Startseite · Künstler · Gefragt

Um Noblesse geht es auch nicht

Fazıl Say – Pianist, Komponist, Weltbürger

RONDO-Autor Jürgen Otten hat Say, der für den traumwandlerischen Brückenschlag zwischen Ost und West bis heute im Heimatland herbe Kritik bezieht, eine Biografie gewidmet, der wir mit freundlicher Genehmigung des Henschel Verlages die nachfolgenden Auszüge entnehmen.

Berlin, der 29.Dezember 2010, kurz vor 20 Uhr. Am Gendarmenmarkt, dem von seinen Verehrern mit liebenswerter Unverdrossenheit nachgesagt wird, er sei einer der schönsten Plätze Europas, herrscht reges Treiben. Über Geschmack lässt sich trefflich streiten, allein, dieser Abend bietet dazu wenig Anlass, jedenfalls draußen vor der Tür. Seit Wochen schon umklammert der Winter die Kapitale, das Thermometer ist auf minus zehn Grad gesunken, ein eisiger Wind streift um Schinkels Musentempel. Die Mantelkragen sind hochgestellt, Gesichter verschwinden hinter Schals und unter Mützen, die Menge der Menschen, die auf das Gebäude zustrebt, hat es eilig. Und nicht nur wegen der bitteren Kälte. Drinnen im Saal, wo es warm ist, erwartet die 1 412 Erdenbürger ein Ereignis, das ein bisschen anders und auch ein bisschen mehr zu sein verspricht als ein gewöhnliches Konzert.
Der dafür verantwortlich zeichnet, drückt gerade seine letzte Zigarette aus. Was das angeht, kann er sich mit seinem Kollegen Maurizio Pollini die Hand reichen. Beide rauchen vor dem Auftritt, wobei der italienische Pianist damit seine eklatante Nervosität zu unterdrücken sucht, hingegen Fazıl Say es mehr aus Genuss tut, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Und exakt das bedeutet ihm auch sein Klavierspiel. Es ist ihm existenzielles Bedürfnis. Wie hatte es der Dichter und Dramatiker Friedrich Schiller in den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen so fabelhaft formuliert: »Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Kaum ein Künstler, für den dies so grundsätzlich zutrifft wie für Fazıl Say. Und kaum einer, der das Publikum unter Zuhilfenahme dieses ästhetischen Imperativs so sehr in seinen Bann zu ziehen vermag. Ein Konzert mit Fazıl Say ist nicht einfach nur ein Konzert. Es ist eine Demonstration menschlichen Ausdruckswillens in der Kunst. Und eine Seelenberührung.
So auch an diesem Abend. Natürlich ist der Große Saal seit Wochen ausverkauft. Sogar den Gang in der Mitte hat man mit Stühlen gefüllt, um der Nachfrage Herr zu werden. Und das ist nur zu einem geringen Teil der Tatsache zuzuschreiben, dass Fazıl Say in der Spielzeit 2010/11 als Artist in Residence im Konzerthaus wirkt. Es ist vor allem jener Aura geschuldet, die sein Klavierspiel und ihn umgibt und die man so schwer in Worte fassen kann, weil sie sich kognitiven Erklärungsmustern verweigert.
[…] Kurz nach acht tritt Fazıl Say an den Flügel heran. Wobei »herantreten« nicht das richtige Wort ist. »Schlurfen« trifft es besser. Hier schreitet kein stolzer Löwe in die Arena, mit jener erhabenen Gebärde, die uns mitteilen will: »Euch beherrsche ich im Handumdrehen.« Nein, das ganze Gegenteil ist der Fall. Das Haupt des Pianisten ist gesenkt, beinahe so, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass er überhaupt hier ist. Schaut man aber genau hin, kann man sehen, dass dieses Gesenkt-Sein eher ein Sich-in- die-Angelegenheiten-der-Kunst-Versenken bedeutet, eine (unbewusste) Strategie, die Antipoden miteinander zu verbinden: Dort das Publikum, in nahezu fiebriger Erwartung (es muss und wird etwas Besonderes geschehen) – hier der Künstler, der dafür Sorge zu tragen hat, dass diese Erwartungen nicht enttäuscht werden, und sich somit einem unerlaubten Druck ausgesetzt sieht.
[…] Allein das Programm dieses Abends steht dafür ein, gleichsam als Pfand, mit dem er wuchern kann. Ferruccio Busonis Bearbeitung der Chaconne für Violine solo aus Bachs d-Moll-Partita, bedeutendes polyphones Traktat, bildet den Auftakt. Es folgt, in derselben Tonart, Beethovens fulminante Sturm-Sonate, und schließlich, nach der Pause, Modest Mussorgskis Zyklus Bilder einer Ausstellung, faszinierendes Porträt des Malers Viktor Hartmann und seiner Aquarelle und Zeichnungen. Jedes dieser Werke hat Fazıl Say im Verlauf seines Pianistenlebens schon mehrfach interpretiert. Das bedeutet für ihn aber nicht, dass er sie behandeln würde wie alte Freunde, die man immer wieder mal trifft zum routinierten Austausch. Es bedeutet also nicht bloße und flüchtige Erinnerung. Es bedeutet die Wiederholung desselben durch das Andere. Erneuerung durch Intensivierung.
[…] Noch leicht berauscht vom ersten Teil des Recitals, werden die Zuhörer in Berlin nach der Pause Zeuge einer pianistischen Darbietung, die so manchen Rahmen, so manche Übereinkunft dehnt, wenn nicht sprengt. Fazıl Say spielt Mussorgskis Bilder einer Ausstellung. Und er spielt den Zyklus so, als hätte er sich vorgenommen, mit den Mitteln des Klaviers eine Orchestrierung von größter Opulenz zu erstellen. Das Instrument verwandelt sich in ein Kraftwerk der Gefühle und Farben, der bürgerliche Konzertsaal in eine Hexenküche. Wer es bis zu diesem Abend noch nicht wusste, was der Komponist Aribert Reimann 1986 mit seinem viel zitierten Diktum meinte, Fazıl Say spiele wie der Teufel, der wird spätestens in der halben Stunde, die diese Darbietung dauert, verstehen, was es sagen will. Des Malers, von Mussorgski kongenial in musikalische Porträts transformierte Bilder erstehen vor dem inneren Auge wie ein Pandämonium, das die Transzendenz nicht scheut; sie durchlaufen eine Metamorphose. Sind Insinuationen einer Seele. Klingendes Kaleidoskop. Und: belebte Szene.
Beeindruckend die Plastizität, die Fazıl Says Spiel auch hier auszeichnet. Mag der eine oder andere Zugriff nicht präzise sein, der ein oder andere Akkord im Pedalnebel untergehen – all jene, die unterstellen, dieser Wiedergabe fehle es an Noblesse, haben nicht verstanden, dass es um Noblesse nicht geht: nicht in den Kunstwerken Hartmanns, nicht in Mussorgskis Charakterstücken. Und schon gar nicht dem Interpreten des Abends.
Das Publikum feiert ihn dafür, die Kritik konzediert »unbedingten Ausdruckswillen«. Der seinen Preis indes kaum verhehlt. Denn wie sehr dieser Abend an ihm, dem alles hingegeben Habenden, genagt hat, wie viel Energie der Parforceritt ihm geraubt hat, zeigt sich am Ende des Konzerts. Sichtlich erschöpft verlässt Fazıl Say die Stätte seines Triumphs. Wie ein Sieger sieht er nicht aus. Aber das entspräche in der Tat weder seinem Selbstverständnis als Künstler noch dem Sinn von Kunst überhaupt.

Jürgen Otten: Fazıl Say – Pianist, Komponist, Weltbürger

Henschel Verlag

Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 4 / 2011



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Herr über 5000 Instrumente

Meldungen und Meinungen aus der Musikwelt

Das zur Leipziger Universität gehörende Museum für Musikinstrumente zählt zu den weltweit […]
zum Artikel »

Musikstadt

Sizilien

Konzerte mit Ätnablick im Theater von Taormina oder in privaten Palästen. Dazu das Teatro […]
zum Artikel »




Top