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Lisztomania!?

Am 22. Oktober ist er endlich da: der 200. Geburtstag von Franz Liszt! Doch wie schon bei den Jubiläen von Händel und Haydn merkt man jetzt an der wahren Flut von Neuerscheinungen, wie auch Liszt bislang auf dem deutschsprachigen Buchmarkt eine eher zweitrangige Rolle gespielt hat. Guido Fischer hat sich viel Zeit genommen und war im Liszt-Blätterwald spazieren.

Wenn in den 1840er Jahren Damen aus gutem Hause plötzlich außer Rand und Band waren, ahnte man: Franz Liszt ist in der Stadt. Plötzlich benahmen sich Gräfinnen wie kreischende Teenager. Und auf der Jagd nach einem persönlichen Fanartikel kannten sie keine Grenzen und Hemmungen. Mal goss man sich in ein Flacon ein paar Tropfen aus einer Teetasse, aus der Liszt genippt hatte. Oder man sicherte sich eine von ihm weggeworfene Zigarette, die dann laut eines Zeitzeugens »trotz mehrmaligen Erbrechens mit einem eingebildeten Entzücken weitergeraucht« wurde. Auch solche Anekdoten, wie sie gerade Oliver Hilmes zusammengesammelt hat, geben jenem Bild Kontur, auf das sich inzwischen alle Biografen einigen können: Franz Liszt war ein absoluter Super-, bzw. laut Michael Stegemann: ein Popstar.
So sehr dieses Etikett nach heutigen Kriterien stimmen mag, so vorsichtig muss man andererseits damit umgehen. Denn von seinen 75 Lebensjahren wurde Liszt gerade mal acht Jahre von ganz Europa auf Händen getragen. Als er 1847 nach über 50.000 Kilometern in mehr oder weniger komfortablen Kutschen das Ende seiner Klaviervirtuosenlaufbahn erklärte, versank sein Stern natürlich nicht. Doch gerade die durchaus bitteren Umstände seines Todes in Bayreuth stehen exemplarisch für zahlreiche persönliche wie künstlerische Rückschläge, die Liszt in den nachfolgenden Jahrzehnten immer wieder erleiden musste. Hinter dem Nebel der Verklärung (an der etwa ein Heinrich Heine mit seinen Ohrenund Augenzeugenberichten erheblichen Anteil hatte) lassen sich reichlich unbekannte Züge an jenem Künstler entdecken, der wohl der meistgemalte und meistfotografierte Musiker des 19. Jahrhunderts gewesen ist.
Die Spurensuche könnte daher direkt bei dem Komponisten Franz Liszt beginnen, der es ja immerhin auf rund 800 Werke gebracht. Doch hat Michael Stegemann in seiner gerade veröffentlichten Liszt-Biografie gleich im Vorwort klargestellt, dass es höchstens zwei Dutzend Stücke in den Repertoire-Kreislauf geschafft haben – darunter Hits wie die h-Moll-Sonate oder die 2. Ungarische Rhapsodie. Der Mozart-, Schubert- und Gould-Biograf Stegemann ist zwar seit nunmehr über dreißig Jahren auch ein Liszt-Bewunderer. Doch lässt er sich im Laufe seines umfangreichen Liszt-Porträts nicht dazu hinreißen, jedes noch so kleine Klavierstück auf die Goldwaage zu legen. Dafür genügen handverlesene Hinweise auch auf unbekanntere Werke wie die Melodramen oder die Lieder, um immer wieder den visionären Rang des Komponisten Liszt ins rechte Licht zu rücken. Stegemann hat es geschafft, die schon fast überbordende Quellenlage an Dokumenten über Liszt derart geschickt zu filtern und zum (dramaturgischen) Leitfaden zu machen, dass man einen lebendigen Eindruck von einer Epoche bekommt, in der Liszt als Tastenvirtuose, Dirigent, Pädagoge, Musikschriftsteller und Komponist lange Zeit im Mittelpunkt stand.
Eine ähnlich intensive Recherche hatte wohl auch Oliver Hilmes hinter sich, als er sich nach seinen Erfolgsbüchern über Alma Mahler und Cosima Wagner nun Liszt widmete. Doch während in Stegemanns entspanntem Erzählstil stets seine enorme Sachkenntnis mitschwingt, setzt der Seiteneinsteiger Hilmes auch hier wieder auf einen feuilletonistischen Sound, bei dem die eigentliche Substanz der sich ständig verändernden Klangsprachen Liszts nur oberflächlich und bisweilen floskelhaft angerissen wird. Hilmes’ (durchaus unterhaltsam gestalteter) Schwerpunkt liegt daher auf den Ehefrauen Marie d’Agoult und Caroline von Sayn Wittgenstein. Und auch zu Cosima Wagner kehrt er gegen Ende des Buchs zurück, wo er in aller Brennschärfe den unrühmlichen Umgang der Tochter mit ihrem in Bayreuth sterbenden Vater auf den Punkt bringt. Wie man schließlich auch dieses Kapitel noch immer weiträumig umgehen kann, beweist parallel Jan Jiracek von Arnim in seiner bieder und kantenlos geratenen Liszt- Hymne »Visionär und Virtuose«.
Wohltuend nüchtern erweisen sich dagegen in ihrer (weithin bekannten) Faktenlage gleich drei Biografien von ausgewiesenen Liszt-Kennern. Klára Hamburger, Christoph Rueger und Wolfgang Dömling bieten zusammen eine lückenlose Beschreibung von Liszts Leben und Wirken. Wobei sich Christoph Rueger schon mal so manche Spitze gegenüber der musikalischen Weitschweifigkeit von Liszt erlaubt, unter Berufung auf Berlioz. Angeblich soll der Franzose Liszt geraten haben: »Raffen und streichen Sie, dann wird der Geist dichter und die Sache verständlicher.«
Auf handlichen Taschenbuchumfang gerafft hat Wolfgang Dömling seine immerhin schon vor einem Vierteljahrhundert als wegweisend empfundene Liszt-Biografie. Und als ob er keinen Platz verschwenden wollte, gibt Dömling gleich zu Beginn einen wahren Crash-Kurs in die habsburgische Vielvölker-Region, in die Liszt hineingeboren wurde. Danach zeigt er sich als kurzweiliger Liszt-Chronist, der en passent mit einigen Klischees aufräumt. Dass der tiefreligiöse Abbé Liszt sich in Rom eine Tonsur hat scheren lassen, ist hinlänglich bekannt. Dömling aber stellt richtig, dass es nur eine münzgroße Fläche seiner Mähne war, die Liszt seinerzeit opferte. Und tatsächlich: Wer danach den prachtvollen Fotoband durchblättert, mit dem Ernst Burger Liszts Jahre in Rom und Tivoli nachzeichnet, wird ihn nirgendwo mit kahlem Schädel entdecken. Im Gegenteil. Selbst im Priestergewand legte Liszt Wert auf seine berühmte Haarpracht. Und natürlich ließ er es sich zugleich nicht nehmen, sich mit bäuchlings verschränkten Armen vor der Kamera in Herrscherpose zu inszenieren. Überhaupt bietet die umfangreiche Galerie an teilweise erstmals veröffentlichten Bildern und Liszt-Karikaturen(!) ein spektakuläres Panorama über den in dieser Breite noch nie dargestellten Zeitraum 1861 – 86. Passend zu diesem italienischen Lebensabschnitt liegt dem Band eine CD mit alten Liszt-Aufnahmen von Alfred Brendel bei. Noch 1976 musste sich der österreichische Meisterpianist fast verteidigen, als er sich für Liszt einsetzte. 35 Jahre später, im Jahr von Liszts 200. Geburtstag, scheinen all diese Vorwürfe für einen Augenblick verstummt zu sein. Das Bild vom alleinigen Superstar Franz Liszt dürfte hingegen für immer aus der Welt sein.

Jan Jiracek von Arnim: Visionär und Virtuose

Ernst Burger: Franz Liszt. Die Jahre in Rom und Tivoli

Wolfgang Dömling: Franz Liszt

Klára Hamburger: Franz Liszt. Leben und Werk

Oliver Hilmes: Liszt. Biographie eines Superstars

Christoph Rueger: Franz Liszt. Seine Musik – sein Leben

Michael Stegemann: Franz Liszt. Genie im Abseits

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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