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Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Musikfreund oder Heuschrecke?

Da musste selbst Leon Botstein, der Musikalische Direktor des in New York ansässigen American Symphony Orchestra, erst mal tief schlucken. „Da hat er etwas mit einer großen moralischen Verantwortung gekauft“, war Botsteins erste Reaktion auf einen Mega-Deal im börsennotierten Musikalienhandel. Die Rede ist vom Verkauf der Klaviernobelmarke „Steinway & Sons“ an den New Yorker Hedgefond-Manager John Paulson. Nach einem Bieterwettrennen ging Paulson als Sieger durchs Ziel und legte für das seit 1996 an der Börse notierte Traditionsunternehmen satte 512 Millionen Dollar (386 Millionen Euro) auf den Tisch. Andererseits kann Paulson diese Summe wohl aus der Portokasse bezahlen. Denn 2007 gehörte er an der Wall Street zu den Finanzjongleuren, die mit ihren unlauteren Wetten gegen Immobilienhypotheken Milliarden verdient haben. Wie Dirigent Botstein reden ihm nun viele ins Gewissen, Steinway nicht zum Spekulationsobjekt verkommen zu lassen. Aber vielleicht tut man Paulson wirklich unrecht und er ist tatsächlich ein Musikliebhaber. Immerhin stehen in seinem Appartement gleich drei Steinways in den Größen M, O & B. Und erst im letzten Jahr spendete er dem örtlichen Konservatorium 100 Millionen Dollar.

Applaus, Applaus!

Wer hat diesen Moment im Konzertsaal nicht schon einmal miterlebt. Kaum ist der erste Satz einer Klaviersonate verklungen, juckt es den Nebenmann schon in den Händen. Doch nach zwei-, dreimal Klatschen wird er gleich vom empörten Rest des Publikums als Musikbanause niedergezischt. Diese Erfahrung widerspricht jedoch einer These von schwedischen Musikwissenschaftlern, die in einer Studie das Klatschverhalten im Konzertsaal unter soziologischen Aspekten untersucht haben. Denn wie man herausgefunden hat, ist Applaus immer ansteckend. Beginnt der eine, folgen ihm sofort die anderen. So weit ein Ergebnis intensiver Forschungsarbeit. Handfestere Fakten liefert die von Richard Mann von der Universität Uppsala geleitete Studie aber auch. So klatscht im Durchschnitt jeder Konzertbesucher lediglich zehn Mal. Und im internationalen Verhalten hat man natürlich auch Unterschiede festgestellt. In den USA etwa kann man es nicht abwarten, bis der letzte Ton verklungen ist, um seiner Begeisterung auch mit lautem Gejohle Ausdruck zu verleihen. In Deutschland dagegen herrscht zunächst für ein paar Sekunden andächtige Stille – bevor man sich dann in einen wahren Rausch hineinsteigern kann. Schließlich sollen die Deutschen weltweit das am längsten applaudierende Publikum stellen.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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