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Gassenhauer-Trio

Klassischer Ohrwurm

Mit dem Trio Mönkemeyer, Hornung und Rimmer widmen sich drei passionierte Kammermusiker der Kunst der Bearbeitung.

Das Wort „Gassenhauer“ kennt man seit dem 16. Jahrhundert, doch auch davor gab es natürlich bereits Melodien, die so einprägsam waren, dass sie auf allen Gassen und Straßen von den Menschen gesungen oder von anderen Musikern aufgegriffen wurden. Im Laufe der Musikgeschichte finden sich zahlreiche Variationen und Fantasien, mit denen Komponisten den Melodien ihrer großen Vorgänger gehuldigt und ihnen teilweise zu noch größerer Popularität verholfen haben. Musikalischer Ausgangspunkt und Namensgeber für das erste gemeinsame Album des Trios Nils Mönkemeyer, Maximilian Hornung und Nicholas Rimmer war dabei Beethovens „Gassenhauer-Trio“, das auch bei der bevorstehenden Tournee im Zentrum steht. „Die Live-Konzerte haben dann aber doch eine etwas andere Dramaturgie. Was die Auswahl und Reihenfolge angeht, folgt eine CD nämlich ganz anderen Gesetzen.“ Was für Cellist Maximilian Hornung nicht von Nachteil sein muss. „Das ist einfach eine ganz eigene Kunst und vor dem Mikro kann man sich Feinheiten erlauben, die live eventuell untergehen. Eines aber haben Studio- und Live-Aufnahmen gemeinsam: Es sind beide Momentaufnahmen.“ Ein Moment, dem aber auch in diesem Fall natürlich eine wochenlange Vorbereitung vorausging. „Die Besetzung mit Bratsche, Cello und Klavier ist schon ziemlich ungewöhnlich“, wie Hornung einräumt. „Deshalb gibt es natürlich wenige Originalwerke, auf unserer CD eigentlich nur die ‚Meditazione’ von Riccardo Drigo. Der Rest sind meist Bearbeitungen und in dieser Konstellation alles Ersteinspielungen.“ Versionen, die es zum Teil schon gab, die aber oft auch vom Trio selbst während der gemeinsamen Probenarbeit erstellt wurden. Ein Prozess, der für Nils Mönkemeyer mit einen Reiz dieses Programms ausmacht: „Dadurch, dass einen die Besetzung dazu zwingt, etwas außerhalb des Gewöhnlichen zu denken, war der Ansatz von Anfang an, nicht nach der Besetzung zu gehen, sondern wirklich zu schauen, welche Stücke interessieren uns und welche davon passen zusammen. Wir wollten sozusagen aus der Not eine Tugend machen und nicht nur die Stücke aufnehmen, die jeder erwartet, sondern eher versuchen, das Spektrum zu erweitern.“ Wobei durchaus nicht jedes Stück der ursprünglichen Wunschliste auch Eingang in die CD gefunden hat. „Eine Bearbeitung macht nur dann Sinn, wenn es dem Werk eine neue Gestalt gibt, eine andere Färbung, die das Ganze neu beleuchtet. Also nicht einfach bei einem Klaviertrio die Geige für mich auf Bratsche umschreiben. Da wollten wir dann doch einen Schritt weiter gehen.“
Neben dem „Gassenhauer- Trio“, das auf Melodien einer einst überaus populären Oper beruht, findet sich auf der CD unter anderem auch Hummels Fantasie über ein Thema aus „Don Giovanni“. Ein reines Opernprogramm aber wäre für Mönkemeyer dennoch nicht in Frage gekommen. „Das schien uns dann doch zu einseitig. Wir haben mehr in Richtung Melodie gedacht und uns nicht auf Arien beschränkt. Unser Bogen spannt sich deshalb von Beethoven über einen von Dvořáks ‚Slawischen Tänzen‘ bis hin zu ‚Musica proibita‘, das einer der großen Hits von Caruso war. Da ist einiges dabei, was man in einem kammermusikalischen Zusammenhang nicht erwartet. Die Besetzung ist ja, wenn man so sagen will, Hardcore-Kammermusik. Ganz im Gegensatz zu den Stücken. Das ist für mich eine sehr reizvolle Kombination, weil die Melodien so in ein neues Format übersetzt werden. Mein persönliches Lieblingsstück ist da übrigens das ‚Hänsel und Gretel‘- Potpourri.“ Speziell hier war bei seinem Kollegen Maximilian Hornung dann aber zunächst doch noch etwas Überzeugungsarbeit zu leisten. „Im ersten Moment war ich da sehr skeptisch, aber es hat dann unglaublich Spaß gemacht, das Stück einzustudieren. Einfach, weil es in dem Arrangement ein ganz neues Gesicht bekommt. Es gibt dafür ja kein Vorbild. Deshalb mussten wir für alle Stücke unseren eigenen Klang finden, und das war ein unglaublich spannender Prozess für uns alle.“
Auch, wenn sie hier zum ersten Mal als Trio in Erscheinung treten, gibt es zwischen Nils Mönkemeyer und seinen beiden Mitstreitern schon länger bestehende Freundschaften, die im Aufnahmestudio für eine ebenso entspannte wie kreative Atmosphäre gesorgt haben. „Das Klaviertrio ist von vorn herein eine sehr solistisch ausgerichtete Form der Kammermusik. Und die Idee, zu sagen, wir sind Solisten und machen hier etwas zusammen, das kam in diesem Projekt sehr schön raus. Ich finde es gut, dass wir Stücke gemacht haben, mit denen man sehr frei umgehen kann und wo auch diese Spontaneität, die wir auf den Proben entwickelt haben, zum Tragen kommt und eine ganz eigene Qualität wird.“ Denn beim Anspruch an ihre „Gassenhauer“ sind sich Hornung und Mönkemeyer einig. „Es sollte eine CD werden, die Spaß macht und hoffentlich vielen Leuten gefallen wird! Aber bei allem Spaß, den wir im Studio hatten, nehmen wir das, was wir machen, natürlich trotzdem sehr ernst und versuchen als Trio immer gemeinsam das Beste herauszuholen. Und so lange das der Fall ist, kann man eigentlich alles spielen.“

Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms u.a.

Gassenhauer

Maximilian Hornung, Nils Mönkemeyer, Nicholas Rimmer

Sony


Schifferklavier

Den Beinamen „Gassenhauer- Trio“ verdankt Beethovens Opus 11 seinem dritten Satz, für dessen Variationen der Komponist auf populäre Themen aus der 1797 uraufgeführten Oper „Il corsaro ossia L’amor marinaro“ („Der Korsar oder Die Liebe unter Seeleuten“) von Joseph Weigl zurückgriff. Insgesamt schrieb der Salieri-Schüler Weigl, der zu Beginn seiner Karriere unter anderem Mozart bei der Uraufführung von „Le nozze di Figaro“ assistierte, knapp drei Dutzend Opern und Singspiele, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Damals jedoch konnte Weigl bei seiner Bewerbung für die Stelle als Hofkapellmeister selbst den jungen Konkurrenten Franz Schubert ausstechen.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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