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Der ARD-Musikwettbewerb

Sprungbrett in die Zukunft

Seit 1952 ist jeder Pfennig bzw. Cent Rundfunkgebühr zumindest bei der Förderung des Klassik-Nachwuchses optimal angelegt. Seit genau 60 Jahren findet beim Bayerischen Rundfunk in München der ARD-Musikwettbewerb statt. Zum runden Geburtstag hat RONDO-Autor Guido Fischer ein wenig in den Wettbewerbsannalen geblättert.

Blättert man in eigenen Fotoalben, kann man sich ein leichtes Schmunzeln nie ganz verkneifen: »Herrje, wie sah ich denn damals aus!?« Ähnlich wird wohl auch heute so mancher Preisträger reagieren, wenn er sich in der Foto- Galerie des ARD-Musikwettbewerbs wiederentdeckt. Die kanadische Sopranistin Measha Brueggergosman war 2003 noch ein rechtes Pummelchen. Und der junge Pianist Christoph Eschenbach rückte sich 1962 für die Kamera ganz weltentrückt in Positur – mit damals noch voller Haarpracht. Andere hingegen sind seit ihren Wettbewerbserfolgen zwar auch älter, reifer und berühmter geworden, aber vom Wesen her haben sie sich kaum verändert. Der argentinische Cello-Wirbelwind Sol Gabetta besaß schon 1998 einfach eine mitreißende Ausstrahlung.
Welchen Weg die bislang 810 Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs künstlerisch, aber auch optisch eingeschlagen haben – nahezu jeder verdankt diesem seit 1952 in München stattfindenden Wettbewerb den Karriereschub. Jessye Norman kam 1968 dafür erstmals nach Europa, sang und siegte. Und auch für einen der jüngsten Preisträger, Cellist Julian Steckel, brachte der Ausgang des Wettbewerbs 2010 »viele schöne Konzerte mit sich und damit Möglichkeiten, mich auszudrücken.«
Angesichts des Who’s Who der Preisträgerliste ist es wenig verwunderlich, dass die Anziehungskraft des »Internationalen Musikwettbewerbs der ARD« auf junge Musiker enorm ist. Zumal neben den obligatorischen Preisgeldern von insgesamt 130.000 Euro auch die Möglichkeit winkt, in den Finalrunden mit einem Münchner Top-Orchester wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu spielen. Inzwischen melden sich daher regelmäßig über 400 Talente aus fast 50 Ländern bei einem Wettbewerb an, der laut Veranstalter der weltweit größte für klassische Musik ist.
Doch von Beginn an war der von den ARD-Rundfunkanstalten ausgerichtete und vom Bayerischen Rundfunk veranstaltete Wettbewerb nicht auf ein einzelnes Instrumentenfach angelegt. Die traditionell vier Kategorien pro Jahr deckten neben den Schwerpunkten Klavier und Gesang stets sämtliche Orchesterinstrumente ab, daneben auch Kammermusik-Formationen wie Klaviertrio und Bläserquintett. Und in der Jubiläumsausgabe 2011, die noch bis 16. September durchgeführt wird, ist nach einer zwölfjährigen Pause selbst die Orgel wieder mit im Wettbewerbprogramm. Jenes Instrument, das schon bei der Erstausgabe 1952 zugelassen worden war, und wie damals belegt auch in diesem Jahr eine namhafte Jury, welch hohes Niveau von jeher den Bewerbern abverlangt wird. Waren es 1952 die Orgel-Doyens Helmut Walcha und Marcel Dupré, entscheiden in diesem Jahr u.a. Simon Preston und Edgar Krapp über Sieg und Niederlage.
Bis aber rund 200 Musiker es vor die Fachjury schaffen, muss man sich einer Vorjury stellen. Und wie die BR -Musikredakteurin Doris Sennefelder betont, sind »schon hier bei der Beurteilung unbestechliche Ohren gefragt, denn die Qualität der [eingereichten] Beiträge reicht von der improvisierten Wohnzimmeraufnahme bis zur professionellen Studioproduktion.« Der Weg ins Finale, bei dem man inzwischen auch einen Publikumspreis gewinnen kann, dauert dann zwei Wochen. Und seit 2001 stellen zudem zeitgenössische Komponisten wie Wolfgang Rihm mit ihren exklusiv geschriebenen Wettbewerbstücken auch spieltechnisch neue Hürden auf.
Doch welcher Kandidat auch immer sich in den Jahrzehnten zuvor erfolgreich zeigte, und sei es nur im rein klassischen Werkkanon – die Zukunft war gesichert. Bei Maurice André, Anne-Sofie von Otter und Thomas Quasthoff beispielsweise war das so. Und für das Artemis Quartett öffneten sich 1996 mit dem 1. Preis nicht nur die Türen der großen, deutschen Konzertsäle. Die Auszeichnung hatte außerdem einen ideellen Wert, erinnert sich Cellist Eckart Runge: »Denn ein erster Preis für Streichquartett war seit mehr als zwei Dekaden nicht mehr vergeben worden und damit war die Aufmerksamkeit, aber auch die Verantwortung, die diese Auszeichnung mit sich brachte, für uns unendlich wertvoll.« Wie glänzend das Artemis Quartett aber die Erwartungen erfüllte, dokumentierte man direkt auf Anhieb, als die Musiker damals die ersten zwei Beethoven-CDs mit jugendlichem Schwung und weisem Ernst einspielten – und damit den Startschuss für eine mit Schallplattenpreisen überhäufte Gesamteinspielung aller Beethoven-Quartette gaben, die im September ihren Abschluss findet.

Ludwig van Beethoven

Sämtliche Streichquartette

Artemis Quartett

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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