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Ian Bostridge

„Ich mag keine Tenöre“

Anna Netrebko ist ein Fan von ihm – und von Britten. Tenor Ian Bostridge (48) über den Erfolg seines Landsmannes Benjamin Britten.

RONDO: Herr Bostridge, das Opernpublikum in Deutschland ist nicht unbedingt verrückt nach Britten. Aber wer den Weg in eine Vorstellung findet, ist meist begeistert. In Großbritannien ebenso?

Ian Bostridge: Ja, der Unterschied liegt nur in den Chorwerken. Als ich zur Schule ging, war „Ceremony Of Carols“ noch sehr populär und auch das „War Requiem“. Aber auch bei uns gibt es eine gewisse Zurückhaltung. Britten ist weder traditionell noch progressiv genug, um allen zu gefallen. Die Komponisten finden ihn alle schwierig und sogar verdächtig.

RONDO: Das ist die Eifersucht der Komponisten!?

Bostridge: Ganz gewiss. Britten war der letzte, der dem musikalischen Establishment angehörte und trotzdem eine kritische Haltung einnahm. Er war zu erfolgreich, um nicht den Argwohn seiner Nachfolger zu wecken.

RONDO: Hat Britten den Publikumserfolg bewusst angestrebt?

Bostridge: Ja, er war besessen von dem Wunsch, Erfolg zu haben. Und schreckte doch immer wieder davor zurück. Regelmäßig hat er sich so in Schwierigkeiten gebracht. Als er für eine Gala der Queen etwas komponieren sollte, entschied er sich für „Gloriana“ – über die Liebe Königin Elizabeths I. zu Roberto Devereux. Nur war das eine Oper über eine verbitterte, alte und befremdende Monarchin! Alle waren peinlich berührt. Der Erfolg des „War Requiems“ hat ihn gefreut, und gleich darauf hat er einen Rückzieher gemacht und nie wieder etwas so Großformatiges komponiert. Mit dem Erfolg, den er wollte, konnte er im Grunde genommen nicht umgehen.

RONDO: Wie sah Ihre erste Berührung mit Britten aus?

Bostridge: In einer Schulaufführung von „Noahs Flut“ spielte ich eine Ratte. Mein ganzer Stolz war, als ich eines Tage bei „The Golden Vanity“, das Britten für die Wiener Sängerknaben komponiert hat, den Kapitän spielen durfte. Mann, war das toll! Leider wird an britischen Schulen heute nicht mehr so viel gesungen wie früher.

RONDO: Peter Pears, der ultimative Britten-Tenor, hatte nicht unbedingt eine schöne Stimme. Was haben Sie von ihm gelernt?

Bostridge: Wie man sich auf den Text einlässt. Er war einer der beiden Sänger, die den größten Einfluss auf mich hatten: Dietrich Fischer-Dieskau und eben Peter Pears. Seine Stimme klang eher fragil. Trotzdem war seine Bedeutung für mich so groß, dass es sogar schwierig wurde, mich wieder von ihm zu lösen.

RONDO: Britten war einer der ersten offen homosexuell lebenden Komponisten. Hatte er dadurch Nachteile zu gewärtigen?

Bostridge: Heute sind eingetragene Partnerschaften in Europa Standard, daher können wir uns eine Situation wie damals nicht mehr vorstellen. 1953 aber war der Schauspieler John Gielgud nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette, in der Männer mit Männern Sex hatten, verhaftet und anschließend verurteilt worden. Britten war gewarnt. Seine Situation blieb immer heikel und etwas ambivalent. Wichtig war, dass er gemeinsam mit Pears von der Königlichen Familie empfangen wurde. Als Britten starb, erhielt Pears ein Kondolenz-Schreiben der Queen.

RONDO: Sie haben in „Billy Budd“, „Death In Venice“, „Turn Of The Scew“ und im „Midsummer Night’s Dream“ gesungen – und jetzt in „Rape Of Lucretia“? Kommt bald „Peter Grimes“?

Bostridge: Wenn die Umstände stimmen, vielleicht. „The Rape Of Lucretia“ haben wir live beim Britten-Festival in Aldeburgh aufgenommen. Jetzt kommt für mich aber erst einmal „Curlew River“ im Londoner Barbican. Darauf habe ich mich 15 Jahre lang gefreut.

RONDO: Sie werden oft als intellektueller Sänger beschrieben. Gefällt Ihnen das?

Bostridge: Nein, denn es wäre unmöglich, als intellektueller Sänger überhaupt Erfolg zu haben. Um zu singen, muss man die tierische Seite an sich entdecken. Den Unterleib! Mein Problem war immer, dass ich eigentlich keine Tenöre mag. Bariton ist mir lieber! Als Tenor muss man wahnsinnig athletisch singen. Das ist nicht mein Ding. Und man muss furchtbar vorsichtig sein. Für Tamino, den ich gerne gesungen hätte, ist es inzwischen auch zu spät. Meine Tochter ist sechs Jahre alt und mein Sohn elf … Aber Britten kann ich singen, bis ich wirklich das Alter von Gustav von Aschenbach im „Tod in Venedig“ habe.

Benjamin Britten

Songs

Ian Bostridge, Antonio Pappano, Xuefel Yang

EMI/Virgin Classics


Der Chef am Klavier

Kennt kein Mensch! Das ist das Großartige daran. Denn Brittens „Hölderlin-Fragmente“ und seine „Songs From The Chinese“ sind außer durch Peter Pears kaum je über England hinausgekommen. Lediglich seine „Winter Words“ und natürlich die „Michelangelo Sonnette“ sind beliebtes Tenor-Futter. Dass Ian Bostridge zur Begleitung am Klavier sogar den Dirigenten Antonio Pappano überreden konnte, gleicht einer Sensation. Für keinen anderen männlichen Sänger hat der Chef des Londoner Covent Garden bisher diese Ausnahme gemacht. „Gib doch das Dirigieren auf!“, musste er sich dafür von Bostridge sagen lassen. Ein Glücksfall!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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