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Mirga Gražinytė-Tyla (c) Frans Jansen/CAMI

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Man möcht’ immer sagen: die „Ariodante“. Doch bei der Hauptfigur von Händels 33. Oper handelt es sich um seine vielleicht wichtigste Männer- (bzw. Hosen-)Rolle; geschrieben für den Mezzosopran-Kastraten Carestini. Also: der „Ariodante“. Woran sich zu erinnern das hauptsächliche Verdienst der Inszenierung von David McVicar an der Wiener Staatsoper bleiben dürfte. Händel hatte für die Uraufführung 1735 die Tanz-Truppe der berühmten Marie Sallé zur Verfügung (wie sonst nur in „Alcina“). Doch gerade mit der so raren Ballett-Musik, köstlich dirigiert von William Christie, kann McVicar so gar nichts anfangen. Sarah Connolly in der Titelrolle sowie Chen Reiss (Ginevra) und Reiner Trost (Lurcanio) sind achtbare Besetzungen. Aufhorchen lässt haupthauptsächlich Countertenor Christophe Dumaux (Polinesso). Mittlere Ergebnisse!, jedenfalls dann, wenn man’s an Salzburg oder am Ruf des Hauses am Ring misst. Da greife ich nächstes Mal lieber gleich zur CD (am besten mit Anne-Sofie von Otter).
Im Café Imperial, der musikalischsten Toleranzstube von Wien, denken wir heute – we too! – über Belästigungsvorwürfe in der Klassik nach. Aber nur ganz kurz! Mit Wien hat das wenig genug zu tun: James Levines Gastspiele bei den Wiener Philharmonikern liegen Jahrzehnte zurück. Mit Charles Dutoit war noch weniger. Gottlob!, kann man nur sagen. Denn all jene Institutionen, die den beiden Beschuldigten (nicht Verurteilten!) den Rücken freihielten, hängen mit drin. Ob die Missbrauchsund Belästigungsvorwürfe einem überfälligen Vorstoß von Dirigentinnen zum Sieg verhelfen, bleibt dagegen abzuwarten. Es sind zwei verschiedene Themen. Immerhin erhält mit Marin Alsop demnächst erstmals eine Dirigentin ein renommiertes kontinentaleuropäisches Orchester: das RSO Wien. Und die am höchsten gestiegene Dirigentin bislang, Mirga Gražinytė-Tyla, gastiert mit ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra immerhin im Musikverein (4./5.4.). Was sie in Berlin noch nie getan hat! Gute Werte also für Wien – wo man noch vor einigen Jahren die damalige Herren-Combo der Wiener Philharmoniker bespöttelte.
Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ gehört zu seinen wohl zerbrechlichsten, aber nicht beliebtesten Opern. Dabei lässt das Shakespeare-Sujet, ursprünglich vertont für den Initial-Countertenor Alfred Deller, nichts an romanzenhafter Verwicklung, sprich: Theaterzauber zu wünschen übrig. Damiano Michieletto, dem man in Wien zuletzt Rossinis „Otello“ anvertraute, gehört zu den wenigen Regisseuren, die ein starkes Konzept zuweilen sogar mit Eleganz und Ästhetik zu verbinden wissen. Star der Aufführung: Bejun Mehta (als Oberon, Theater an der Wien, ab 8.4.). Damit sind die anstehenden Opern-Premieren aber auch schon benannt. – Der Musikverein wiederum befindet sich mittlerweile ‚gefühlt flächendeckend’ in der Hand des Wiener Mozart-Orchesters. Auch die Homepage funktioniert von meinem Computer aus seit Tagen nicht. Also gehen wir lieber zu Christian Gerhaher ins Konzerthaus mit Brahms’ „Schöner Magelone“ (Ulrich Tukur liest die Zwischentexte von Martin Walser, 15.4.). Oder zu Ivo Pogorelich, dem launischsten und flamboyantesten Pianisten von allen (Konzerthaus, 17.4.). Yannick Nézet-Séguin entführt Yuja Wang hierher zu Rachmaninows 4. Klavierkonzert (mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra, Konzerthaus, 28.4.). Fast noch interessanter: das Recital von Miklós Perényi mit Bachs Cello- Suiten (19.4.) sowie Lilya Zilbersteins Klavierabend mit Beethoven, Rachmaninow und Scriabin (20.4.), beide im wundervoll morbiden Ehrbar Saal in der Mühlgasse. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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