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Riccardo Chailly

Titanendämmerung

Als erster deutscher Klangkörper entdeckte das Leipziger Gewandhausorchester unter Felix Mendelssohn Bartholdy die historische Dimension im Repertoire. Der inzwischen 19. Musikdirektor, Riccardo Chailly, trägt dieses Erbe in seinen Programmen weiter und traut sich nun an seine erste Gesamteinspielung der Sinfonien Beethovens. Das ausgeleierte Klischee vom Titanen schlägt er mit des Meisters eigenen Metronomangaben aus dem Feld und erregt dabei so manche Gemüter. Mit Christoph Braun sprach er für RONDO über irritierte Musiker, verärgertes Publikum und Beethoven – den Provokateur aus Überzeugung.

RONDO: Bei der immensen Bandbreite Ihres CD-Repertoires – von Bach bis zu Zeitgenossen – fiel bislang die Lücke der Beethoven-Sinfonien auf.

Riccardo Chailly: Schon vor 10 Jahren fragte mich Decca, ob ich mit meinem damaligen Concertgebouw Orkest Amsterdam einen Beethoven-Zyklus veröffentlichen wollte. Ich lehnte aber ab, weil ich erst über einen längeren Zeitraum Beethoven-Erfahrungen in Konzerten sammeln wollte. Man braucht sehr viel Erfahrung für diese einzigartigen Werke, denn gerade hier muss man einfach wissen, was man will! Beethoven provoziert so viele Möglichkeiten der Interpretation – die musste ich erst einmal »durchspielen«, bevor ich mich entscheiden konnte.

RONDO: Ihre Entscheidung fiel ganz offensichtlich nicht zugunsten des traditionslastigen Beethoven aus, der uns als Heroe und Titan mit tiefdeutschem Ernst und Pathos entgegentönt. Welchen Beethoven propagieren Sie?

Chailly: Beethoven war für mich schon immer der Provokateur par excellence. Der Provokateur für alle: für die Hörer, den Dirigenten und vor allem auch für die Orchestermusiker, die er nicht selten an den Rand des Spielbaren bringt. In jeder Sinfonie sucht Beethoven Grenzen auf. Für die Orchester seiner Zeit war das mitunter zu viel des Guten. Allgemein bedeutet Beethoven zu spielen – damals genauso wie für heutige Spitzenensembles wie das Gewandhausorchester – : Living dangerously!

RONDO: Und das sagt der Chef der deutschen Traditionshochburg schlechthin, des Leipziger Gewandhauses mit dem ältesten bürgerlichen Orchester der Welt, dem die namhaftesten Dirigentenpersönlichkeiten und Träger jener schwergewichtigen Beethoven-Tradition vorstanden!

Chailly: Immerhin wurden hier erstmals, unter dem dritten Gewandhauskapellmeister Johann Philipp Schulz, noch zu Beethovens Lebzeiten alle Sinfonien zyklisch aufgeführt. Auch der berühmteste Gewandhauskapellmeister, Mendelssohn Bartholdy, hat sich sehr um Beethoven bemüht. Und zwar auf eine Art, die offenbar ziemlich radikal war – wie den Kritiken Robert Schumanns zu entnehmen ist, der die schnellen Tempi Mendelssohns anprangerte. Insofern fühle ich mich durchaus in der Gewandhaus-Tradition, jedenfalls derjenigen Mendelssohns. Er war der erste »historische« Interpret, wollte er doch Beethovens Intentionen so nahe wie möglich kommen. Auch Mendelssohns eigene Sinfonien und ihre rasanten Metronomangaben verweisen direkt auf das Vorbild Beethoven.

RONDO: Ihr Beethoven ist – zumindest manche Sätze wie der Variationensatz der »Eroica« oder die Ecksätze der Achten – durchaus »rekordverdächtig «. Offenbar wollten Sie, so weit möglich, Beethovens Metronomangaben verwirklichen. Gab es da nicht auch Widerstände bei den Gewandhausmusikern?

Chailly: Diskussionen gab es natürlich, bei den ersten Proben auch ungläubiges Staunen. Zweifellos ist es ja auch ein Wagnis, mit einem modernen Orchester in voller Besetzung – allerdings ohne die von Wagner vorgenommenen Verdoppelungen – die originalen Metronomangaben zu verwirklichen. Aber die lange Beethoven-Erfahrung der Gewandhausmusiker und ihre Neugierde, sich auf das Neue – eigentlich ja das Ursprüngliche – einzulassen, haben doch schnell zu einem gemeinsamen Weg geführt. Im Übrigen machen wir diese Tempi natürlich nicht um ihrer selbst willen, nicht um irgendwie »originell« zu sein oder es »anders« zu machen. Es geht nur um die Partitur!

RONDO: Wie waren die Leipziger Publikumsreaktionen?

Chailly: Es gab bei den ersten Konzerten, insbesondere bei der »Pastorale«, Ablehnung auf Seiten mancher Abonnenten. Wir haben viel mit den Leuten über unser Konzept diskutiert, und die meisten haben es dann auch akzeptiert.

RONDO: Welches Konzept?

Chailly: Es geht letztlich darum, alle Sinfonien idealistisch quasi als ein einziges Werk zu verstehen, sozusagen als eine Sinfonie in neun Teilen. Und da machen die Metronomangaben nicht nur Sinn, sie sind zwingend. Im Übrigen offenbaren doch die Originaltempi sehr viel deutlicher die geschlossene Struktur der einzelnen Sätze. Und, wie gesagt, den einzigartigen Provokateur der Musikgeschichte.

Ludwig van Beethoven

Die Sinfonien

Gewandhausorchester Leipzig, Riccardo Chailly

Decca/Universal

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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