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Salome in Salzburg

Sieg für Herodias

Die Besucherauslastung litt dieses Jahr etwas unter dem unerhört modernen Konzert-Programm, wo man auch eine ›Zumutung‹ wie Schönbergs »Erwartung« hinnehmen musste, bevor im Goldenen Hirschen das Abendessen wartete. Doch für die neue »Salome« lohnte der Weg zu den Salzburger Osterfestspielen auf jeden Fall.

Ja, die Salzburger Osterfestspiele sind das teuerste und elitärste Opernfestival der Welt. Die Besucher wissen und genießen das, sie haben schließlich bis zu 1.200 Euro allein für eine Oper und zwei Konzerte ausgegeben. Dafür dürfen sie aber auch als erste hören, wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Richard Strauss’ orchestral opulenteste Oper zum Glitzern und Funkeln bringen. Wie Sir Simon sie aber zerlegt und strukturiert, klar analysiert. In diesem Mondlicht Judäas wärmt sich keiner.
Salzburger Paradoxien: Eben noch hatte sich das Festival im letzten Jahr fast selbst abgewickelt. Mit einem kapitalen Unterschlagungsskandal, über den der damalige Geschäftsführer und sein kurz darauf aus dem Leben geschiedenerer Technikchef gestolpert waren. Mit unlustigen Berliner Philharmonikern, die sich von den kapitalen Sirenengesängen des Festspielhauses Baden-Baden fast von ihrem angestammten Osterort hätten weglocken lassen. Doch das ist der kulturpolitische Schnee vom vergangenen Jahr. Jetzt wollen wieder alle. Und das Publikum ist dageblieben. Peter Alward, der neue Intendant und ehemalige EMIChef, kann zufrieden sein. Diese »Salome«, inszeniert von Stefan Herheim, ist endlich wieder diskurswürdig und nicht nur kulinarisch. Wann gab es das in Salzburg an Ostern zuletzt?
Jetzt hätte in Salzburg nur noch ein wenig besser gesungen werden müssen. Salome war Emily Magee. Die ist zwar auch an allen großen Häusern zu Gast, aber die Stimme ist kalt und stumpf, man versteht kaum ein Wort. Was leider auch für Stig Andersens kleinformatig faden Herodes und Iain Patersons einheitsdumpfen Propheten Jochanaan gilt. Hat denen denn keiner erklärt, was sie da singen? Dabei hätten sie sich nur ein Beispiel an der überwältigenden Hanna Schwarz als Herodias nehmen müssen. Kein Wunder, dass ausgerechnet sie auch den »Salome«-Sieg davonträgt und am Ende ihren perversen Mann und die Welt gleich dazu in Trümmer schießt.
Sie tut das mit einer Kanone, die gleichzeitig auch Teleskop und Phallus ist, der sich auf den weiblich runden Mond richtet. So wie in Stefan Herheims wie stets faszinierend vielschichtiger, diesmal aber auch stellenweise ratlos lassender Inszenierung nichts bleibt wie es scheint. Heike Scheles furios funkelndes Firmament erweist sich auch als Zisternenrand, über dem der käsige Erdtrabant dräut. Die Bühne sowie Gesine Völlms kostbare Kostüme sind konsequent in Schwarzweiß gehalten, mit ein wenig Blutrot als Farbeinsprengsel. Als Partygäste paradieren von Cäsar bis Hitler zwölf der berüchtigtsten Diktatoren. Salome ist – in Negativ-Schwarz gewendet – gleichzeitig auch ihre Mutter und der hier verweiblichte Page (Rinat Shaham); der Prophet ist eine verlotterte Ausgabe des Herodes, der sich wiederum im syrischen Hauptmann Narraboth (sehr gut: Pavol Breslik) jugendlich elegant spiegelt. Salomes Schleier im Tanz sind sechs bunte, aus dem Mond gefallene Salome-Doppelgängerinnen, die die Potentaten zur Strecke bringen. Und das abgeschlagene Haupt des Propheten ist ein Riesenschädel, in dessen Mund die Prinzessin im Kuss verschwindet: eine monströse Penetration.
Doch Simon Rattle und die Berliner sind die eigentliche Salzburg-Sensation. Mit nie gehörten Details, wunderbaren Farbspielereien. Als ob die Partitur ein Eigenleben führen würde. Rattle lässt sich Zeit, facht selten die Hitze an, lenkt eigentlich unauffällig, aber höchst souverän. Ist so in jedem Takt ein Anti-Karajan. Und trotzdem diesem nah. Nicht sensualistisch, aber intellektuell.

Manuel Brug, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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