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Rundfunkchor Berlin

Luther statt Lena

Simon Halsey und der Rundfunkchor Berlin wollen deutschen Choralgesang wettbewerbsfähig machen.

Nicole und Lena in Ehren – aber der erfolgreichste deutsche Liedermacher ist noch immer Martin Luther. Lieder wie „Ein feste Burg ist unser Gott“ werden schließlich noch heute täglich in aller Welt gesungen. Umso merkwürdiger, dass Kirchenlieder und Choräle hierzulande in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Ganz anders ist die Situation in England, wo das Singen von Chorälen geradezu Volkssportcharakter besitzt und auch in den Medien entsprechend präsent ist: So bietet die BBC zur besten Sendezeit ihre „Songs of Praise“ an und auch das dritte Radioprogramm erreicht mit seinem zwei Mal in der Woche ausgestrahlten „Choral Evensong“ ein Millionenpublikum.
Ließe sich dies nicht auch auf Deutschland übertragen? Zumal doch auch das englische Repertoire seit Luther zu einem großen Prozentsatz Melodien und Texte aus Deutschland übernommen hat? Der englische Chordirigent Sir Simon Halsey will es nicht bei diesen Fragen belassen. Mit dem Rundfunkchor Berlin, den er seit 2001 leitet, hat er darum nun eine eigene CD mit Kirchenliedern und Chorälen auf den lukrativen Markt geworfen. Ein dreiköpfiges Team suchte 19 der beliebtesten Choräle aus, wobei man auf eine Balance zwischen traditionellen und neuen Sätzen sowie protestantischen und katholischen Liedern achtete und auch Choräle der Nachbarländer in die Auswahl einbezog. Ganz risikolos ist das Unterfangen nicht: Mit seinem an christliche Kalender erinnernden Cover und der gelegentlichen Harfenbegleitung, die etwas von der Süße deutscher Exportweine in den hochwertigen Chorklang mischt, scheint das Album auf den ersten Blick nicht ganz zu dem Motto zu passen, mit dem Halsey sein Amt antrat. Dieses Motto nennt sich „Broadening the scope of choral Music“ und beschreibt das Ziel, die professionelle Chorarbeit in Inhalt, Formaten und Erscheinungsbild zu erweitern.
Wie Spitzenorchester sollen auch Rundfunkchöre als moderne Klangkörper mit eigenem Profil und eigenen Themen wahrgenommen und die Barrieren zum breiten Publikum abgebaut werden. Halbszenische Aufführungen an ungewöhnlichen Orten, bei denen sich der Chor unter das Publikum mischt, Mitsingkonzerte oder Jugendarbeit gehören inzwischen ebenso selbstverständlich zum Aufgabengebiet des Chors wie Workshops mit dem sogenannten „LeaderChor“, bei dem Führungskräfte Prinzipien der Arbeit im Chor auf das wirtschaftliche und soziale Arbeitsleben zu übertragen lernen. Doch noch immer, so betont Halsey, hätten Rundfunkchöre die Aufgabe, ein breites Spektrum von Musik abzudecken – und dabei immer auch im Vergleich mit spezialisierten freiberuflichen Chören zu bestehen: „Vor vierzig Jahren klang Brahms wie Schütz und Schütz wie Tallis. Das geht heute nicht: Wir müssen jede Woche Spezialisten sein.“ Da tut es gut, sich mit Chorälen auf „die Basis unserer Musikkultur“ zu besinnen. „Wir haben vergleichsweise wenige Tage für die Aufnahme gebraucht“, sagt Halsey, „aber danach war der Chor besser als zuvor.“ Was auch mit den Liedern selbst zu tun habe: „Sie sind schlicht, aber nicht simpel, sie sind eingängig, aber nicht billig und die Texte sind oft fantastisch prägnant.“ Welche Herausforderung darin steckt, dieser Schlichtheit mit der richtigen Balance aus Emotion und Understatement, technischer Präzision und Natürlichkeit gerecht zu werden, weiß Halsey schon aus seiner Zeit als Mitglied des King’s College Cambridge. Mit den anderen Universitätschören der Stadt habe man sich geradezu einen musikalischen Wettbewerb auf hohem Niveau geliefert. Halsey illustriert es, indem er auf die Uhr blickt: „Es ist jetzt 18 Uhr in England. Und es ist Samstag. Das heißt King’s College Evensong ist kurz vor dem Ende, St. John’s beginnt gleich und Trinity ist halb durch. Das bedeutet, wenn wir King’s in zehn Minuten verlassen, bekommen wir noch den Anfang von St. John’s mit … Und die entscheidende Frage ist natürlich: Wer sang am besten „Nun danket alle Gott“? Eine Frage, an der sich Halsey auch heute noch gerne messen lassen möchte.

Morgenlicht (Kirchenlieder und Choräle)

Deutsche Grammophon/Universal


Vorbild Choral Evensong

Seine Popularität verdankt der geistliche Chorgesang in England in besonderem Maße dem „Choral Evensong“: Es handelt sich dabei um eine abendliche Gottesdienstform der anglikanischen Kirche, die im 16. Jahrhundert von den alten Stundengebeten abgeleitet wurde. Sie wird hauptsächlich vom Chor getragen, schließt aber auch Kirchenlieder ein. Seit 1926 überträgt die BBC in ihrem Radioprogramm mindestens ein Mal wöchentlich einen „Choral Evensong“ aus wechselnden Kirchen: Es handelt sich damit um die am längsten ohne Unterbrechung bestehende Sendung des Königreiches. In den letzten Jahren bieten auch zunehmend deutsche Kirchen „Choral Evensongs“ an – so der Kölner Dom und die Rostocker Marienkirche.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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