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Weihnachts-CDs

Alle Jahre anders

Mögen Sie’s lieber altdeutsch verinnerlicht oder amerikanisch zuckersüß? Zu haben ist alles. Ein rein subjektiver Wegweiser durch die Weihnachtsneuheiten.

Es ist ein Kreuz mit der Weihnacht. Der Widerwille, den die viel zu früh und aggressiv positionierten Süßigkeiten auslösen, schlägt an einem bestimmten Punkt, zu dem kalte Witterung, Wehmut und Weihnachtsgewürze in Balance beitragen, in festlich grundierte Sehnsucht um. Die inneren Bilder, die sich zum Weihnachtsfest einstellen, sind natürlich höchst individuell, und entsprechend breit gefächert ist das Sortiment an Musik, womit sie sich wahlweise hervorrufen, zart unterstützen oder lustvoll kontrastieren lassen.
Am Anfang war das Weihnachtslied, und natürlich gibt es auch Neuheiten, die sich darauf in reiner Form besinnen. Im viel beachteten Lieder-Projekt widmet man sich nun nach Wiegen-, Volks- und Kinderliedern auch dem Weihnachtslied, schlank und anrührend vorgetragen – und das gleich auf zwei Doppelalben. Noten zum Selber- oder Mitsingen dazu gibt’s im Carus-Verlag, denn das ist ja das eigentliche Anliegen der Initiative („Weihnachtslieder Vol. 1 & 2“, je 2 CDs, Carus/Note 1). Ganz auf den traditionellen Knabenchorklang setzen zwar die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, peppen ihre geschmackvolle Liedauswahl aber zusätzlich mit Schlaginstrumenten wie Becken und Marimbafon auf. Da stellt sich keine falsche Rührseligkeit ein („Machet die Tore weit“, SACD, MDG/Codaex). An die Wurzeln der Weihnachtslieder in der Renaissance begibt sich „Stimmwerck“ mit beeindruckend ausbalanciertem, schlankem Ensembleklang (Weynacht Gesaenge: Christophorus/ Note 1).
Für wen Johann Sebastian Bach als Klassiker der Weihnachtsmusik so unverzichtbar ist wie der Gänsebraten, greift alljährlich zum Weihnachtsoratorium. Einen straff musizierten, unaufgeregten neuen Mitschnitt aus der Dresdner Frauenkirche legen deren „Hausmusiker“ unter Matthias Grünert vor (Kantaten I– VI, 2CDs, Berlin Classics/edel), auf die ersten drei Kantaten, dafür mit erlesener Stimmkultur bei Chor wie Solisten, konzentrierte sich für diesmal der Windsbacher Knabenchor unter Frieder Bernius (Kantaten I–III, Sony). Das übrige Kantatenschaffen Bachs rund um den Weihnachtsfestkreis ist trompetensatt und genauso hörenswert, und das gilt vor allem für die überwiegend referenzsetzende Einspielung des Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner. Das Label Soli Deo Gloria hat jetzt 6 CDs der Bach-Pilgerreise Gardiners zu einer Box geschnürt, die sich auch Hirten leisten könnten (Cantatas For Christmas, 6 CDs, SDG/ harmonia mundi).
Auch abseits des Thomaskantors ist Barockmusik Garant für festliche Stimmung. Drei Einspielungen vermeiden die ausgetretenen Wege. Weihnachts-Arien und -Konzerte von Telemann, Schmelzer, Schein und Zelenka haben Tenor Hans Jörg Mammel und L’arpa festante wiederbelebt. (Uns ist ein Kind geboren, Carus/Note 1). Eine venezianische Weihnachtsfeier in prachtvoller Mehrchörigkeit lassen Roland Wilson und La Capella Ducale wieder auferstehen (Christmas In Venice, dhm/Sony), während das Barocktrompeten Ensemble Berlin unter Johann Plietzsch den englischen Königshof mit vergoldeten Christmas Carols schmückt (The King’s Christmas: raumklang/Note 1).
Kommen wir zur Zuckerwatte: Wenn es immer dieselben Weihnachtslieder gibt, müssen immer andere Leuten sie singen. Dass das schon immer so war, zeigt die Archiv-Arbeit der Deutschen Grammophon. Auf drei CDs hat sie alte Weihnachtsplatten der Jahre 1952–1966 ans Licht geholt: Eine schaurig-schöne Mono- Mischung aus Bach-Orgelchorälen und Singkreis assistiert den damaligen Stars Fritz Wunderlich und Hermann Prey beim Einheizen (Christmas – The Original Masters, DG/Universal). Für ihr Best-of-Weihnachtsalbum des Jahres 2012 schickt die Grammophon Anna Prohaska, Adoro, Daniel Hope und Albrecht Meyer Seit an Seit mit den Augsburger Domsingknaben ins Rennen. Die Edelknödel des Männerquintetts sind überflüssig, ansonsten lässt dieses Album ordentlich das Lametta knistern (Frohe Weihnachten, DG/Universal). Für die ganz Unerschrockenen lässt sich die Interpreten- Riege noch um James Last und Hansi Hinterseer erweitern. Der Sampler klingt wie eine Schwarzwälder Kuckucksuhr auf Weihnachtslikör und spricht ironiebegabte jüngere oder die ganz alten Hörer an („Weihnachten in deutschen Stuben“, DG/Universal). Neue Arrangements für stimmungsvolle Weihnachten verspricht die CD eines Hamburger Klassik-Privatsenders. Das London Chamber Orchestra spielt historisierend karajanesk, der Klang ist aller Hochtöne beraubt und in Watte verpackt, aber der Edelgattin soll ja auch nicht der Zahnersatz in den Bünting-Tee fallen (Midwinter, Sony). Weit mehr Mut bewies seinerzeit Eugene Ormandy. 1962 bestellte er für sein Philadelphia Orchestra Arrangements bei Arthur Harris, die als Finale großen Hollywoodschinken zur Ehre gereicht hätten. Die liebevollen Bearbeitungen, fast sämtlich mit Chor und Glockengeläut, bereiten viel Vergnügen beim Anhören. Unser Geheimtipp! (The Glorious Sound Of Christmas, Sony).
Noch ein Blick zum Jazz: Bereits zum dritten Mal lud der schwedische Posaunist Nils Landgren seine Freunde zur musikalischen Weihnachtsfeier, und dennoch sind ihnen genug alte und neue Titel für ein weiteres flauschig-wohliges Jazz-Album eingefallen (Christmas With My Friends III: ACT/edel ).

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2012



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