Totaleinsatz ist sie eines nie: langweilig.
Dieses Kompliment kann man Señora Caballé so nicht machen. Bei ihr stellt sich durchaus auch gepflegte Eintönigkeit ein. Besonders ab etwa 1972/73 setzt eine gewisse Nivellierung, eine gestalterische Gleichgültigkeit ein. Konzentriert man sich aber auf die überwältigende Schönheit ihres Materials und ihre spektakulären Piani ‚in altissimo‘ ist einem alles andere gleichgültig. Zumal ihre außergewöhnliche Atemtechnik ihr eine großzügige Phrasierung ermöglicht. (Der Gerechtigkeit halber muss man aber ergänzen, dass ihre Fortehöhen, die in späteren Jahren öfter zu vernehmen sind, eher aggressiv und hart sind.)
Mit dem „Rigoletto“ beginnt die Reihe der ‚großen‘, erfolgreichen Verdi-Opern. Renata Scotto hat Gilda gleich zweimal aufgenommen, 1959 und 1963. Sie selbst zählt die beiden Aufnahmen zu ihren besten, vielleicht ist die erste (mit einem fantastischen Alfredo Kraus als Partner/Gavazzeni, Ricordi) insgesamt noch überzeugender gelungen als die zweite (mit einem nicht minder herausragenden Carlo Bergonzi an ihrer Seite/Kubelik, DG). Auch „La traviata“ gibt es doppelt von Scotto, doch sollte man sich hier eindeutig an die frühere Einspielung von 1962 halten (Votto, DG). Violetta ist im Übrigen die einzige Verdi-Partie (neben dem Sopran-Solo im „Requiem“), in der man die beiden Sängerinnen in Studioproduktionen miteinander vergleichen kann. 1967 hat nämlich auch Caballé eine ganz vorzügliche Version vorgelegt, die so glaubwürdig gestaltet und exzellent gesungen ist, dass man sie mit der Elisabetta im „Don Carlo“ als ihre beste Verdi-Leistung deklarieren muss (Prêtre, RCA). Auch die Leonora in „Il trovatore“ lag Caballé sehr gut in der Stimme, man kann aus mehreren Live-Mitschnitten wählen, am besten entscheidet man sich für einen der beiden aus dem Jahr 1968: in Florenz mit Richard Tucker (Schippers, Opera d’oro) oder in New Orleans.
Entbehrlich sind Scottos „I vespri siciliani“ 1978 aus Florenz (Muti, Gala), in denen sie stimmlich keine Freude aufkommen lässt. Ebenso verzichtbar ist der konzertante „Aroldo“ aus New York (Queler, CBS/Sony), wo Caballés Stimme unstet klingt und mit ungewöhnlich großem Kraftaufwand geführt wird. Zur Partie der Amelia in „Un ballo in maschera“ scheint Montse keinen rechten Zugang gefunden zu haben, das Ganze klingt wie eine Pflichterfüllung (Davis, Philips). Dafür darf der vorhin genannte „Don Carlo“ von 1970 Referenzstatus für sich beanspruchen. Nicht nur Caballé singt in der Form ihres Lebens (und gestaltet prägnant), auch die phänomenalen Kollegen leisten Beachtliches, und alle zusammen verschmelzen zu einem wirklich einmaligen Ensemble (Giulini, EMI).
Ein „Aida“-Klassiker ist Mutis Einspielung von 1974, wo Caballé in der Tat hinreißend singt („O patria mia“!), in dramatischen Passagen aber auch Grenzen hörbar werden lässt. Bei der „Messa da Requiem“, für viele Verdis schönste Oper, bietet sich wie bei der „Traviata“ ein direkter Vergleich zwischen MC und RS an, wobei es von Caballé zwei Aufnahmen gibt. Die Wahl sollte unbedingt auf die erste (1969) fallen, wo sie wahrlich himmlisch singt und einen Vorgeschmack aufs Elysium gibt (Barbirolli, CBS). Scotto bietet 1979 als reizvollen Kontrast eine eher diesseitige, dabei enorm ergreifende Auseinandersetzung mit dem Tod (Muti, EMI). Im Jahr zuvor spielt sie mit der Desdemona in „Otello“ ihre beste auf CD festgehaltene Verdi-Rolle neben den beiden Gildas ein, wunderbar suggestiv und aufwühlend gesungen (Levine, RCA). Und wer sich jetzt angesichts dieser üppigen Auswahl nicht entscheiden kann, greift als preiswerte Alternative einfach zu den gerade bei Sony wiederaufgelegten Recitals „Renata Scotto Sings Verdi“ und „Verdi Rarities“.

Verdi würde ... ... begeistert "Brava!" rufen

Verdi

Don Carlo

Caballé

EMI

Verdi

La traviata

Caballé

RCA

Verdi

Rigoletti

Scotto

Ricordi

Verdi

Otello

Scotto

Rca

... seelig lächeln

Verdi

Giovanna d`Arco / Messa da Requiem

Caballé

EMI / CBS

Verdi

La traviata / Messa da Requiem

Scotto

DG / EMI

... ertauben

Verdi

Aroldo

Caballé

CBS

Verdi

Nabucco

Scotto

EMI

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Hinter russischen Grenzen

Laut der russischen Nachrichtenagentur TASS soll der bedeutende russische Opern-, Theater- und […]
zum Artikel »

Pasticcio

Doppelter Paukenschlag

Es war in den letzten Jahren schon zur festen Tradition geworden, dass die Deutsche […]
zum Artikel »




Top