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Oslo Philharmonic Orchestra

Paradiesische Zustände

Immer weniger Orchester können sich Auslandsgastspiele noch leisten. Das Oslo Philharmonic Orchestra befindet sich in dieser glücklichen Lage. Warum es sich beim OPO in mehrfacher Hinsicht um einen ungewöhnlichen Klangkörper handelt, schildert Michael Blümke im Porträt.

In Norwegen ist die kulturelle Welt noch in Ordnung. Während überall sonst nur von Krise und Staatsdefizit die Rede ist, erwirtschaftet das Königreich im Norden Europas dank seines Ölreichtums Überschüsse. Und da das Parlament bereits vor etlichen Jahren verbindlich festgelegt hat, dass 1 % der Staatseinnahmen der Kultur zufließen, müssen sich die Kunstschaffenden keine finanziellen Sorgen machen. Das gilt selbstverständlich auch für die Oslo-Filharmonien, das Nationalorchester des Landes.
Auch wenn das Oslo Philharmonic Orchestra schon 1919 gegründet wurde, war doch der Chefdirigent, der zum 60. Geburtstag des Klangkörpers sein Amt antrat, der entscheidende Wegbereiter zum internationalen Durchbruch. Mariss Jansons, gegenwärtig Chef des BR-Symphonieorchesters und des Concertgebouworkest, kam als Mittdreißiger nach Oslo und blieb ganze 22 Jahre – für heutige Verhältnisse, wo sich die Maestri nie länger als vier, fünf Jahre binden wollen, eine schier unvorstellbare Zeitspanne.
In diesen 22 Jahren wurde das Orchester von 79 auf über 100 Musiker aufgestockt, die internationalen Gastspiele wurden verstärkt und eine rege Aufnahmetätigkeit begonnen. Um dieser den nötigen Anschub zu geben, haben die Musiker 1984 ohne Honorar Tschaikowskys fünfte Sinfonie eingespielt und sie dem britischen Label Chandos angeboten. »Wir hatten uns für Tschaikowsky entschieden, weil wir etwas Bekanntes anbieten wollten, damit die Leute vergleichen konnten«, erklärt Mariss Jansons die Werkwahl. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellen sollte, und eine Investition, die sich ausgezahlt hat: Die CD war so erfolgreich, dass das OPO auch die übrigen Sinfonien Tschaikowskys aufnehmen durfte. Der Zyklus genießt bis heute Referenzstatus.
Nach dem euphorischen Echo war es kein Wunder, dass EMI 1987 Mariss Jansons und seine Osloer exklusiv unter Vertrag nahm, der umfangreichste Orchesterdeal des Labels bis zu jenem Zeitpunkt; 1992 wurde der Vertrag für weitere 15 Aufnahmen erneuert. Die Entwicklung vom guten zum erstklassigen Klangkörper war vollzogen.
Auf Jansons folgte 2002 André Previn, seit 2006 hat Jukka-Pekka Saraste den Chefposten inne. Der charismatische Finne – auch er mittlerweile mit zweiter Verpflichtung in Deutschland, beim WDR Sinfonieorchester – erinnert sich an seine Anfänge beim OPO: »Als ich das Orchester Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal dirigierte, fand ich einen unglaublichen Enthusiasmus beim Orchester vor, die haben sich richtig ins Zeug gelegt und mit einer enormen Emotionalität gespielt. Das war der erste Eindruck, dieser sehr expressive Klang. Jetzt, wo wir schon seit über fünf Jahren miteinander musizieren, kann ich sagen, dass die musikalische Botschaft sich immer ganz unmittelbar vom Orchester auf das Publikum überträgt. Es liegt etwas sehr Persönliches in seinem Zugang zur Musik.« Eine Einschätzung, die sich zu 100 % mit der von Mariss Jansons deckt. Knapp 30 verschiedene Konzertprogramme erarbeiten die Musiker jede Saison, das Repertoire reicht von Haydn bis in die Gegenwart. Nach dem Klang ›seines‹ Orchesters befragt, antwortet Maestro Saraste: »Es ist ein breiter Klang, was sich nicht auf die Lautstärke bezieht, es ist der Ausdruck. Man könnte es fast als ›old style‹-Spiel bezeichnen, wie man es heutzutage nicht mehr bei vielen Orchestern findet, ein satter, warmer, ausdrucksstarker Sound.« Dem kann ich nur zustimmen, im Anschluss an unser Gespräch habe ich die vermutlich packendste Erste von Brahms gehört. Leidenschaftlich durchpulst, spannungsgeladen, schwelgerisch, mit Mut zum großen Gefühl, durchaus ›altmodisch‹, weil auch in den Tempi eher unzeitgemäß gemäßigt, was man sich erst einmal trauen muss. Aber wer kann, der kann. Und dass sie es können, davon dürfen sich Ende November die Berliner, die Wiener und die Pariser selbst überzeugen, wenn das Oslo Philharmonic Orchestra unter seinem für 2013 designierten neuen Chefdirigenten Vasily Petrenko mit Sibelius und Tschaikowsky zu hören sein wird.

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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