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Haste Töne¿

Raoul Mörchen stellt Neuerscheinungen mit zeitgenössischer Musik vor.

Man kann es den Leuten kaum verübeln, dass sie auf die Barrikaden gegangen sind, als sie zum ersten Mal Musik von Edgard Varèse hörten. 1915 war der bis dahin eher unauffällige Franzose umgesiedelt in die USA , ganz offensichtlich auch mit dem Ziel, in der Neuen Welt eine ganz neue Musik zu schreiben. Die Uraufführung von »Hyperprism« 1923 in New York war dann ein waschechter Skandal – und das Publikum restlos überfordert von einem gerade vierminütigen Werk, dessen Innenleben keinem bekannten Maßstab von Harmonik und Melodik genügt. Bloß ein Dutzend Werke hat Varèse bei seinem Tod 1965 hinterlassen, weniger als jeder andere Komponist von Rang, doch genug, um die Geschichte zu verändern. Varèses direkter Zugriff auf sein Material, das er wie ein Bildhauer zu schroffen Monumenten formte, hat viele Komponisten nachhaltig beeindruckt. Seine Musik fährt auch uns Nachgeborenen immer noch wie ein schöner Schrecken durch die Glieder. Die kleine Werkschau bei col legno präsentiert mit sechs Werken bereits die Hälfte des Oeuvres – ein guter Querschnitt in Live-Aufnahmen von den Salzburger Festspielen, unter anderem mit dem Ensemble Modern. (col legno/harmonia mundi COL 20295)

2011 wird das Jahr der Hochzeiten, heißt es. Nun denn, hier ist der Soundtrack dazu: »Equilibrio« von María de Alvear. Die deutsch-spanische Komponistin hat ihre (unausgesprochene) Hochzeitsmusik angelegt als Konfrontation zweier Parteien, die leicht verstimmt zu sein scheinen. Ein Viertelton liegt zwischen den beiden kleinen Orchestern und den ihnen zugeordneten Solisten am Klavier. Ein unüberwindbarer Abgrund ist das, glaubt man der Konvention. Ein Klacks nur, glaubt man María de Alvear. Denn eine Verstimmung erzeugt in der Musik Vibrationen – den Rest kann man sich denken. Oder sich zur Not von der Komponistin auf die Sprünge helfen lassen, die ganz unverblümt von einer »erotischen Spannung zwischen den Systemen « spricht. Zwischen musikalischen Systemen, die ein eigenes Zentrum haben und doch dank der hohen klanglichen Energie, die die Musiker erzeugen, für eine dreiviertel Stunde ins Gleichgewicht kommen. Komponiert hat de Alvear das Doppelkonzert ursprünglich für eine Installation des britischen Video-Künstlers Isaac Julien. Man mag diese Paarung von Klang und Bild im Hinterkopf behalten, ebenso wie man Gefallen finden kann an de Alvears Idee, als Solisten für das Konzert ein Ehepaar zu wählen. Doch die Musik funktioniert auch für sich, ohne Video und Biographie, funktioniert durch bloßes Zuhören: als Gleichnis einer Einheit, in der Unterschiede versöhnt, aber nicht geleugnet werden. Die Hochzeit endet im übrigen glücklich. Ihrem Konzert spendiert María de Alvear ein ausgelassenes Finale, das sich in den letzten Momenten immer höher schraubt – bis in den siebten Himmel. (Verso/harmonia mundi VRS 2101)

A propos Hochzeiten. »Hoch-Zeiten« heißt auch das Finale der Oper »Sonntag« von Karlheinz Stockhausen, die im April in Köln mit großem Erfolg postum uraufgeführt wurde. Jedem Tag der Woche hat Stockhausen in seinem Opernzyklus »Licht« ein eigenes Werk gewidmet. Danach machte er sich in seinem Zyklus »Klang« an die Vertonung der 24 Stunden des Tages, schließlich sollten noch die Minuten und Sekunden an die Reihe kommen. Stockhausen hatte das Projekt einer kompositorischen Zeit-Reise schon in den siebziger Jahren begonnen mit Werken über das Jahr, die Jahreszeiten und, 1975, die Sternzeichen. »Tierkreis« erfreut sich bis heute besonderer Beliebtheit. Auch bei Interpreten, die Stockhausen hier einlädt, selbst mitzuarbeiten an der finalen Gestalt der zwölf Sätze. Er überlässt ihnen nicht nur die Wahl des Instruments, sondern ermutigt sie, die Melodien, die jedem Satz zugrunde liegen, nach eigenen Wünschen und Möglichkeiten, aber immer orientiert an der darin formulierten künstlerischen Idee, zu variieren. Ausgegangen war der Komponist zunächst vom Klang einer Spieluhr. Die »Tierkreis«-Fassung des Organisten Dominik Susteck ist ein extremer Ausschlag zur anderen Seite hin. An der speziell auf zeitgenössische Musik zugeschnittenen neuen Orgel von St. Peter in Köln zieht Susteck buchstäblich alle Register. Er nutzt die exotischen Mixturen seines Hausinstruments, spielt mit dem Winddruck, schaltet Schlagwerk hinzu. So lernt man neben einem außergewöhnlichen Werk auch einen erfindungsreichen Organisten und sein erstaunliches Instrument kennen. (Wergo/ Note 1 WER 67362)

Wer da glaubt, die Übermacht asiatischer Musikstudenten zeige sich nur in den Instrumentalklassen, der sollte sich mal im Fach Komposition umschauen: Auch da ist an vielen deutschen Hochschulen der heimische Nachwuchs längst in der Minderheit. Der bessere Ausbildungsstand der Asiaten bei Studienbeginn ist ein Grund dafür. Doch mit Streberei und härterer Arbeit allein ist es nicht getan. Viele Studenten aus Fernost haben auch künstlerisch etwas zu bieten. Und das auch nicht erst seit gestern. Die Koreanerin Unsuk Chin hat sich bereits im Laufe der 1990er Jahre etablieren können im kleinen Kreis der Top-Komponisten. Chins Musik ist Avantgarde zum Vorzeigen – formal originell, klanglich opulent, inhaltlich fassbar. Ihr Weg zum Erfolg lässt sich gut nachvollziehen anhand der vier Werke, die das prestigebewusste Ensemble InterContemporain eingespielt hat – beginnend beim Vokalzyklus »Akrostichon-Wortspiel« von 1993, dem Werk des eigentlichen Durchbruchs, bis zum 2002 entstandenen Doppelkonzert für präpariertes Klavier und Schlagzeug. Hier wird die Kunst nicht neu erfunden, der Stand der Dinge aber doch auf hohem handwerklichen Niveau gehalten. (Kairos/harmonia mundi KAI 0013062)

Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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