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(c) Kaupo Kikkas

Niklas Liepe

Saitensprung durch die Epochen

Ein junger Geiger lässt bekannte Begleitstimmen der 24 Paganini-Capricen für Orchester setzen. Und die noch fehlenden neu komponieren.

Das Unterfangen ist – gelinde gesagt – ziemlich gewagt. Da kommt ein reputierlicher Geiger daher, wahrlich noch kein big name im Violin-Himmel, und nimmt nicht allein alle 24 Capricen von Niccolò Paganini auf – was ja an sich schon nicht ohne wäre. Nein, er will sie auch noch aufführbarer machen, vor allem als Ganzes im Konzert. Und lässt sie neu orchestrieren. Das haben andere auch schon versucht, aber keiner schaffte es so variantenreich wie jetzt Niklas Liepe.
Der eben 28-Jährige mit dem glatten, offenen Gesicht fand diverse Verbündete für sein so mutiges wie kurioses, aber eigentlich ziemlich folgerichtiges Unterfangen: Komponisten, die dabei selbstlos mitwirken wollen, sich dem Idiom Paganinis anpassen müssen, auf dass ein vernünftig tönendes, abwechslungsreiches Ganzes entstünde. Er fand auch einen willigen Dirigenten samt Orchester; Veranstalter, die das spannend genug für einen Live-Auftritt fanden; ja, und sogar eine Plattenfirma, die dieses „New Paganini Project“, so der schnittig englische Titel, auch festhalten wollte.
„Ich bin von der einzigartigen Kombination aus extrem hoher Virtuosität und erstaunlicher musikalischer Vielfalt immer schon begeistert gewesen“, so tastet sich Niklas Liepe im Interview an die Darstellung seiner Beweggründe heran. „Schon früh gab es ja auch längst historische und in die Aufführungsgeschichte eingegangene Bearbeitungen, wie etwa die von Robert Schumann für Geige und Klavier. Und sogar einige komplette Orchestrierungen finden sich, aber die haben mich freilich nicht überzeugt.“ Dabei habe er es immer sehr bedauert, dass die Capricen im Konzertleben nicht den Platz einnehmen konnten, der ihnen seiner Meinung nach zusteht. „Sie sind sehr viel mehr als nur ‚technische Studien‘ “, findet Liepe, „jede von ihnen ist bis zum heutigen Tage für uns Geiger ein kleines Juwel geblieben. Die wir in Teilen früh lernen aus pädagogischen Gründen, zu denen man aber gerade deswegen auch eine sentimentale Beziehung entwickelt. Diesen kleinen Juwelen eine neue ,Fassung und Feinschliff‘ in Gestalt einer sinfonischen Begleitung zu ermöglichen, das ist im Wesentlichen die Idee und Intention meines Projekts.“

Teufels Geiger

Hätte Niccolò Paganini jemals seine immer wieder angekündigte Violinschule geschrieben, vielleicht könnte man diesen geheimnisumwobenen Komponisten heute besser verstehen. Er sei vom Teufel getrieben, hieß es, und Frauen seien in seiner Gegenwart in Ohnmacht gefallen. Goethe schrieb, er habe angesichts des Italieners nur eine „Flammen- und Wolkensäule“ gesehen. Heinrich Heine erkannte „unauslöschliche Zeichen von Kummer, Genie und Hölle“. Das diabolische Moment ist auch bei den zwischen 1802 und 1817 verfassten und 1820 uraufgeführten 24 Capricen nicht zu überhören, und auch das unglaubliche Staunen ob der für das Spiel nötigen Fingerfertigkeit verleiten dazu. Und trotzdem: Erstaunlich viele Geiger von Rang wollten und haben diesen Olymp bestiegen.
Unter die sich jetzt, kess und mit Chuzpe, auch Niklas Liepe einreiht, begleitet von der frisch vorwärtstürmenden Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern unter dem motivierenden Gregor Bühl. Die erstaunliche Leichtigkeit, mit der er selbst die übermenschlichen Ansprüche einiger Nummern meistert, qualifiziert ihn zur Darstellung des gesamten emotionalen Spektrums, von technischer Anstrengung keine Spur. Dafür viel Schwermut und Lebensfreude, kraftvolles Selbstbewusstsein und spritziger Witz.
Zu denen, die den Paganinis nun ein neues Klaggewand verleihen, zählen Fazıl Say, Andreas Gömmel, Henrik Albrecht, Gérard Tamestit, Peter Wesenauer, Benjamin Scheuer und Martin Messmer, um nur einige zu nennen. Und Andreas N. Tarkmann, der neben einer eigenen Version auch die historischen Fassungen von Robert Schumann, Jaques Thibaud, Fritz Kreisler, Adolf Busch und Karol Szymanowski für das Projekt neu orchestrierte.
Man musste sich hier quasi als Künstler klein machen, um die Violinstimme herumkomponieren. Was einigen Angefragten dann doch nicht schmecke, weshalb sie sich aufgrund fehlender Autonomie wieder zurückzogen. Andere fanden Wege, sich gegen das Material zu sträuben, haben ihren Paganini rhythmisch verfremdet, ihn in ein neutönerisches Umfeld entführt; andere wiederum beschworen einfach nur virtuos den Zauber vergangener Klangzeiten herauf. Dann wieder landet Paganini plötzlich im Jazz-Club und sogar auf dem Latino-Tanzboden. Die besondere Herausforderung an die bearbeitenden Komponisten war dabei, dass am Ende das Orchester nicht lediglich in Begleitfunktion verharrt, sondern ein neues, hochkarätig vielschichtiges Kompendium auf Basis von Paganinis’ Capricen entsteht. So lassen kompositorische Unikate die scheinbar vertrauten Werke musikalisch noch einmal neu aufscheinen.
Mal mutet es wie eine elektrisierende Filmmusik an, mal erklingt die Solovioline ergreifend vor einem flächigen Klangbild, mal verschwimmt sie mit den orchestralen Klangfarben wie in einem Aquarell. Auf die Spitze treibt es sicherlich die „Transformation Concertante“ von Gérard Tamestit auf Basis von Caprice Nr. 4, in der Niklas Liepe seine romantische Intonation gegen ein atonal- dissonantes Störfeuer behaupten muss.

Neu erschienen:

The New Paganini Project

Niklas Liepe, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern, Gregor Bühl

Sony


Tanz auf dem Stahlseil

Technisch gehören die 24 Capricen zum Schwierigsten, was für die Geige komponiert wurde. „Dedicati agli artisti“ – „den Künstlern gewidmet“ schrieb Paganini auf das Deckblatt seines Opus 1. Wer sie spielen will, muss etwas von seinem „Handwerk“ verstehen. Die Capricen sind kurz, zum Teil dauern sie keine zwei Minuten. Wurden sie als Übungsstücke komponiert? Als Etüden? Jede von ihnen hat ihre eigenen technischen Schwierigkeiten, behandelt einen geigerischen Aspekt, aber auch einen eigenen Charakterzug. Sie sind alle sehr gut geeignet, um gewisse technische Anforderungen zu üben. Aber sie nur als Etüden zu bezeichnen, wird ihrem Charme und ihren Eigenarten beileibe nicht gerecht.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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