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Jazz: Nils Petter Molvaer

Unter dem Pavianmond

Neue Band, neue Plattenfirma, neue Ideen: Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer, der zur Jahrtausendwende als Elektrojazz-Pionier firmierte, hat bei seiner CD »Baboon Moon« die Computer ausgeschaltet gelassen. Im Gespräch mit Josef Engels erzählt er von zwei Arten von Neuland – seiner musikalischen Evolution und dem Wiedersehen mit seinem Heimatland nach dem Schock von Utøya.

Nils Petter Molvaer benutzt gerne das Wort »Landschaft «, wenn er über seine Musik spricht. Der Vergleich liegt auf der Hand. Die Aufnahmen des Norwegers sind gewissermaßen Bildproduktionsmaschinen; sie lassen Filme im Kopf des Hörers entstehen, in denen Molvaers spröde, mit viel Luft geblasene Trompete wie ein vernarbter Charakterdarsteller durch lichtblitzende Großstädte, die Wüste oder ein eisstarrendes Gebirge wandert.
Bei seiner aktuellen Einspielung hatte Molvaer allerdings eine ganz bestimmte Region vor Augen. »Diese Platte ist in einer außerordentlich schönen Gegend entstanden, an der äußersten Nordwest-Ecke Norwegens «, erzählt der Trompeter, »vom Studio aus konnte ich die Insel sehen, von der ich stamme.« Das erzählt unterbewusst auch viel über die neue CD. Denn mit »Baboon Moon« hat sich der Skandinavier ein deutliches Stück von seiner musikalischen Heimat entfernt. Der Mann, der Ende der 90er Jahre international erstmals für Aufsehen sorgte, als er Jazz, DJ-Kultur und Rave-Musik auf der Grundlage der Nullen und Einsen des Computers bestechend miteinander vermischte, erklärt jetzt mit einem Lächeln: »›Baboon Moon‹ ist auf die harte Tour entstanden – es ist total analog. Da gibt es jetzt eine gewisse Textur, die man nur sehr schwer hinbekommt, wenn man viele Computer benutzt.« Was aber nicht heißen soll, dass das Album in irgendeiner Form traditionell oder altbacken klingen würde. Im Gegenteil: Mit seinen neuen Mitstreitern, dem Schlagzeuger Erland Dahlen und dem Gitarristen Stian Westerhus, der »Baboon Moon« auch produzierte, zeigt sich Molvaer wie erneuert. Da gibt es zwar immer noch den Blick zurück auf die Vergangenheit, es überwiegt aber die Freude über die Entdeckung neuen Terrains.
»Baboon Moon« lebt von einer grimmigen Verspieltheit, zuweilen ist auch ein starker Rock-Einschlag auszumachen. Und dann durchzieht auch noch ein gewisser Humor die Aufnahme, was für ein Album von Molvaer wirklich wie eine spektakuläre Neuerung erscheint. Der schwermütig dreinblickende Pavian auf dem Albumcover ist wirklich kein Zufall. Man hört auf »Baboon Moon« unter anderem eine singende Säge, eine Fake-Zither und Ideen, die viel mehr mit dem Soundtrack von »From Dusk Till Dawn« als mit ätherischem Fjord-Elektrojazz gemein haben.
Es liegt wohl darin begründet, dass Molvaers Mitstreiter Westerhus und Dahlen aus der eigenwilligen norwegischen Alternativ-Rock-Szene rund um Bands wie Motorpsycho oder Madrugada stammen. Was auch der Grund ist, weshalb Molvaer die Musik auf »Baboon Moon« als »freien, schwarzen Progrock« klassifiziert. »Wenn ich meine Musik nicht als Jazz bezeichne, liegt es daran, dass Jazz für mich in einer anderen Schublade steckt. Man hat nette Anzüge an und spielt seine Licks. Lustigerweise improvisiert meine Band in vielerlei Hinsicht viel, viel mehr als eine normale Jazzband«, sagt der Trompeter.
Die CD erscheint nun zu einem Zeitpunkt, da Norwegen noch immer unter dem Schock der Ereignisse in Oslo und auf der Insel Utøya steht. »Als das passierte, hatte ich einen Auftritt in Italien. Ich spielte mit dem amerikanischen Drummer Pat Mastelotto. Als die Nachricht kam, wurde er sehr still. Er hatte Tränen in den Augen und sagte mir: ›Wenn du nach Hause kommst, betrittst du ein Land, das für immer verändert ist‹«, erinnert sich Molvaer. Was ihn aber bei der Heimkehr am meisten beeindruckte, war die Stimmung. »Es war eigentlich ein sehr schönes Gefühl. Überall lagen Blumen, es gab eine starke Verbundenheit. Auch die Art, wie der Premierminister und das Königshaus reagiert haben, war bewegend. Das machte mich stolz. Ich hoffe, diese Empathie bleibt.«

Baboon Moon

Nils Petter Molvaer

Columbia/Sony

Josef Engels, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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