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Rotterdamer Philharmoniker

Keine Angst vor Amsterdam

In den Niederlanden gibt es nicht nur das berühmte Concertgebouworkest in Amsterdam, auch die Hafenstadt Rotterdam verfügt über ein allseits hochgeschätztes philharmonisches Orchester, das sich vor der Konkurrenz – im eigenen Land wie außerhalb – nicht zu verstecken braucht, wie Jörg Königsdorf mit eigenen Ohren feststellen konnte.

Den Applaus, mit dem die Rotterdamer Philharmoniker an diesem Mai-Abend gefeiert wurden, dürften die Musiker ganz besonders genossen haben. Einmal, weil ein Stück wie Strauss’ »Der Rosenkavalier« für jedes Konzertorchester eine besondere Herausforderung ist. Dann, weil die Premiere an der Nederlands Opera im benachbarten Amsterdam natürlich eine Gelegenheit ist, den Konkurrenten vom Concertgebouworkest in dessen Heimatstadt zu zeigen, dass man sich auch vor dem »besten Orchester der Welt« nicht verstecken muss. Und drittens, weil an diesem Abend kein geringerer als Simon Rattle am Pult stand – der wählerischste unter den Pultstars, dessen jährliche Gastdirigate man an zwei Händen abzählen kann.
Solche Abende sind jedoch nicht nur Balsam für Musikerseelen, sondern auch Signale an die Musikszene: Wer Anerkennung will, darf nicht nur das heimische Publikum versorgen, sondern muss im internationalen Klassikgeschäft mitmischen. Und da haben sich Rotterdams Philharmoniker in den letzten vier Jahrzehnten ziemlich weit nach oben gespielt. Zuerst unter Edo de Waart, der 1969 hierher kam (und von dem übrigens auch eine ausgezeichnete »Rosenkavalier«-Aufnahme aus Rotterdam existiert), dann 13 Jahre lang mit Valery Gergiev, und jetzt, seit 2008, mit dem Franko-Kanadier Yannick Nézet-Séguin, dem Senkrechtstarter der Dirigentengeneration ›dreißig plus‹. Eine Deutschland-Tournee mit dem neuen Chef im Herbst und eine Einladung zum Berliner Musikfest 2012 sind Belege dafür, dass das inzwischen auch jenseits der Grenze wahrgenommen wird.
Offenbar besitzt Rotterdam gute Wachstumsbedingungen für Dirigenten – wer einmal kommt, bleibt in der Regel lang. »Gergiev hat uns einmal das beste russische Orchester genannt«, erzählt Philharmoniker-Intendant Hans Waege stolz. »Ich glaube, er mag besonders, dass die Musiker hier auch Risiken eingehen und bereit sind, sich von der emotionalen Intensität seines Musizierens anstecken zu lassen. « Immer noch kommt der Russen-Karajan jedes Jahr hierher zurück und eröffnet im September das Rotterdam Philharmonic Gergiev Festival, das inzwischen auch immer mehr Gäste aus dem Ausland in die Stadt lockt (8.–18. September 2011: www.gergievfestival.nl). Auch Yannick, wie sein quecksilbriger Nachfolger nur genannt wird, fühlt sich hier merklich wohl und hat seinen Vertrag schon bis 2015 verlängert. Ihm gefalle die kraftvolle, energiegeladene Atmosphäre hier, betont er. Das oft frontale Aufeinandertreffen von Alt und Neu erinnere ihn immer wieder an seine Heimatstadt Montreal. Tatsächlich ist es vor allem das Neue, das Rotterdam prägt, oder besser gesagt: die Architektur der Nachkriegsmoderne. Denn der alte Stadtkern wurde im Mai 1940 durch einen deutschen Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt, ebenso wie der erst fünf Jahre zuvor erbaute Konzertsaal De Doelen. Seit 1966 residiert das Orchester in einem Betonbau gleichen Namens, der zwar nur den kühlen Charme des rechten Winkels, aber dafür eine ausgezeichnete Akustik besitzt. Dass Rotterdam die modernste Stadt der Niederlande ist, prägt jedoch nicht nur das Stadtbild, sondern auch die Klassikszene: Während Amsterdam ein Hotspot der Alten Musik und vor allem der Bach-Pflege ist, spielen hier seit jeher die Philharmoniker und die große Sinfonik die Hauptrolle. Brahms und Mahler, Debussy und Schostakowitsch – seinen Namen hat sich das Orchester vor allem mit der Spätromantik und klassischen Moderne gemacht. »Das Publikum hier schwärmt einfach für den großen Sound,« weiß der Intendant. Und das tun Dirigenten ja in der Regel auch.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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