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Agrippina

Römische Perlen auf eiskalter Haut

Blinde Gier nach Macht, Geld und Sex: Man kennt es zu Genüge aus dem Vorabend-TV. Auch das 18. Jahrhundert ließ sich vom Nervenkitzel unterhalten, den politische Vanbanque-Spiele höchster Kreise so mit sich bringen. Der Guckkasten war damals das Opernhaus, der Puppenspieler hieß Georg Friedrich Händel.

»Agrippina« ist unzweifelhaft das bissigste Libretto, das Händel vertonte. Das »Prequel« zu Monteverdis »Krönung der Poppea« mündet in der von Kaiser Neros Mutter Agrippina zielstrebig betriebenen Thronbesteigung ihres Sohnes und Entmachtung von Kaiser Claudius. Musikalisch schöpft die Oper von 1708/09 aus Händels glücklichsten Jahren, seiner Zeit als von der Aristokratie umschwärmtem und gefeiertem Jungkomponist auf Grand Tour in Italien. So gesehen ist Händel nicht nur am Ort des Geschehens, er verkehrt selbst im Dunstkreis politischer Eliten und ihrer Intrigen, als er die Ränkespiele am römischen Kaiserhof in Musik setzte. Schon der erste Blick in das Autograph, die handschriftliche Partitur des Komponisten, brachte für den Dirigenten René Jacobs eine Überraschung: »Im dritten Akt sind ganze Nummern gestrichen, wenn auch mit einem fast nicht zu lesenden Bleistiftstrich, darunter auch die schönste der Oper, das Duett von Ottone und Poppea. Für die Uraufführung in Venedig ersetzte man sie durch zwei aufeinander folgende Arien. Dramaturgisch ist das sehr schwach: Versöhnung nach einem Streit – ohne Duett?« Auch an anderer Stelle – Ottone und Nerone haben sich beide in Poppeas Zimmer versteckt und ihrem Gespräch mit Claudius gelauscht – sind zwei Abgangsarien eingefügt. »Die Noten wurden ins Autograph eingeklebt«, so Jacobs, und er ist sich sicher: »Alles weist darauf hin, dass die Sänger mit dem dritten Akt in Händels Fassung nicht einverstanden waren. Da sie zu dieser Zeit größeren Einfluss am Opernhaus hatten als ein Komponist, haben sie diese Arien wahrscheinlich für sich eingefordert, obwohl es keine echten Abgänge sind.« Jacobs versucht, das Werk für die Aufnahme von den Gattungskonventionen der Uraufführung in Venedig zu befreien und damit Händels genialen dramaturgischen Spürsinn wieder hörbar zu machen. Dazu gehört auch der Vergleich zwischen Vorlage und Endfassung der Arien. Händel ging bei Aufträgen sehr ökonomisch vor und verwendete das Beste aus seiner Notenmappe mit neuem Text unterlegt gerne mehrmals. Auch in »Agrippina« finden sich solche so genannten »Parodien«. Jacobs zieht für seine Interpretation nun erstmals die ursprünglich vertonten Texte der Arien wie einen Kommentar heran. Und zum Teil ist er selbst überrascht, welche Schärfung der Charakterzeichnungen sich durch diese einfache Überblendung gewinnen ließ.
Geradezu pervertiert wird das Versöhnungsduett »No, no, ch’io non apprezzo« zwischen Poppea und Ottone im dritten Akt durch seinen Subtext, denn in erster Fassung war es in der Kantate »Il duello amoroso« eine Trennungsszene. Auch die Tonartenfolge, die nicht mehr zur Grundtonart zurückkehrt, das Ende somit offen lässt, und die nacheinander statt gemeinsam einsetzenden Stimmen verraten dem Hörer, dass diese Liebe keinen Bestand haben wird. Mehr dazu bei Monteverdi.

Georg Friedrich Händel

Agrippin

AleX Penda, Marcos Fink, Jennifer Rivera, Sunhae Im, Bejun Mehta, Neal Davies, Dominique Visse, Akademie für Alte Musik Berlin, Rene Jacobs

harmonia mundi

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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