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Rachlin & Friends

Wo die Zikaden zirpen

Blaugrünes Meer, karstige Berge, pittoreske Städte. Trotz der fehlenden Sandstrände gehört Kroatien zu jenen Regionen, denen Tourismusplaner für die nächsten Jahre das größte Potenzial nachsagen. Mit Dubrovnik hat das Land eine weltberühmte urbane Sehenswürdigkeit zu bieten, die nach kriegs- und reperaturbedingtem Dornröschenschlaf sehr vehement wieder ins Leben und auf die Weltkarte der Reisenden zurückkehrt. Matthias Siehler hat sich für RONDO dort umgesehen.

Man ist überrascht, sieht man heute die pulsierende Perle der Adria, das alte, venezianisch geprägte Ragusa, in seinem längst wieder geschlossenen, bequem begehbaren Mauernring mit Panoramablick brodeln. Dubrovnik ist nach wie vor eine der schönsten Seefahrerstädte der Welt, doch der sozialistische Mehltau ist abgestreift, die von Cafés und interessanten Läden gesäumten, marmorbelegten und von vielen Fußgängern abgeschliffenen Straßen, auch die stylishe, umfassend renovierte Hotellerie auf der Halbinsel Lapad brauchen keine eleganten Vergleiche zu scheuen. Und die Seilbahn auf den Hausberg Srd fährt wieder. Einziges Manko: Tagsüber ist die vergleichsweise intime Altstadt fest in der Hand vorwiegend italienischer Schiffstouristen, die von ihren Riesenkreuzfahrtkähnen zu Hunderten einfallen. So lässt die Stadt ihre fremd bestimmte Geschichte nicht los.
Doch zum Glück gibt es ab der Dämmerung, wenn die Zikaden wieder zirpen, wenn die warmen Steine honigfarben leuchten, Abhilfe – musikalischer Art. Eine große Tradition besitzt dabei das Dubrovnik Summer Festival, einst die renommiertesten Musikfestspiele des ehemaligen Jugoslawiens. Diesen Sommer fanden sie im Juli und August zum 62. Mal statt. Auch wenn die Künstler nicht mehr ganz so bekannt sind wie früher, die Veranstaltungen gefallen sich als Silbertablett für kroatische Interpreten. Unvergleichlich typische Spielorte, wenn auch bisweilen mit tückischer Akustik, sind dabei der Rektorenpalast mit seinem lauschigen Innenhof, die diversen Kirchen und ihre Kreuzgänge oder die Terrassen des malerisch dem grandiosen Hafen vorgelagerten Fort Revelin.
Und seit dem Jahr 2000 schließt sich dann Ende August, Anfang September das so hochkarätige wie locker inszenierte Kammermusik- Festival Julian Rachlin & Friends an. Rachlin, berühmter Geiger aus Wien mit litauischen Wurzeln, verliebte sich nach einem Auftritt beim Sommerfestival in den Genius des Ortes und bemühte sein Telefonverzeichnis. Das umfangreich ist, denn die Liste der hier vertretenen Künstler wird immer länger. Angeführt von seiner 1741 von Guarnerius del Gesu gebauten Violine »ex Carrodus « haben sich hier nun im Sommer alljährlich Sänger, Schauspieler und Instrumentalisten versammelt. Selbst Hollywood-Stars wie Rodger Moore oder John Malkovitch (der kroatische Wurzeln hat) ließen sich locken und kamen begeistert wieder. Meist ist auch die Academy of St. Martin in the Fields für zwei Orchesterkonzerte dabei, denn Rachlin, der an manchen Abenden auch als Musikkabarettist zu erleben ist, spielt auch Bratsche und dirigiert inzwischen mit schönem Erfolg.
Im Rahmen des Festivals traten neben Rachlin zahlreiche weltberühmte Kammermusiker wie beispielsweise Mischa Maisky, Itamar Golan, Martha Argerich oder Thomas Hampson auf. Für die elfte Ausgabe von Julian Rachlin & Friends haben sich unter anderem der Percussionstar Martin Grubinger, Dame Felicity Lott, der Balalaika-Virtuose Alexey Arkhipovski, der Bratschist David Aron Carpenter, der Bariton Florian Boesch, Yefim Bronfman, Zubin Mehta, die Belgrader Philharmoniker und die Kremerata Baltica angesagt. Die umwerfenden Musikclowns Igudesman und Joo werden als »Piraten des adriatischen Meeres« das Festival entern, außerdem gibt es neben vielen Repertoireraritäten auch zwei Uraufführungen von Richard Dubugnon und Tomislav Olivier im Angebot.
Bis zum 8. September kann man also wieder tagsüber die herrlichen, von Pinien umsäumten Kieselstrände in Lapad genießen, sich in schönen, modernen Hotels verwöhnen lassen und abends in wunderbar historischer Kulisse erstklassige Musik hören und dinieren. Wie sagt es Julian Rachlin: »Nirgendwo vorher hatte ich solche Konzerte erlebt, die durch ein einzigartiges Zusammenspiel von Kunst und Freundschaft gekennzeichnet sind und eine seltene Synergie ergeben.


www.rachlinandfriends.com


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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