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Christine Schäfer

Sprech-Stunde bei Harnoncourt

Kaum sind Sänger im Geschäft, läuft die Vermarktungsmaschinerie. Nach den eingängigen Arien des Rollenfachs wird nachgelegt mit den russischen Tangos vom Kinderbettchen. Die Sopranistin Christine Schäfer spannt mit »Arias« den Bogen von Händel bis Messiaen. Kommt jetzt das Album zum Opernbesuch mit der Mutter? Keineswegs, verriet sie Peter Ueling, und auch, warum die Triangel das wichtigste Instrument der Oper ist.

RONDO: »Arias« – CDs mit diesem Titel enthalten meist nur Stücke eines bestimmten Stils, bei Ihnen dagegen begegnet man Musik von Händel bis Messiaen. Haben Sie sich auch andere Titel überlegt?

Christine Schäfer: Der eigentliche Titel ist für mich das Zitat des Komponisten aus der Ariadne auf Naxos: »Was ist eigentlich Musik? Eine Ansammlung von Mut«. Das ist das Motto des Albums: Was kann Musik eigentlich sein, in Bezug auf die Oper? Ich finde es mutig zu komponieren, zu inszenieren, zu dirigieren und auch zu singen.

RONDO: Was hat Sie zu dieser Zusammenstellung inspiriert?

Schäfer: Vor einigen Jahren bin ich in Mannheim in einer Gala aufgetreten; Friedemann Layer hat das Adagietto aus Bizets L’Arlésienne dirigiert und auch die Raymond-Ouvertüre von Ambroise Thomas. Das Gebet von Desdemona aus dem Otello und den Gesang des Engels aus Messiaens Saint Françoise d’Assise habe ich beigesteuert. Das alles hat mich im Zusammenhang sehr begeistert und beschäftigt – daraus habe ich das Konzept nach und nach entwickelt.

RONDO: Was ist der rote Faden des Albums?

Schäfer: Nach dem Motto aus der Ariadne beginnt es mit der reduziertesten Form der Oper, der nur vom Continuo begleiteten Arie aus Semele. Der Bellini danach passt hervorragend zum Händel – aufgrund der ähnlichen Stimmbehandlung: Bei beiden kann man die Stimme zurücknehmen. Ich vermisse in der Oper oft, dass man die ruhigen und stillen Momente dazu nutzt, um das Publikum zu konzentrieren. Aber danach geht es bei Thomas richtig los mit Becken und Triangel – die Triangel ist für mich eigentlich das wichtigste Instrument in der Oper ...

RONDO: Wie bitte?

Schäfer: In der Oper ist die Akustik oft so trocken und staubig, aber dann macht es wusch! und kling! – und das gibt mir seit der Kindheit immer wieder dieses unglaubliche Operngefühl. In »Arias« geht es um die Darstellung des Verhältnisses von Text und Musik im Lauf der Musikgeschichte. Ich empfinde die Entwicklung vom Schlussgesang aus Capriccio über Otello bis zu Messiaen trotz aller Unterschiede als schlüssigen inneren Zusammenhang. Auch inhaltlich: Nachdem Desdemona ihr »Ave Maria« gesungen hat, zieht sie mit Messiaen in den Himmel hinein.

RONDO: Gibt es auf dem Album Stücke, die Ihnen Schwierigkeiten gemacht haben?

Schäfer: Die Desdemona würde ich nie auf der Bühne singen, aber hier ging es mir um Feinheiten, die in der italienischen Oper zu kurz kommen. So ein Gebet wie das »Ave Maria« müsste eher gesprochen als gesungen werden, und ich hätte das gerne noch radikaler gestaltet, aber bei Orchesteraufnahmen rennt die Uhr, da kann man nicht so viel experimentieren wie bei Liedaufnahmen.

RONDO: Gerade die Desdemona hat mich überrascht, aber auch sehr berührt – da habe ich mich gefragt, ob Sie nicht irgendwann noch Wagner singen, zumindest auf einer CD?

Schäfer: Es würde mich tatsächlich reizen, das einmal von einer sprechenden Phrasierung her zu singen, aber ich habe leider nicht die Stimme dafür. Es gibt tolle Wagner-Sänger, aber mir ist nie so ganz wohl, wenn die Rhythmen so übertrieben werden, ich könnte mir das auch viel freier vorstellen. Harnoncourt müsste Wagner dirigieren, denn keiner versteht mehr von Phrasierung als er.

RONDO: Sie haben vom »Mut« gesprochen. Angesichts einer historischen Aufführungspraxis, die längst bis ins 19. Jahrhundert vorgedrungen ist: Empfinden Sie es als mutig, dass Sie sich hier so vieler verschiedener Stile annehmen?

Schäfer: Wenn ich ein Instrument spielte, würde ich auch Bach, Beethoven und Moderne spielen. Ein anständiger Pianist tut das, warum nicht ein Sänger? Mein Lehrer Aribert Reimann hat gesagt, dass man Bach anders singt, wenn man Moderne gesungen hat, und was man bei der historischen Aufführungspraxis über Phrasierung lernt, lässt sich in neuer Musik hervorragend anwenden.

RONDO: Inwiefern?

Schäfer: Es geht ums Sprechen. Was man bei Harnoncourt über den sprechenden Vortrag lernen kann, bereichert auch die Interpretation neuer Musik. Ich betrachte es als selbstverständlich, dass man die Stile mischt. Es gibt ein Publikum, das in die Barockoper geht, es gibt die Mozart-, die Wagner-, die Verdi-Gemeinde – das Publikum ist schon spezialisierter als die Musiker.

RONDO: Eigentlich nichts neues, wenn man bedenkt, dass das Publikum früherer Zeiten nur die Musik der eigenen Epoche hören konnte ...

Schäfer: Aber wir heute können doch ein Bewusstsein von Musikgeschichte haben. Auch die Popmusik hat sich aus der Klassik entwickelt. Es gibt heute so viele Popleute wie Radiohead oder Massive Attack, die zeitgenössischer sind als mancher gegenwärtige Komponist. Ich hätte an das Album gerne noch einen Popsong drangehängt – aber das machen wir dann bei der nächsten CD. Und mal ganz abgesehen von der Musik: Wo sonst darf man solche Kleider tragen, wenn nicht auf einer Opernbühne?

Georg Friedrich Händel u.a.

Arias

Christine Schäfer, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Julien Salemkour

Sony

Peter Ueling, RONDO Ausgabe 6 / 2011



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