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Musikstadt

Bordeaux

Bordeaux kennen die meisten eigentlich nur in Flaschen. Sie ist aber auch die zweitschönste Stadt Frankreichs.

Zugegebenermaßen liegt die Weinbaumetropole an der Garonne, neuntgrößte Stadt Frankreichs mit 240.000 Einwohnern, von Deutschland aus gesehen etwas weitab vom Schuss, doch die Kenner schnalzen bei ihrer Erwähnung nicht nur wegen des Bouquets mit der Zunge. Die nach Paris zweitgrößte Altstadt unserer westlichen Nachbarn wurde in den letzten zwanzig Jahren großflächig renoviert, viele Studenten beleben die eleganten Straßen und lauschigen Plätze, die mit ihren gemütlichen Bistros und Bars wirken, als würde gleich irgendwo ein unsichtbarer Filmregisseur ganz plötzlich „Cut!“ rufen. Heimelig, verspielt, typisch französisch geben sie sich zwischen Platanen und herrlichen Sandsteinpalais, immer ein wenig krumm und asymmetrisch, dabei sofort liebenswert.

Ein Zaubersee vor klassizistischer Architektur

Doch Bordeaux kann auch anders – großzügig, nach Weite sich streckend, auf innovative Weise modern und alt zusammenfügend. Besonders an einem kilometerlangen urbanen Prestigeprojekt, das wohlgelungen ist: der Wiederbelebung, ja Einbeziehung als gute Fußgängerstube, des Garonne-Ufers – nicht nur als Schnellstraße, sondern als Lebensraum für Menschen als Flaneure. Grünstreifen, Fahrradwege, Bänke und Kunst samt einem raffinierten Illuminationssystem am Abend lassen Fluss und Stadt wieder neu zusammenfinden. Das findet seinen Höhepunkt auf unnachahmliche, grandios-zauberische Weise auf der eleganten Place de la Bourse. Was da auf einer erhöhten Terrasse tagsüber als ab und an munter sprudelnde und dann wieder verschwindende Brunnenpfütze für die wonnig darin herumspringenden Kinder erscheint, präsentiert sich – vom richtigen Standpunkt aus – nachts als unendlich scheinender Zaubersee, als „miroir d’eau“, in dem sich die klassizistische Architektur Ange-Jacques Gabriels spiegelt und ab und an von einer wie über das Bassin schwebenden Straßenbahn durchbrochen wird.
Weiter unten steht dann an der von Bäumen umsäumten, eigentlich monströs riesigen, höchstens von Volksfestbuden verkleinerten Place des Quinconques das Gras hektarbreit für Familienpicknicks bereit. Und genau zwischen diesen alten, zeitgemäß aufgehübschten Erlebnisräumen erhebt sich jenes Gebäude, das aus der alten wohlhabenden Handelsmetropole Bordeaux eine Musikstadt gemacht hat: das Grand Théâtre. Zwölf korinthische Säulen, bekrönt von 12 Statuen der neun Musen samt Juno, Venus und Minerva auf dem flachen Architrav, stehen vor seiner Eingangsfassade, die vom Grand Hotel gegenüber aufgenommen wird und an der jeder Einwohner gern und oft vorbeigeht. Das Grand Théâtre und die davorliegende, von Straßencafés gesäumte Place de la Comedie sind so etwas wie der architektonische und soziale Kreuzungspunkt der stolzen Metropole.
Das schlicht anmutende, aber doch sehr besondere, 1100 Besucher fassende Theater wurde von dem Architekten Victor Louis als ein Meisterwerk errichtet, und mit dem Drama „Athalie“ von Jean Racine am 7. April 1780 eingeweiht begann der Theaterbetrieb. Nur neun Jahre später wurde hier ein Ballett uraufgeführt, das bis heute zu den Perlen des Repertoires gehört, wenn auch nicht mehr in der Originalchoreografie: Jean Daubervals „La fille mal gardée“. Auch wenn das schon der bis heute berühmteste Beitrag Bordeaux’ zur Theatergeschichte geblieben ist, das geliebte Haus war nie eine „schlecht behütete Tochter“, man hat es immer gehegt und gepflegt. Nur ein wenig mehr als eine Dekade nach Gabriels Hofoper in Versailles fertiggestellt, atmet es reinsten Klassizismus. Nach einem schlichten Entrée geht es in das Rustika umsäumte, grau gehaltene Treppenhaus mit einer doppelläufigen Stiege, wie sie später auch – weit verschwenderischer und verspielter – als Ort des Sehens und Gesehenwerdens im Mittelpunkt der Pariser Oper platziert werden wird. Durch einfache Holztüren betritt man den in Blau und Weiß gehaltenen, von goldenen Karyatiden gestemmten, fast rund anmutenden Zuschauerraum mit seiner bemalten Bogendecken. Durch seine hölzerne Bauweise hat er eine ausgeglichene Akustik, besonders Barockoper, alle Mozart- Werke, die Opéra comique und die intimen Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts haben hier eine wunderbare Heimstadt.
Franz Liszt, Marie Falcon, Pauline Viardot, Auguste Talma, Adolphe Nourrit, Gilbert-Louis Duprez, Giovanni Battista Rubini, Marius Petipa, aber auch Fjodor Chaliapin, Tito Schipa, Régine Crespin, Plácido Domingo oder Natalie Dessay – viele große Sänger, Instrumentalisten, Tänzer haben einmal auch in Bordeaux Station gemacht.
Nach einer umfassenden Renovierung ist diese Opéra national noch immer eines der bedeutendsten Stagione-Häuser Frankreichs. Der seit 1996 amtierende Direktor Thierry Fouquet – einst leitend an der Pariser Opéra tätig – produziert und koproduziert international sechs bis sieben jeweils fünf Mal gespielte Opernpremieren. In der letzten Saison gab es eine witzig und anspielungsreich aus einer nicht so gelungenen Berliner Produktion weiterentwickelte „Alcina“. Als diesmal stimmige Mischung aus kleiner Händel-Tierschau, Theater auf dem Theater, freudianischen Versatzstücken, Tingeltangel- Resten und viel emotionaler Ergriffenheit komponierte David Alden eine berührende Seelenschau, die sich meist einer präzisen Bestimmung entzog, delikat in der Schwebe blieb. Das Orchestre National Bordeaux Aquitaine ist keine Alte-Musik-Truppe, absolvierte aber unter der wissend-griffigen Anleitung Harry Bickets seine Barocksache mit Leidenschaft Interessant war die Titelrollen-Besetzung mit der längst schon im dramatischen Fach beheimateten Elza van den Heever. Sie singt immer noch flüssig ihre Koloraturen, lud diese aber mit mächtigem, der Figur gut anstehendem Furor auf. Der aufstrebende Mezzosopran Isabel Leonard war ein zurückhaltender, aber geschmackssicherer Ruggiero, Sonia Prina (Bradamante) hatte ihr herbes Vibrato gut im Griff. Die aktuelle Saison brachte einen neuen „Barbier von Sevilla“, anschließend die erfolgreiche Uraufführung von Oscar Strasnoys komisch-surrealem „Slutchai“ nach Daniil Charms. Im Februar inszeniert zum zweiten Mal die Mezzosopranistin Mireille Delunsch, diesmal Poulencs „Dialoge der Karmeliterinnen“. Es folgen „Dido und Aeneas“, „Salome“ (im neuen Auditorium), Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ sowie eine neue „Zauberflöte“. Auch das vom ehemaligen Pariser Étoile Charles Jude geleitete Ballett ist gut aufgestellt und überregional geschätzt.
Bisher in der Oper auftretend, darf das Orchestre National Bordeaux Aquitaine im Januar endlich einen neuen Saal beziehen. Er wird eingeweiht vom langjährigen Chefdirigenten (1998-2004) Hans Graf. Die Ursprünge des seit 1973 unter diesem Namen firmierenden Orchesters reichen bis 1850 zurück, André Cluytens, Hans Knappertsbusch und Marcel Landowski haben es dirigiert, 1988 wurde Alain Lombard hier Chef, heute wird der auch in der Region auftretende Klangkörper mit seinen 120 Musikern vom aufstrebenden Kwamé Ryan geführt.
Und egal ob Oper oder Konzert im nahen, neuen Saal. Der Musikabend in Bordeaux ist eigentlich erst vollendet, wenn man danach noch einmal an den Börsenplatz schlendert und der Straßenbahn beim Wassergleiten durch den Lichterbrunnenspiegel zusieht. Schöner kann keine Inszenierung auf der Bühne sein.


Auditorium Bordeaux

Seit 2009 wurde gebaut, am 10. Januar ist nun endlich Eröffnung und bis zum 20. wird gefeiert. Für 28 Millionen Euro entwarf Architekt Michel Pétuaud-Létang an Stelle des alten Kinos mitten in einem historischen Häuserkomplex den neuen Konzertsaal des Orchestre National Bordeaux Aquitaine. Er hat 1400 Plätze, wird schlicht Auditorium genannt. Vorgesehen für Sinfoniekonzerte, Kammermusik, Rezitals, Jazz, schließt die Nutzung auch Kongresse und halb-szenische Opernaufführungen ein, wie eine erste „Salome“. Pierre Boulez, Renaud Capuçon, das Orchestre Philharmonique de Radio France, das Ensemble Intercontemporain, Lang Lang, Karita Mattila und Jordi Savall gehören zu den Künstlern, die hier bald gastieren werden.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2012



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