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Jan Vogler

Regelrechter Luxus

Für seine Bach-Cellosuiten hat sich Vogler strenge Regeln auferlegt. Denn nur so kann er die Musik im richtigen Moment mit Casals-Grandeur aufleuchten lassen.

Wohl jeder Cellist von Bedeutung wird die Versuchung spüren, die berühmten sechs Solosuiten von Johann Sebastian Bach einzuspielen. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? Für Jan Vogler war es ein experimenteller und radikaler Neuanfang, der zu seinem öffentlichen interpretatorischen „Bekenntnis“ geführt habe: „Mein Vater hatte eine wahnsinnige Sammlung an Schallplatten“, erinnert sich der 1964 geborene Musikersohn, „und die Aufnahme, die am häufigsten lief, war die Aufnahme mit Pablo Casals.“ Den denkbar größten Kontrast zu dieser Interpretation lernte Vogler kennen, als sein Vater in den 70er Jahren die Einspielung der Suiten mit dem Alte-Musik-Pionier Anner Bylsma erwarb. „Das kannte damals in der DDR kein Mensch“, sagt Vogler: „Wir waren einige der Ersten, die das gehört haben.“ Wobei sie Bylsmas Leistung auch wertschätzen konnten: „Da war, jemand, der ein völliges Reset geschafft hat“, erinnert er sich bewundernd.
Ein „völliges Reset“ – das beschloss auch Vogler zu wagen, um sich im besten Virtuosenalter den Suiten erneut zuzuwenden. Drei Regeln erlegte er sich anfangs auf: Streng nach dem Manuskript von Bachs Frau Anna Magdalena wollte er sich den Stücken nähern, unbeeinflusst von den dicken Schichten von Herausgeberzusätzen, die sich inzwischen auf den Noten abgelagert haben. Die zweite Regel: Alle Tanzsätze wollte er in einem durchgängigen Tempo gestalten. Und als Drittes beschloss er, das Vibrato, das in Bachs Umfeld als Verzierung gegolten habe, komplett aus dem Vortrag zu bannen.
Als ihm Reinhard Goebel zu Weihnachten 2011 seine Einrichtung der Sonaten „schön Aufeingebunden“ nach New York schickte, bekam die Auseinandersetzung eine neue Dynamik – zusätzlich befeuert von der Möglichkeit, auf einem Stradivari-Cello (dem Ex-Castelbarco von 1707) zu musizieren. Mit seinem sprechenden Klang, seinem großen Ton und seinem „aristokratischen Anspruch an sich selbst“ war das Instrument für Vogler sowohl Ansporn, als auch Hilfe bei der neuen Auseinandersetzung mit Bach.
Zu dieser Arbeit gehörte auch, den Charakter der einzelnen Suiten zu definieren. Für Vogler gliedert sich der Zyklus klar in zwei Folgen zu je drei Suiten, wobei der Schlüssel die erste Suite sei, in der Bach die Gattung praktisch erfinde. Dieses „Erfinden“ müsse auch hörbar sein: „Die 1. und die 4. müssen die Folge eröffnen – dürfen aber noch nicht alles sagen.“ Philosophisch empfindet er im Kontrast dazu die Mittelsuiten. „Und jede der Endsuiten ist als Feier gemeint!“
Als Vogler im Frühjahr 2012 seinen Namen auf den Plakaten zu einer ersten Aufführungsserie sah, war ihm noch nicht nach Feiern zu Mute: „Ich dachte: Oh, da spiele ich jetzt ganz allein für all diese Leute – kann ich die unterhalten für diese lange Zeit?“ Erst die spürbare „Sogwirkung“ der Aufführung überzeugte ihn, auf dem richtigen Weg zu sein und sich auch ein wenig von der Strenge der selbstauferlegten Regeln lösen zu dürfen: „Ich hatte eine Freiheit für mich gewonnen und dachte, wenn jetzt ein bisschen was aus meiner Kindheit wieder reinspielt – warum nicht?“
Auf der einen Seite verbiete ihm seine aufgeklärte Haltung zur historischen Aufführungspraxis, die Suiten mit der romantisierenden Naivität mancher geschätzter Vorbilder anzugehen. Andererseits sei sein Stradivari-Cello mit Stahlsaiten bespannt und befände sich durchaus nicht im barocken Urzustand. Vor allem aber stecke auch in älteren Auffassungen historisch Plausibles. Die Idee, dass Bach in der letzten Suite eines jeden Dreiersets auch die Dreieinigkeit feiere, habe jedenfalls schon ein Casals intuitiv gespürt: Die Suiten Nr. 3 und 6 dürften daher „auch etwas von dieser Casals-Grandeur haben“, findet Vogler. Die eigene Fantasie ersetze historisches Wissen ohnehin nicht: „Wenn man seine Hausaufgaben gemacht hat, ist bei Bach immer die Frage: Ist man in der Lage, ihm mit der eigenen Fantasie Paroli zu bieten? Denn Bach hat sicher einkalkuliert, dass der Spieler mit seiner eigenen Fantasie darangeht – und das ist überhaupt die größte Herausforderung.“

Johann Sebastian Bach

Die Suiten für Violoncello solo

Jan Vogler

Sony


Schöne Stiefschwester

Während Bachs Suiten und Partiten für Solovioline schon im 19. Jahrhundert vereinzelt im Konzertsaal zu hören und schon 1903 teilweise eingespielt wurden, kam der Durchbruch für die Cellosuiten deutlich später. Wesentlich zu ihrem heutigen Kultstatus trug Pablo Casals respektvoller Umgang mit dem zuvor oft nur als Studienmaterial angesehenen Zyklus bei: Er lernte die Suiten zwar schon 1890 als 13-Jähriger kennen, doch erst mit 26 Jahren wagte er sich an die erste öffentliche Aufführung des gesamten Zyklus. Noch länger dauerte es zu seiner ersten Gesamtaufnahme – die folgte trotz des anhaltenden Publikumserfolges mit diesen Werken erst 1939.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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