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Fazıl Say

Der Klavier-Junkie

Fazıl Say brennt an beiden Enden – und wird so auch als Komponist inzwischen ernst genommen. Der türkische Allrounder behagt mit seinen eigenwilligen Interpretationen nicht jedem Kritiker, aber das Publikum liebt seine Direktheit. Die Art, wie er seinen reise- und arbeitsintensiven Beruf zur Berufung erhebt, sorgt für Dauerstress. Seine Nerven massiert Fazıl Say dann gerne mit Zigaretten und gutem Whisky. RONDO-Autor Robert Fraunholzer über einen Musiker, der trotz aller Ecken und Kanten hinter seiner Kunst zurückstehen möchte.

Um Fazıl Say könnte man sich Sorgen machen. Raubbauhaft hyperaktiv, nervös und mit tiefschwarzen Rändern um die Augen, scheint der knuffige Kerl – Publikumsliebling auf vielen Bühnen – an beiden Enden seiner Person zu brennen. Die Zahl seiner Auftritte und Kompositionen ist dramatisch angestiegen. Er schreibt sogar Bücher. Neben rastloser Konzert-Tätigkeit hat er neuerdings ein Klarinettenkonzert für Sabine Meyer komponiert. Bei der Münchner Biennale ist 2014 eine neue Oper vorgesehen. Von den großen Orchestern stehen fast nur noch die Wiener Philharmoniker als Musikpartner aus.
Der 41-Jährige mit der Teppichfransen-Frisur macht aus dem Stress, den sein Beruf mit sich bringt, selbst keinen Hehl. »Zigaretten sind gute Freunde gegen Stress, Einsamkeit und die nicht immer freundlichen Begleitumstände einer Tournee«, sagt er. Dem Whisky ist Say angeblich auch nicht abgeneigt. »Alkohol? Niemals vor dem Konzert!«, schränkt er ein. »Auch Kokain und derlei funktioniert bei klassischen Künstlern überhaupt nicht!« Beruhigend genug. Fazıl Say macht den Eindruck eines bekennenden Klassik- Junkies.
»Ich musste es so machen«, sagt er beim Gespräch in Berlin auf die Frage, warum er so sehr ein ›Zweihundertprozentiger‹ ist. »Weil die Türkei und der Beruf des Pianisten zwei Dinge sind, die eigentlich nicht zusammengehören.« Er habe Brücken bauen müssen, bevor er selber darüber gehen konnte. Stimmt schon. Immer noch tickt die Klassik reichlich eurozentrisch. Allerdings kamen aus der Türkei früher bereits die Klavier-Zwillinge Güher und Süher Pekinel. Say selbst lernte bei einem in der Türkei wirkenden Schüler von Alfred Cortot.
Die musikalischen Kulturunterschiede blieben spürbar – und interessant. Gerade die launige Tonalität seines von Patricia Kopatchinskaya überschäumend eingespielten Violinkonzertes »1001 Nächte im Harem« oder seiner »Paganini- Variationen für Klavier« überzeugen um so mehr, als sich Fazıl Say als Komponist nie von musikalischen Ideologien beengen lässt. »Ich gehöre nicht zur zeitgenössischen Szene«, sagt er und wertet das zu Recht als Vorzug seiner eigenen Position. Tatsächlich, wenn die festgefahrene Neue Musik noch einmal an Fahrt und Publikumsattraktivität gewinnen sollte, dann wird dies von Temperamentsbolzen wie Fazıl Say ausgehen.
Übrigens wurde er als Komponist von niemand geringerem als Aribert Reimann in Ankara entdeckt. »Sehr erzählerisch sind wir beide«, so Say über die Gemeinsamkeit. Zu seinen Komponistengöttern rechnet er Bartók und Strawinski. Auch für György Ligeti hat er viel übrig. Das passt auch. Wenn es eine einzige – zu diesen Komponisten äquivalente – Eigenschaft gibt, durch die sich der Pianist Fazıl Say vor allen Kollegen auszeichnet, so wäre es: Rhythmik. Keine Frage, dass es sich bei Say um den rhythmisch pointiertesten und vielseitigsten Pianisten der Gegenwart handelt.
Auch derlei Stärken haben ihren Preis. Wenn man Say fragt, was ihm an westeuropäischer Musik am schwersten fällt, ja bis heute sogar fremd geblieben ist, muss er nicht lange überlegen: »Für Robert Schumann habe ich das Loch, das zu ihm führt, noch immer nicht gefunden. Zu den Liedern schon. Aber Werke wie die Davidsbündler Tänze sind mir total fremd.«
Ungeheuer sympathisch ist es, einen Künstler zu treffen, der offen und ehrlich zu seinen Schwächen und Stärken steht, ohne drum herum zu reden. »Ich habe mein großes Ziel, bekannt zu werden, inzwischen erreicht«, so Say. »Jetzt besteht die Schwierigkeit darin, das Niveau zu halten, niemanden zu enttäuschen und sich trotzdem kontinuierlich weiter zu entwickeln.« Schwere Aufgabe, das. »Mein England-Debüt in der berühmten Wigmore-Hall zum Beispiel war nicht gut.« Er sei müde gewesen, irgendetwas klappte nicht. »Auch in den USA bin ich vermutlich nicht genug präsent.« Dafür war Say in Japan bereits ein Star, bevor man ihn in Deutschland richtig kannte. Hier freilich ist man dem Charme des glänzend moderierenden, ebenso entspannten wie eigenwilligen Künstlers inzwischen voll erlegen.
Für die neue Monografie, die der RONDO-Autor Jürgen Otten über den sogenannten »Derwisch am Klavier« geschrieben hat, wurde angeblich viele Nächte lang disputiert, duettiert und vielleicht auch ein wenig konsumiert. Auch seine pianistischen Vorbilder Arturo Benedetti Michelangeli, Vladimir Horowitz und Art Tatum dürften dabei ausgiebig beleuchtet worden sein. Auf seiner neuen CD gibt Fazıl Say das, was er am besten kann: die Temperamentsbombe am Klavier, und zwar mit einem Klassiker rhythmischer Klangbeklopfung – Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung«.

Modest Mussorgski

Bilder einer Ausstellung

Fazıl Say

Naïve/Indigo

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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