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Anna Prohaska

Lolita, nicht Lulu

Anna Prohaska begeistert mit ihrem neuen Album „Enchanted Forest“. Und ist jüngster Spross einer illustren Musikerdynastie.

Angenommen, Sie wachsen in einem Haus auf, wo der eigene Name in Goldlettern an der Fassade prangt. Angenommen, im Salon ihrer Urgroßmutter gingen zuvor Brahms und Alban Berg ein und aus. Und schließlich hat Johann Strauß (Sohn) in denselben Räumen, wo Sie mit Ihrem Brüderchen herumtollen, die „Fledermaus“ komponiert. Wenn das so wäre – zumal als Sängerin in Wien –, so wären Sie reif für eine Psychoanalyse. Seien Sie also froh, dass das nicht Ihnen passiert ist. Sondern Anna Prohaska. Sie lacht laut darüber und hat das Ganze in folgende Formel super verpackt: „Goldene Kindheit“.
Tatsächlich war ihr als Mädchen, wie sie zugibt, „die Jahreskarte für den Wiener Zoo“ (direkt vis-à-vis) viel wichtiger als die Ahnengalerie! Das bewusste Haus liegt direkt neben Schloss und Tiergarten Schönbrunn und ist bis heute in Familienbesitz. Anna Prohaska (29) ist die Urenkelin des Komponisten Carl und Enkelin des Dirigenten Felix Prohaska. Ihr Vater Andreas Prohaska inszenierte die Uraufführung von Wolfgang Rihms „Hamletmaschine“. Bruder Daniel ist als Operetten-Buffo am Münchner Gärtnerplatz engagiert. Kurz: Keiner in der Familie hat sich von den Vorfahren abschrecken lassen.
Seit sieben Jahren ist Anna Prohaska der beste Neuzugang in Daniel Barenboims Berliner Staatsopern-Ensemble. „Meine Homebase“, sagt sie, obwohl sie nur kurz fest am Haus war. Mit Claudio Abbado debütierte sie bei den Berliner Philharmonikern. Mit Pierre Boulez erscheint dieser Tage Mahlers „Klagendes Lied“. Und mit Harnoncourt probte sie kürzlich in dessen Haus am Attersee die „Fidelio“-Marzelline für Wien. Ihre Solo-CD „Sirène“ vor zwei Jahren war schließlich eines der erfreulichsten Debüts bei der Deutschen Grammophon seit langem. Anna Prohaska hat eine vorzügliche Schallplattenstimme. Auch deswegen, weil die Stimme nicht so riesig dimensioniert ist, dass einem vom Zuhören die Ohren abfallen. Eher kleinere Stimmen – das weiß man seit Fritz Wunderlich – sind fürs Schallplattenstudio meist das Beste.
„Ich hatte als Kind niemals so eine typische, behauchte Mädchenstimme“, hätten ihr die Eltern oft erzählt. „Ich war unglücklich, weil ich nicht in einen Knabenchor gehen durfte“, so Prohaska. Nach dem Studium an der Berliner „Eisler“- Hochschule debütierte sie in einer Hosenrolle, dem Yniold in Debussys „Pelléas et Mélisande“. Die vollfruchtige Höhe, ein ironisches Blinzeln und ein leichter Lolita- Typus schickten sie indes mit einem One-way- Ticket in die höchsten Sopranhöhen, wo sie mit Rollen wie Zerlina, Papagena oder Anne Trulove (in Strawinskys „Rake’s Progress“) für Aufsehen sorgte.
Denn Anna Prohaska zwitschert nicht nur, sondern gab diesen Rollen Charakterfestigkeit, Jugendsinn und ein entscheidendes Quäntchen Unberechenbarkeit. Sie verströmte Freiheit. Das ist in einer auf Notentreue und Dienstbarkeit geeichten Klassik etwas ganz Seltenes. So ist Prohaska heute eine der wichtigsten Sängerinnen des Soubretten- Fachs. Aber keine Soubrette! „Danke für das Kompliment“, lacht sie. Denn unterhalb des glockigen Unschuldstons, den sie für Despina, Blondchen oder Sophie hat, hört man bei ihr eine dunklere, lockende Flamme glimmen.
„Immer sagen mir alle, ich solle doch Bergs ‚Lulu’ singen“, erklärt sie. Doch für die kindliche Männerverschlingerin – „wahnsinnig reizvoll“, wie sie zugibt – bräuchte man etwas wie einen dramatischen Koloratursopran. „Ich schaff’s, die Lulu erst in frühesten acht Jahren auf der Bühne zu singen“, meint sie stolz. Und in derlei professioneller Vorsicht zeigt sich das wahre Künstler-Blut. Die familiäre Prägung.
Für Recherche und Zusammenstellung Ihrer zweiten Solo-CD hat Prohaska wiederum großen Aufwand betrieben. „Kein Problem“, relativiert sie. Im Internet könne man heute die Noten direkt ansehen. „Und anschließend gehe ich dann meinen Freunden auf die Nerven! ‚Fällt dir noch etwas ein?’, frage ich überall.“ Das beschert uns nun ein überaus vielseitiges, zwischen England und Italien brillant oszillierendes Album. Glänzend aufgelegt, strahlfreudig von Lachlust bis Todtraurigkeit pendelt Prohaska exquisit hin und her.
Fällt auch alles nicht vom Himmel. „Ideal ist es, wenn ich mir zehn Tage Auszeit vor einer Aufnahme nehmen kann“, sagt sie. Weiß also klüglich abzubremsen. „Als ich aus Los Angeles zurück kam, brauchte ich neun Tage – genauso viele wie die Stunden bei der Zeitumstellung –, um mit der Stimme wieder ganz anzukommen.“ Tatsächlich reisten Sänger früherer Generationen, wenn sie in den USA singen wollten, so viele Tage vorher an, wie die Zeitdifferenz zwischen Europa und dort betrug.
Gern wird sie als „unbrav“ und „unkonventionell“ beschrieben. „Das stimmt vor allem insofern, als ich übertriebenen Beschreibungen ungern widerspreche“, scherzt sie. Dass in Anna Prohaska, in Neu-Ulm geboren und in Berlin wohnend, noch immer ein goldenes Wiener-Herz schlägt, zeigt sich spätestens in ihren Menü-Präferenzen. Sie schwört auf paniertes Wiener Schnitzel. „Und zwar im Gmoakeller oder im Café Engländer in Wien“, empfiehlt sie.

Vivaldi, Händel, Purcell, Cavalli

Enchanted Forest

Anna Prohaska, Jonathan Cohen, Ensemble Arcangelo

Universal/Archiv


Daphne im Zauberwald

Auf der CD „Enchanted Forest“ („Zauberwald“) verirrt sich Anna Prohaska lustvoll im Tannen-Labyrinth aller möglichen barocken Vivaldi-Nymphen, Händel-Zauberinnen und Purcell-Feen. Bis zurück zu Monteverdis „Lamento della Ninfa“ und Cavallis „Calisto“ reicht dieses gut durchdachte Kaleidoskop weiblicher Porträts rund um den Daphne-Mythos. Um sich vor Gott Apollos Avancen ein für allemal in Sicherheit zu bringen, verwandelt sich die Bergnymphe Daphne in einen Lorbeerbaum. Die Arien werden begleitet vom englischen Ensemble Arcangelo. Und enthalten etliche Hits aus Händels „Rinaldo“, „Alcina“, Purcells „Fairy Queen“ und Vivaldis „La fida ninfa“. Superb!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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