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Blut und Samt

Renaissance liegt in der Luft. Während die Epoche aus Kriegen und Clanfehden feinste, farbigste Kunstwerke entstehen ließ, schufen flandrische Komponisten Meisterwerke der Vielstimmigkeit. Bisher brachte die Forschung die Zeit und ihre Musik nur schwer überein. Nun zeigt sich: Der Schlüssel liegt auch hier in der neuen Rolle des Menschen. Im Porträt wie in der Messkomposition werden der Mensch und seine Wahrnehmung ins Zentrum gestellt, als unverwechselbar.

In lauer Luft stehen sie beisammen, als hätte der Frühlingswind sie in den Hain gerufen. Saftig grün das Laub, feist glühen die Orangen daraus hervor, und während links Merkur mit nachlässiger Gebärde ein paar Nebelstreifen verscheucht, beginnen die Grazien einen schüchternen Tanz der Anmut. Flora selbst streut Blumen für die perlengeschmückte Venus im Zentrum.
Wer den »Frühling« von Botticelli (Bild oben) vor Augen hat, diese Landpartie der Heiterkeit, käme im Traum nicht darauf, eine umstürzlerische politische Botschaft zu suchen. Doch laut Kunsthistoriker Horst Bredekamp verklausuliert Botticelli nur den Herrschaftsanspruch seines Auftraggebers, Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici. Der Spross der jüngeren Medici-Linie wollte die Vormacht in Florenz und in seiner Familie übernehmen, war aber chancenlos gegen seinen Cousin, Lorenzo den Prächtigen. Sein früher Tod machte die letzten Hoffnungen zunichte auf einen neuen Frühling für die Stadt.
Es waren Söldnerführer, die sich im 15. Jahrhundert auf die Samtsessel der italienischen Stadtstaaten wuchteten, und Künstler bezahlten, um ihren blutverschmierten Stammbaum nachträglich zu adeln. Heiter war die Zeit nur für wenige, die meisten Menschen trugen schwer unter der Last der Kriege, die diese »Geburt der Neuzeit« ständig begleiteten. Die Renaissance erscheint uns nah, und sie ist es vor allem in ihren Menschen, die uns noch immer so lebensecht anblicken wie Nachbarn. Diesen »Gesichtern der Renaissance«, den berühmten wie unbekannten, widmet das Bode-Museum Berlin eine vielbeachtete Ausstellung. Sie zeigt die Entdeckung der Individualität in der Porträtmalerei des 15. Jahrhunderts in Italien. Porträts gehören gemeinhin nicht zu den Publikumsrennern, und doch werden die Ansichten junger Damen und alter Männern regelrecht gestürmt.
Und die Musik der Zeit? Die lässt sich mit dem Schlagwort vom Rückgriff auf die Antike zunächst nicht fassen. Hier arbeiten ganze Generationen von Komponisten an der Vervollkommnung der Polyphonie, dem vielstimmigen Satz. Die Schärfe von Quint und Quarte weicht dem Wohlklang in Terzen und Sexten, Stimmen weben hell und leicht an einem fortströmenden Klangband. Aus moderner Sicht hatte das mit den politischen Ereignissen so wenig zu tun, dass man »Renaissance« als Musikepoche zu streichen versuchte.
Der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken bringt nun in seinem dicht, aber ganz bewusst allgemein verständlich konzipierten Buch die Musik und ihre Zeit wieder in Einklang. Dazu wählt er wenige, auf CD leicht verfügbare Kompositionen zur Anschauung. Auch hier spielt die Entdeckung der Individualität eine Hauptrolle, in der Unverwechselbarkeit eines Kunstwerks und seines Komponisten. Außerdem wird Musik – eben doch in Bezug auf antike Theoretiker wie Aristoteles – neu auf den Hörer ausgerichtet, der Mensch in der Lust am Wohlklang der Terzen und Sexten auch hier zum Maßstab.
Für alle, die sich von dieser Musik in ihrer Schönheit, aber auch ihrer Verschiedenheit zu vertrauten Hörgewohnheiten faszinieren lassen und einen Einstieg suchen, hat Bernhard Morbach 2006 ein Buch zur »Musikwelt der Renaissance « geschrieben. Übersichtlich gegliedert, mit vielen Illustrationen versehen, dazu mit Noten und Midi-Files der wichtigsten Werke und den Biografien der Komponisten auf CD ausgestattet, ist dieses Buch gleichermaßen zum Nachschlagen wie zum Arbeiten geeignet. Vom Weltbild der neuen Zeit geht es über die Ansichten der Musiktheoretiker zu den wichtigsten Musikgattungen: Messe und Motette werden ebenso behandelt wie das mehrstimmige Lied, die weltliche Instrumentalmusik und der Tanz. Für Einsteiger der derzeit beste Renaissancemusik-Verführer.
Bereits gegen Ende der Renaissance, als in Italien schon die Liebe zum Affekt gärte, feierte Tomás Luis de Victoria einen letzten Höhepunkt der Vokalpolyphonie. Der Kathedralsänger schnupperte zeitweise römische Luft und machte sich die Textverständlichkeit zum Gebot, die das Trienter Konzil als Beschneidung des vielstimmigen Wildwuchses in der Kirchenmusik gefordert hatte. Die Archiv Produktion präsentiert nun anlässlich seines 400. Todestages eine 10-CD-Box, musiziert vom Ensemble Plus Ultra unter Michael Noone – der bisher umfassendste Rundgang durch das riesige Werk Victorias, darunter allein zehn Messen und zahllose Motetten. Begleitet von Zinken, Pommern und Posaunen, den an spanischen Kathedralen unverzichtbaren »Ministriles«, entsteht ein Klangbild, das das stolze Selbstverständnis der spanischen Habsburger und die erhabene Strenge ihres Katholizismus in sich vereint – das aber als wohlklingender Kontrapunkt.

Tomás Luis de Victoria

Geistliche Werke

Ensemble Plus Ultra, Michael Noone

Archiv/Universal

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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