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Neue Jazz-DVDs

Wenn es um Jazz-DVDs geht, führt kein Weg an Naxos vorbei. Dort betreut man das Jazzprogramm von TDK, das allein schon in seiner Jazz Icons-Serie mit überwältigenden Aufnahmen aufwartet. Sie wurden bei ihrem Erscheinen von RONDO ausführlich gewürdigt, sodass hier der exemplarische Hinweis auf Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Chet Baker, Dizzy Gillespie, Sonny Rollins und Art Blakey genügen möge. Die Dokumente entstanden, als die Musiker im Zenit ihrer Schaffenskraft waren. Die Kameraführung erkennt stets, wo die eigentliche Musik spielt, und der Sound ist von erstaunlicher Klarheit und Authentizität.
Doch im Haus der Kunst der bewegten Bilder beschränkt man sich nicht auf ein Label. Arthaus beispielsweise veröffentlicht viele Fernsehmitschnitte wie den des Konzertes von Gil Evans 1983 in Lugano. Dort trat der Leib- und Magenarrangeur von Miles Davis mit einem ad hoc zusammengesetzt wirkenden Orchester auf. Um den Kern bekannter Evans-Mitstreiter war das Ensemble durch prominente Mitglieder vor allem deutscher Big Bands erweitert, und am Schlagzeug saß Billy Cobham. Auch wenn das besser geprobt vorstellbar ist, die charismatische Gestalterpersönlichkeit Gil Evans scheint intensiv durch in diesem Programm aus Originals, Monk-, Mingusund Gershwin-Klassikern (Live in Lugano 1983, Arthaus/Naxos 107113). Enttäuschend dagegen ist der Auftritt von ESP 2, einer quasi kopflosen Version der letzten Miles-Davis-Group drei Jahre nach dem Tod des Prince of Darkness. Einst adelte Miles den muskelprotzenden Funk-Gestus mit eleganter Hipness, hier ist er nur platte Derbheit (Tribute to Miles, Arthaus/Naxos 107065).
Ein Mann von Eleganz und feinem Sinn für Melodie ist der Pianist und (Film-) Komponist Michel Legrand. Zu seinem 77. Geburtstag kam er 2009 aus Kalifornien in seine Pariser Heimat und zelebrierte mit dem London Big Bang Orchestra, einem Klangapparat von ungeheurer Wucht und Präzision, eine grandiose Feier des französischen Charmes als Haute Couture boppenden Swings, und das mit fulminanten Filmschnitten, die trickreich auch mal auf Probenmaterial zurückgreifen – verräterisch dabei Kleidung und Besteck des vorzüglichen Drummers (Legrand Jazz, Arthaus/Naxos 101547).
Einst formulierte Joachim Ernst Berendt, deutscher Jazzpapst seligen Gedenkens, dass man Jazz eigentlich sehend erleben müsse. Es ist wohl diese Erkenntnis, die Plattenfirmen immer häufiger veranlasst, ihre Produkte um Videodokumentationen zu ergänzen. Manchmal wird die Audioaufnahme einfach mit der entsprechenden Videoaufnahme gedoppelt und mit ihr vermarktet. Oft entstehen dabei durchschlagende Beweise für Berendts These. Das legendäre 1975er Berliner Konzert von Weather Report wäre da anzuführen (Live in Berlin 1975, Art of Groove/Indigo 953932). Überhaupt gilt Berendts Diktum für Konzerte mit rhythmischem Publikumsappeal im Besonderen. Das Konzert des kubanischen Klavier-Tausendsassas Roberto Fonseca 2009 in Marciac ist ein Beispiel, das einen aus dem Sessel zu reißen droht (Live in Marciac, Enja/Soulfood EN J 9565). Nicht ganz so Bein ergreifend agiert Fonsecas italienischer Kollege Dado Moroni. In Beverly Hills spielte er 2010 gepflegten und vehement swingenden Pianotrio-Jazz. Der Auftritt wurde adäquat gefilmt, und – das dürfte Schlagzeugerherzen höher schlagen lassen – Peter Erskine ist vorzüglich zu hören und zu sehen (Live in Beverly Hills, Resonance/Codaex RCD 1012). Rhythmisch hochkomplex und vielschichtig in ihrem horizontalen Ansatz ist die Musik des Oud-Virtuosen Rabih Abou-Khalil. Hier ging die Produktion bei seinem »Cactus of knowledge« einen Schritt weiter, ergänzte die einfühlsamen Filmaufnahmen aus dem Audiostudio um kurze Statements der Mitglieder des internationalen Ensembles und veröffentlichte dies alles als eigene DVD. Aus der feinen Verbindung von Wort und Musik wächst im Bewusstsein des Betrachters tatsächlich so etwas wie ein Kaktus der Erkenntnis (The cactus of knowledge, Enja/Soulfood EN J 94019).
Noch weiter geht das Plattenlabel Telarc. Den Auftritt der 32-jährigen Hiromi Uehara 2010 im New Yorker Blue Note gibt es nur als DVD. Folgerichtig, denn als Hörerlebnis allein könnte dieses pianistische Feuerwerk leicht als überdreht kokettes Zurschaustellen schierer Virtuosität empfunden werden. Sieht man aber dieses natürlich charmante mädchenhafte Wesen, so wirkt das Ganze authentisch als Ausdruck einer Riesenfreude am Entertainment (Live at Blue Note New York, Telarc/in-akustik 08032866).
Neben den mehr oder weniger angereicherten Konzertmitschnitten gibt es immer noch die klassischen Dokumentationen. Hier wäre das Projekt »Das Weimarer Dreieck« mit den Ensembles von Friedhelm Schönefeld, Tomasz Stanko und Marc Ducret anzuführen. Die Einführungen in die jeweiligen Auftritte durch den kenntnisreichen Kritiker Bert Noglik haben allerdings einen leichten Touch von Volkshochschule (jazzwerkstatt/Collector’s Mine JW 2000).
Zum Abschluss ist das vom SWR erstellte Filmporträt zum 75. Geburtstag des deutschen Jazzurgesteins, des Pianisten und Komponisten Wolfgang Dauner zu nennen. Vielleicht ist es ein bisschen geschwätzig geraten und historisches Material dabei etwas zu kurz gekommen. Doch ein Schelm, wer Böses dabei denkt (Dauner forever!, www.moving.angel.com), denn ob Konzertmitschnitt oder Dokumentation, Jazz gehört und gesehen als DVD ist das Nächstbeste zum Live-Act – mit dem Vorteil der Menüführung und Lautstärkeregelung; YouTube bleibt müder Ersatz.

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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