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Arcadi Volodos

Einfach in Vollendung

Paris, adieu! Arcadi Volodos genießt lieber die Ausblicke an der Costa Blanca. Mit Kompositionen Mompous huldigt er nun auch musikalisch der Stille.

RONDO: Mir scheint, Ihre Aufnahme möchte ein repräsentatives Panorama aller Schaffensphasen Mompous bieten?

Arcadi Volodos: Exakt. Natürlich hätte ich einfach die komplette Musica callada aufnehmen können, sein ganzes Leben strebt diesem magischen Punkt entgegen. Ich wollte aber auch den langen Weg zu diesem letzten Gipfel nacherzählen, Ideen aus seiner Jugendzeit zeigen, in der auch jene spanische Atmosphäre aufscheint, die später völlig aus seiner Musik verschwindet.

RONDO: Wer Ihr bisheriges Repertoire kennt, ist einigermaßen überrascht über diese CD. Wie haben sie Mompou eigentlich entdeckt?

Volodos: Das ist schon Jahre her. Im Haus eines Freundes hörten wir eine Schallplatte. Mein erster Eindruck: hübsche Musik, farbig, etwas nostalgisch, sehr gewählte Harmonien – sie gefiel mir, aber mehr auch nicht. Es hat Jahre gedauert, zu verstehen, was die Musica callada überhaupt bedeutet. Das kann man beim ersten Hören einfach nicht wahrnehmen.

RONDO: Viele tun diese Musik nach dem „ersten Hören“ etwas verächtlich ab, weil sie so quer zur Fortschrittsideologie der Musikgeschichtsschreibung steht.

Volodos: In der Geschichte der Musik steht Mompou abseits; schon seine völlig zurückgezogene Art zu leben war „anders“. Die Komponisten der Moderne verkomplizierten Harmonie und Rhythmus immer weiter – Mompou aber ging genau in die andere Richtung. Er schrieb immer minimalistischer bis zur absoluten Einfachheit seiner letzten Werke. Das war in seiner Epoche etwas absolut ungewöhnliches, wo es immer schwieriger und komplizierter sein musste. Jeder Komponist geht seinen Weg – Beethoven den großartigen späten Quartetten entgegen, Skrjabin dem Mysterium, das er dann nicht mehr schreiben konnte. Mompou aber vollendet sich in der absoluten Einfachheit und Abstraktion der Musica callada.

RONDO: Das Werk ist ja schon seinem Titel nach schwer zugänglich und rätselhaft.

Volodos: In der Tat, der Titel „Musica callada“ ist nicht übersetzbar. Es wäre allzu primitiv, „stille Musik“ zu sagen. Man muss es umschreiben, also eher „tönende Einsamkeit“ oder „tönendes Licht“ oder „Ewigkeit“ – es gibt kaum mehr etwas Materielles in dieser Musik. Man hat beim Hören den Eindruck, dass sie kaum mehr komponiert ist, fast als habe sie vor unserer Zeit existiert. Sie will auch gar nicht verstanden sein.

RONDO: Darin gleicht sie doch dem Wesen ihres Schöpfers …

Volodos: Ja, Mompou war ja eine ungeheuer schüchterne und bescheidene Gestalt, allerdings mit einem ziemlich trockenen Humor. Er saß einmal in der Jury eines sehr renommierten Kompositionswettbewerbes. Die Jury musste bewerten, und die übrigen Mitglieder gaben für die neu gehörten Werke immer schlechte Noten. Mompou aber immer die Spitzenwertung. „Maestro, warum haben Sie denn keinen der Kandidaten eliminiert?“ – „Das wird das Leben schon machen“, war die lakonische Antwort. Wenn man ihn als großen Komponisten lobte, sagte er immer, ich bin kein Komponist, nur Musiker, und ich komponiere nicht, ich löse auf [Anm.: im spanischen ein Wortpaar: componer – descomponer].

RONDO: Hinter dieser Zurücknahme seiner Person versteckte sich aber doch ein geradezu philosophisches künstlerisches Konzept.

Volodos: Ja, ein philosophischer Dualismus zog sich durch sein ganzes Leben. Er suchte die Grenze zwischen Musik und Schweigen niederzureißen. Für ihn waren das keine Gegensätze, sondern sich durchdringende Sphären. Mich interessiert dieses vermutlich aus der östlichen Philosophie stammende Phänomen sehr, wie der Zeitbegriff in der Musik zum Verschwinden gebracht wird. In der Musica callada gibt es diese Momente, in denen die Zeit plötzlich stillsteht.

RONDO: Haben sie eigentlich auch die Aufnahme angehört, die Mompou selbst von seiner Musica callada gemacht hat?

Volodos: Es ist sehr interessant, den Komponisten selbst spielen zu hören und man ahnt eine Menge seiner Ideen, aber er war schon sehr alt und konnte nicht mehr alles realisieren, was er wollte – er hätte das früher aufnehmen sollen. Die Aufnahmequalität ist auch miserabel, die Mikrofone sind viel zu nah am Flügel, der auch noch schlecht intoniert ist. Das ist sehr schade, ist diese Musik doch eigentlich so immateriell, sie liegt jenseits der Tastatur.

RONDO: Wie würden Sie denn Ihren pianistischen Zugriff auf diese Miniaturenkunst beschreiben?

Volodos: Ich würde hier nicht von einer pianistischen Aufgabe sprechen wollen. Das ist eigentlich Musik, an der es nicht viel zu „interpretieren“ gibt, sie spricht eher aus sich selbst, Farben sollten wie auf natürlichem Wege entstehen. Aber das sagt sich so leicht. Das Aufnehmen fiel mir hier unendlich schwerer als bei allen meinen vorhergehenden CDs. Viel schwerer als beim Liszt zuletzt. Bei Mompou gibt es nicht diese leicht fasslichen Kontraste. Hat man, wie bei Liszt, solche starken Gegensätze, ist der weitere interpretatorische Weg einfach. Aber hier gibt es nicht die großen Kontraste, sondern Millionen Mikro-Kontraste, eine ganze kleinteilig-subtile Welt …

RONDO: … und auch keine eindeutige emotionale Botschaft …

Volodos: … es gibt so viele Botschaften darin. Es ist geradezu metaphysisch.

RONDO: Sie haben sich mit dieser CD nicht nur einem Meister des Rückzugs in die Stille gewidmet, Sie machen sich selbst auch auf den Konzertpodien etwas rarer.

Volodos: Ja das stimmt, ich mag die Hektik des Reisens nicht besonders und spiele deutlich weniger Konzerte. Ich habe auch meinen Pariser Wohnsitz aufgegeben und wohne jetzt hauptsächlich an der Costa Blanca und genieße die Weite der Landschaft nah am Meer. Ich verbringe mehr Zeit in der Stille, der Natur oder mit meinen Freunden. Vor allem gibt es im spanischen Leben ein anderes Zeitgefühl, alles geht sehr langsam, es gibt nicht diese Aggressivität, diese ewige Eile, die ich in Paris oder Berlin so unerträglich finde. In dieser Welt eines derart aggressiv beschleunigten Zeitempfindens ist es unheimlich schwierig, die Musik Mompous zu hören. Darum musste ich diese CD einfach machen, und ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass viele Musiker diese geniale Musik entdecken und spielen werden, die Partituren kaufen, gerade hier in Deutschland, wo Mompou nicht sonderlich bekannt ist. Das ist mein Plan.

Frederic Mompou

Klavierwerke

Arcadi Volodos

Sony


Keine Bar-Beschallung

Schmal, erlesen und nicht von dieser Welt ist das Werk des Katalanen Frederic Mompou (1893–1987). Allzu oft als „Soundtrack“ melancholischer Abende oder als gehobene Cocktailbar-
Beschallung missverstanden, stehen die magischen Klavierminiaturen des Einsiedlers aus Barcelona in ihrer kunstvollen Kunstlosigkeit jenseits aller Stilbegriffe. Es ist, als rufe der Komponist einzelne Klänge und Figuren aus einem Raum des Schweigens hervor, in den sie sich, kaum Klang geworden, wieder verlieren. Der Spieler gleicht einem reglosen Medium, durch das Mompou die beschwörenden Monologe seiner späten Musica callada spricht, kristalline Bildungen von der Konzentration eines symbolistischen Gedichtes.


Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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