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Stephan Suschke (c) Herwig Prammer

Landestheater Linz

Lebendiges Kunstwerk

Das Landestheater Linz stellt Heiner Müllers legendäre Bayreuther Deutung von „Tristan und Isolde“ neu zur Diskussion.

Als der Dramatiker Heiner Müller 1993 bei den Bayreuther Festspielen antrat, um hier mit „Tristan und Isolde“ seine erste Opern-Regie zu präsentieren, war das Ergebnis zunächst keineswegs unumstritten. Doch wie schon bei Patrice Chéreau oder Götz Friedrich vor ihm, schlug das anfängliche Unverständnis vieler Wagnerianer auch bei Müller schnell in bedingungslose Begeisterung um. So wurde seine Deutung zur absoluten Kultproduktion, die bis 1999 zu den Juwelen des Festivals zählte und bei ihrer letzten Vorstellung mit viel Jubel und Tränen verabschiedet wurde. Als Assistent Heiner Müllers damals mit von der Partie war unter anderem auch der heutige Linzer Schauspieldirektor Stephan Suschke, der die Inszenierung seines Mentors nach dessen Tod weiter betreute und bis heute gerne an die gemeinsamen Theatererfahrungen in Berlin oder Bayreuth zurückdenkt. „Heiner Müller war eine künstlerische Figur, wie es sie in Deutschland derzeit nicht mehr gibt. Und in seiner Art, über Kunst und Politik nachzudenken, wirklich einzigartig.“ Noch während der Endproben von Suschkes Linzer Inszenierung von Müllers „Anatomie Titus“ kommt das Gespräch schon jetzt immer wieder auch auf „Tristan und Isolde“. Wird das Landestheater doch im Herbst 2018 die Bayreuther Kultproduktion wieder auf die Bühne zurückholen und neu zur Diskussion stellen.

Großer Wurf, mit Reibungen

Wagners Musik hat in der oberösterreichischen Landeshauptstadt eine lange Tradition. Und so war dann auch eine der ersten Produktionen, die man ab 2015 im neu eröffneten Musiktheater am Volksgarten präsentierte – einem der modernsten Opernhäuser Europas –, gleich die monumentale „Ring“-Tetralogie. Ähnlich groß ist der Run auf die Karten bereits jetzt wieder beim von GMD Markus Poschner am Pult betreuten neuen/ alten „Tristan“. Realisiert wird die Produktion übrigens als Koproduktion mit dem Opernhaus von Lyon, wo Stephan Suschke die Inszenierung 2017, fast ein Vierteljahrhundert nach der Bayreuther Premiere, mit einer neuen Generation von Wagnersängern wiederbelebt hatte. „Als die Anfrage von Intendant Serge Dorny kam, war meine spontane Reaktion erst einmal Unglauben. Aber ich fand es dann andererseits auch sehr spannend, so noch einmal überprüfen zu können, wie sich Heiner Müllers Vision heute behauptet. Nicht nur auf DVD, sondern tatsächlich auf einer Bühne. Schließlich haben sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer extrem verändert.“
Für den Regisseur ist das Projekt eine spannende Gratwanderung, getreu der alten Übersetzer-Regel „So wörtlich wie nötig, aber so frei wie möglich“. Denn auch, wenn es das Regiebuch und die vom Meister noch selbst beaufsichtigte Fernsehaufzeichnung gibt, wollte man die Sänger keineswegs nur festgelegte Gänge auf der Bühne nachstellen lassen, sondern ihnen die Ideen Müllers vermitteln, um ein ebenso glaubwürdiges wie lebendiges Kunstwerk zu zeigen. „Es hat mich früher schon immer wieder fasziniert zu lesen, dass wir bei den Wiederaufnahmen in Bayreuth nach Müllers Tod gewisse Dinge geändert hätten. Denn wenn man sich die DVD anschaut, gab es den berüchtigten Kuss, den mir die Presse als Verwässerung angelastet hat, schon immer. Aber Darsteller wachsen eben auch in ihren Rollen, wodurch eine Inszenierung sich im Laufe der Jahre verdichtet.“
Eine feste Größe war natürlich auch das Ausstattungsteam. Wobei vor allem die Zusammenarbeit zwischen Erich Wonder und Heiner Müller für Suschke in dieser Produktion ihren absoluten Höhepunkt erreicht hat, die ihre visuelle Kraft vor allem aus Reduktion und Klarheit zieht. „Müller war ein sehr ehrgeiziger Künstler, der immer etwas Besonderes abliefern wollte. Und eine Oper war da für ihn natürlich eine unglaubliche Herausforderung, weil er ja vor allem vom Text kam. Wir sind jeden Tag um sechs Uhr früh aufgestanden, um die Proben vorzubereiten und so den Vorsprung auszugleichen, den die Sänger in musikalischer Hinsicht hatten.“ Dass dies nicht immer ganz ohne Reibung ablief, dürfte Opernfans noch gut im Gedächtnis sein. Doch auch, dass dem Team damals mit vereinten Kräften schließlich ein großer Wurf gelang, der die beiden Rollendebütanten Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem für eine ganze Generation von Wagnerfans zum Inbegriff des tragischen Liebespaares machte. „Gerade den dritten Akt habe ich selten so intensiv auf einer Bühne erlebt. Ich denke, das Musiktheater ist etwas, das Heiner Müller sehr entsprach, speziell dieses Werk mit seiner großen Tragik. Und wenn er länger gelebt hätte, wäre da sicher noch mehr gekommen. Es gab zum Beispiel ein festverabredetes Libretto für eine Oper, die Boulez komponieren und Barenboim an der Berliner Staatsoper dirigieren wollte.“ So aber bleibt uns als lebendes Dokument nur dieser „Tristan“.

www.landestheater-linz.at

Richard Wagner: „Tristan und Isolde“
Originalproduktion Bayreuther Festspiele
1993
Musikalische Leitung: Markus Poschner
Regie: Heiner Müller
Szenische Leitung: Stephan Suschke;
mit Bökel, Kremer, Nekel, Lerner, Bruckner Orchester Linz
Premiere:
15.9. 2018, weitere Termine: 23./30.9.,
7.10., 4.11., 22./25.12., 6.1., 3./10.2.


Heiner Müller

Mit Stücken wie „Hamletmaschine“, „Quartett“ oder „Germania Tod in Berlin“ zählt der 1929 in Sachsen geborene Heiner Müller zweifellos zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. Eng verknüpft ist sein Name dabei vor allem mit dem Berliner Ensemble, wo er in den 1970er Jahren zunächst als Dramaturg engagiert war und später 1992 die Intendanz übernahm, die er bis zu seinem Tod 1995 innehatte. Neben der Zusammenarbeit mit Regie-Größen wie Matthias Langhoff oder Ruth Berghaus begann Müller Ende der 1980er, auch selbst zu inszenieren. Seine Deutung von Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ steht bis heute auf dem Spielplan des BE.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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