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Musikstadt

Finnlands Hauptstadt Helsinki

Diese Sprache ist schon Musik. Mal abgehackt schnarrend, mal weich flüsternd. Kein Wunder vielleicht, dass es so viele herausragende finnische Dirigenten und Sänger gibt. Und das bei nur 5,3 Millionen Einwohnern in einem Land, das erst seit 1917 autark ist, aber, im Gegensatz zu allen anderen nordischen Nationen, mit Jean Sibelius einen bewusst national denkenden Komponisten zum Welterbe beigesteuert hat. Seit immerhin bald zwanzig Jahren spielt in Helsinki das einzige Opernhaus Finnlands, auch Konzertsäle hat man in Lahti oder Tampere einige sehr gute, nur eben noch nicht in der Hauptstadt – das hat sich jetzt geändert. Und Matthias Siehler hat das neue »Musikhaus« für RONDO besucht.

In Helsinki stehen zwar mit dem Kulturhaus aus Backstein und der Marmorklippen ähnelnden Finlandia-Halle gleich zwei Saalgebäude von Alvar Aalto. Doch beide sind eher wegen ihrer Architektur berühmt als wegen ihrer Akustik. In der 1971 eröffneten Finlandia-Halle hinterließ eigentlich nur die Schlussrunde der KSZE-Konferenz bleibenden Eindruck, von den beiden dort regelmäßig spielenden Orchestern, dem finnischen Radio-Sinfonie-Orchester und dem Helsinki Philharmonic, wurde sie gehasst. Kein Wunder, hieß sie doch auch »Kongress- und Konzerthalle«, die Musik kam hier immer erst an zweiter Stelle. Um Klang hat sich Aalto nie gekümmert.
Das ist jetzt endlich anders, 20 Jahre Planungszeit, viel Diplomatie und 165 Millionen Euro hat es gekostet, bis an städtebaulich herausragender Stelle für beide Orchester sowie die Sibelius Musikakademie mit ihren 1500 Studenten das gemeinsame »Musiikkitalo« eröffnet wurde, das »Musikhus « oder »Music House« wie es zudem Schwedisch und Englisch über dem Eingang steht. Im Fadenkreuz zwischen einer innerstädtischen Meerbucht, der grünen Baumlinie eines Parks, der Wikingerromantik des Nationalmuseums, der korinthischen Granitsäulenwucht des Parlaments, der neuen Sachlichkeit des Glaspalastes, der rasanten Betonkurve des modernen Kiasma-Museums und der Glasfront einer Zeitung scheint sich die bronzegrün perforierte Musikkiste an der Hauptverkehrsader Mannerheinintie fast zu ducken. Das Musiikkitalo offenbart seine Schätze bewusst im Inneren.
Man kann von zwei Seiten herein, entweder über eine durchaus steil abfallende Treppe unter einer blinkenden Metallskulptur, aus der sich die finnische Pflanzenwelt reckt, was besonders bei Sonnenuntergang geheimnisvolle Schatten wirft, oder zu ebener Erde, wobei man durch breite Panoramascheiben sofort in den dunkel gebeizten Konzertsaal blickt. Nicht nur hat das schick-zurückhaltende, seine inneren Werte oft erst auf den zweiten Blick offenbarende Gebäude ein großes Auditorium mit 1700 Plätzen sowie fünf weitere, kleinere Säle für jede klangliche Anforderung von der Orgel bis zum Jazz – es gibt natürlich auch drei Saunen. Und der freistehende, von jedem Verkehrsgeräusch isolierte Saal ist außen wie innen mit einem saunaähnlichen Holzmosaik verkleidet. Die Treppen und das Podium aus gebleichter Kiefer sind blendend hell, so entsteht durch die unregelmäßige Weinberg-Anordnung der Zuschauerblocks der Eindruck von sich stauenden Flößen, wie sie immer noch auf Finnlands Flüssen zu sehen sind.
Der Saal hat Luft und klingt wunderbar resonanzreich, dabei transparent, da hat der von Anfang an in die Planung einbezogene Akustikguru Yashuhisha Toyota ganze Arbeit geleistet. »Wir müssen uns jetzt erst wieder unsere Klangkompromisse aus der Finlandia- Halle abgewöhnen«, sagt ein begeisterter John Storgårds. Der Chef des Helsinki Philharmonic hat für sein erstes Abonnementkonzert natürlich Sibelius angesetzt – eine schwerblütige erste Sinfonie –, will den Saal aber auch mit dem von Christian Tetzlaff rasant-transparent genommenen Brahms-Violinkonzert herausfordern. »Wir müssen erst wieder ein entspanntes Piano und ein freies, lautes Forte lernen«, so Storgårds, »aber die Musiker haben sich schneller diesen wunderbaren neuen Gegebenheiten angepasst als gedacht.« Unter der Erde, aber mit Tageslicht, teilen sich die beiden Orchester ihre gegenseitig sichtbaren, aber mit den elektronischen Schlüsseln nicht zu überwindenden Bereiche.
Es gibt einen akustisch dem Konzertsaal ähnlichen weiteren Probenraum, die fünf kleineren Auditorien stehen vorwiegend der Sibelius Akademie zur Verfügung. Sie und die Foyers sind den ganzen Tag zugänglich, man möchte Begegnung, Austausch, Kommunikation, keine Konzertgottesdienste; selbst wenn dann die Sichtfenster im Saal zugezogen sind. Besonders die studentischen Klassenzimmer und Übekabinen sind ein Musikertraum. Die technikaffinen Finnen haben überall Mikrowellen und Beamer, Hifi- und Projektionsanlagen eingebaut. Einen Etat für die sonstige Bespielung des Hauses gibt es freilich nicht. Doch private Veranstalter und alle anderen finnischen Orchester drängen bereits in die Hauptstadt. So wie – hoffentlich und durchaus gewollt – bald auch wieder die internationalen Orchester, denen man jetzt, zusammen mit den neuen Sälen in St. Petersburg, Kopenhagen und Reykjavik, eine attraktive Nordreiseroute offerieren kann.
Als wir erstmals ins Musiikkitalo traten, kam uns Karita Mattila entgegen. Ausgerechnet! Die finnische Starsopranistin, weltweit als Salome und Elsa, Lisa und »Fidelio«-Leonore geschätzt, singt viel zu selten in Finnland. Sagen die Finnen, die natürlich nicht so gern eine der ihren ans Ausland hergeben. Doch Weltstars wie die Mattila oder auch Soile Isokoski machen sich in der Heimat rar. Aber sie probieren in Helsinki gern einmal eine neue Rolle aus. Die Mattila sang an dem hellen, lichtdurchfluteten Opernhaus auf der anderen Meerbuchtseite zuletzt ihre erste Tosca.
Die Finnische Nationaloper (finnisch: Kansallisooppera) wurde 1993 an der Töölönbucht eröffnet. Das von Hyvämäki-Karhunen-Parkkinen entworfene Haus, in dem sich Naturstein und Carraramarmor, Fliesen und Birkenholz zu einer harmonischen Einheit verbinden, verfügt über zwei Auditorien: Das Haupttheater hat über 1350 Sitze, das kleinere bietet bis zu 500 Besuchern Platz. Vorausgegangen waren langewährende Provisorien, zuletzt in einem ehemaligen russischen Garnisonstheater, wo sich die Offiziere früher bunte Abende bereitet hatten. Dabei gibt es regelmäßige Opernaufführungen in Finnland immerhin seit 1873, als Kaarlo Bergbom die erste finnische Oper gründete. Heute hat das Haus knapp 600 Mitglieder, davon über 19 fest engagierte Solosänger, meist Finnen, die von der Sibelius-Akademie kommen, der größten Musikhochschule Europas. Man verfügt über einen 60-köpfigen Chor, 115 Orchestermusiker und 72 Tänzer – die immerhin stammen aus 17 verschiedenen Ländern. Eine Viertelmillion Besucher bekommt vier bis sechs Premieren geboten, meist inklusive einer Weltpremiere einer finnischen Oper, so wie beispielsweise »Rasputin« von Einojuhani Rautavaara. 15 verschiedene Opern und neun Ballette in etwa 170 Aufführungen stehen jährlich auf dem Spielplan. Seit 2006 ist Mikko Franck künstlerischer Leiter und Musikdirektor des Opernhauses, doch für die Finnen sind es immer auch Festtage, wenn der rübezahlähnliche Leif Segerstam im Graben erscheint und eine seiner dunkel glühenden Wagner-Aufführungen leitet.
In guter Nachbarschaft leben jetzt auch die beiden wichtigsten Orchester der Stadt: Neben dem als ältestes nordisches Orchester seit 129 Spielzeiten ununterbrochen musizierenden Helsinki National Orchestra genießt auch das Orchester des Finnischen Rundfunks unter seinem gegenwärtigen Chef Sakari Oramo einen sehr guten Ruf. Und nicht vergessen darf man das 1983 von Jukka-Pekka Saraste, Esa-Pekka Salonen und Olli Pohjola gegründete Avanti! Kammerorchester. Das hat sich schnell seinen exzellenten Ruf erspielt als Finnlands Antwort auf das Ensemble intercontemporain oder das Ensemble Modern. Heinz Holliger, Oliver Knussen, Gidon Kremer, Diego Masson, Ingo Metzmacher, Charles Neidich, Alexei Lubimov, Antony Pay, Christian Tetzlaff, Lothar Zagrosek and Barbara Hannigan gehören zu den bekannten Künstlern, die mit dieser wagemutigen, aber nie ideologisch verbohrten Formation schon aufgetreten sind.
Und dann gibt es in den schönen Lokalen der finnischen Hauptstadt, ob im nationalen Romantikstil, in Art Deco oder Bauhausschick, Fifties- Marimekko Design oder Ultramodern, natürlich den Tango! Neben Humppa und anderen Paartänzen ist Tango in Finnland besonders weit verbreitet. Der finnische Tango wird nicht als kunstvoller Tanz südamerikanischer Art getanzt. Die Tanzpaare bewegen sich meistens im Grundschritt, man bietet keine Show, man hat Spaß. Als er 1913 nach Finnland kam (ganz Europa war in diesem Jahr vom Tangofieber gepackt), fühlten sich die Finnen durch den Tango in ihrem Leid unter der russischen Herrschaft verstanden. Der Tanz drückte das aus, worüber zu sprechen unmöglich war. Auch im Winterkrieg 1939/40, während des Überfalls der UdSSR auf das inzwischen unabhängige Finnland, bot die melancholische Kraft und dynamische Leidenschaft des Tangos, den zu tanzen von der Regierung sogar verboten war, der Bevölkerung ein Ventil. Vom Komponieren allerdings ließ sich das Volk nicht abhalten und schuf einen eigenen Musikstil voller Poesie, Trauer und Tiefe.
Der dunkle Tango und das helle, demokratische Musiikkitalo – die zwei Seiten der finnischen Musikleidenschaft, nicht nur in der liebenswürdigen Hauptstadt Helsinki.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2011



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