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Musik der Welt

Buenos Aires, Bandoneon, Bar = Tango

Ein Fall für den Apothekerschrank: Die 15-CD-Box »Tango. An Anthology« (Sony Music) verschafft Zugang zu einem potentiell süchtig machenden Genre und könnte irreversibel das Hörverhalten ändern. Wer den Begriff Tango bisher nüchtern verwendet hat, um damit den neben Walzer und Polka vielleicht bekanntesten Tanz zu bezeichnen, bekommt nach dieser Hörerfahrung einen gewissen Glanz in die Augen, wenn er das Wort ausspricht. Marcus A. Woelfle hat sich dem Lauschgift im Selbstversuch genähert.

Tango - ein Wort ungeklärter Herkunft übrigens, mit dem man vor zweihundert Jahren in Lateinamerika eine Versammlung trommelnder und tanzender Schwarzer bezeichnete, und vor hundert Jahren Tanz und Musik, die schlicht als unzüchtig und nicht gesellschaftsfähig galten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Tango doch, wie Jazz, Wiener Walzer und andere übelbeleumdete Erscheinungen nicht nur zum Stolz seiner Nation, sondern ein Stück internationaler Hochkultur.
Dies vorausgeschickt muss man ehrlich zu Protokoll geben, dass die mit Glanzstücken gespickte, preisgünstige Box nicht das ist, was sie ihrem chronologischen Aufbau und ihrer Aufmachung nach zu sein scheint: Eine umfassende Darstellung des Tango, ein regelrechtes Kondensat seiner Geschichte von Anno dazumal bis heute. Bedeutende Pioniere der Jahrhundertwende wie Roberto Firpo oder Francisco Canaro fehlen ebenso wie bekannte Gegenwartsinterpreten, z. B. Silvana Deluigi oder Juan José Mosalini. Zum Teil erklären sich die Lücken aus der schlichten Tatsache, dass die Anthologie aus den Bandarchiven von RCA Victor, CBS (Columbia) und Microfón zusammengestellt wurde. Die meisten Großen der bis in die frühen 50er Jahre währenden Goldenen Zeit des Tango (auch die genannten Pioniere) haben allerdings einmal für eines dieser Labels aufgenommen. Wenn auch noch das heute zur EMI gehörende Label »Odeon« (von dem man sich immerhin Aufnahmen Osvaldo Puglieses entlieh) mit im Boot gewesen wäre, man hätte eine geradezu unschlagbare Anthologie erstellen können. Zum Teil erklären sich die Lücken auch überhaupt nicht: Ein so berühmter Evergreen wie »El choclo« wäre definitiv im Backkatalog gewesen. Trotzdem: Einen besseren Überblick bekommt man auf so engem Raum wohl nirgends. Mehr Interpreten (mit je weniger Stücken) zu bringen wäre zwar enzyklopädischer erschienen, in der Tat aber auch unpädagogischer gewesen. Jeder Interpret wird hier in der Regel mit drei bis sechs Stücken und einer Kurzbiografie vorgestellt, gerade die richtige Menge, einen Namen mit einer bestimmten Klangvorstellung »abzuspeichern«. Die biographischen Fünfzeiler selbst – nach dem Muster »a, spielte mit b bei c, war beeinflusst von d, in seinem Orchester wirkten x, y und z« – liefern, gerade weil sie so knapp sind, dem interessierten, von vielen Namen verwirrten Neuling Anregungen zu weiterer Recherche.
Die ersten drei CDs der Box widmen sich unter dem Sammeltitel »Old Times« in Aufnahmen der 20er und 30er Jahre den Themen »The Beginnings«, »Cantor, Cancionista & Estribillista « und »Decarísmo«. Die Zeit wird geprägt von Künstlern wie Carlos Gardel, die erste international berühmte Legende des Tango, und dem einflussreichen Sextett des Geigers Julio De Caro, das den Übergang von der Alten Garde zum Goldenen Zeitalter markiert. So gelungen die Auswahl auch ist, wird uns bei »Beginnings « ein x für ein u vorgemacht. 1926, im Jahr der ältesten vertretenen Aufnahmen, lernte der Tango nicht erst das Laufen, er bewegte sich schon längst mit Eleganz. Der Verdacht liegt nahe, dass man dem Käufer heute keine Aufnahmen im bis 1925 üblichen akustischen Aufnahmeverfahren zumutete. Dabei fanden einige der wichtigsten Entwicklungsschritte des bereits im späten 19. Jahrhundert entstandenen Tango zur Zeit des 1. Weltkriegs statt, als sein Rhythmus die uns heute vertraute Gestalt annahm – ein Wandel, den man gerne gehörte hätte und der ab 1912 auch auf Schellacks dokumentiert wurde. Was uns in mustergültigen Stücken der frühen Jahre vor Ohren geführt wird, ist der sich schon zu diesem Zeitpunkt abzeichnende Kontrast zwischen Ensembles, die mehr auf gleichberechtigtes Gruppenspiel ausgerichtet sind, und kleineren Gruppen, in denen die Virtuosität und spezifische Ästhetik eines meist Violine, Klavier oder Bandoneon spielenden Solisten im Vordergrund steht. Auch der mit der erweiterten Popularität und Akzeptanz der Musik einhergehende Durchbruch von Gesangsstars im Tango, der zunächst überwiegend von Instrumentalgruppen gepflegt wurde, ist ein Phänomen jener Jahre und nicht zuletzt ein Produkt der Schallplatte.
Drei CDs präsentieren unter dem Motto »Let’s Dance« die Musik der 40er Jahre, in denen der einst aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammende Tango gelehrter und raffinierter wird und besonderen Glanz ausstrahlt. Eine CD gehört den großen Orchestern (z. B. Alfredo Gobbi), eine den großen Hits (z.B. »La Cumparsita«), eine weitere den »Artistic Pairs«, der erfolgreichen Verbindung einer Band mit einem Sänger. Den 50er Jahre, für den Tango eine Umbruchszeit, die mit Popularitätsverlust, aber auch künstlerischer Erneuerung einherging, ist je eine CD mit beliebten Instrumentalgruppen (darunter Osvaldo Pugliese), ein Silberling mit Sängern (wie dem stets so ernst klingenden Edmundo Rivero) und einer mit behutsamen Erneuerern wie Horacio Salgán oder Enrique Maria Francini gewidmet, deren Musik schon wieder mehr Ecken und Kanten aufweist. Die finden sich dann freilich besonders in der radikal expressiven Musik Astor Piazzollas, der die Hauptattraktion auf den drei CDs darstellt, die unter dem Motto »The Lonely Years« die 60er und 70er Jahre mit den CDs »Trios, Quartets and Quintets«, »The Vanguard« und »The Singers « zusammenfassen. Da man, zumal in Europa, aus Klassik- und Jazz-Warte immer so ausschließlich auf Piazzolla fixiert ist, der ja nicht als einziger den Tango erneuert hat, ist es gut, auch Beispiele geistesverwandter Generationsgefährten wie Eduardo Rovira und Orlando Trípodi vorzufinden.
Die Zeit ab den 80er Jahren wird unter dem Motto »Return« auf den letzten 3 CDs zusammengefasst: Von Europa ausgehend besann man sich in Argentinien wieder seiner Legenden (denen zwei CDs gewidmet sind, auf denen unter anderem Roberto Goyeneche und Nelly Omar singen), Generationswährend eine ganze Schar Jüngerer nachwuchs. Was hier auf der CD »The New Generations« vorgestellt wird, Gesang von Künstlerinnen wie Lidia Borda und Soledad Villamil, verkörpert niveauvoll, doch einseitig nur das konservative, vorrangig auf die goldene Zeit zurückblickende Spektrum der heutigen Tango-Musik. Zur Abrundung hätte hier ein Blick in die Randbezirke oder auch über den argentinischen Tellerrand – z. B. Tango als »Nationalmusik« Finnlands – nicht geschadet.
Wer sich durch diese 15 CDs durchgehört hat, kann durchaus Tangomane werden. Es ist möglich, dass er das Hörvergnügen wegen Überfütterung oft unterbricht, doch der Virus dürfte sitzen. Wer andere für Tango begeistern will, hat mit dieser im Großen und Ganzen exzellent zusammengestellten Anthologie eine echte Chance.

Tango – An Anthology

Sony

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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