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Doktor Stradivari

Folge 29: Der Schuss im Scherzo

Der zweite Satz begann, und niemand ahnte, was geschehen würde. Doktor Stradivari hatte die Augen geschlossen und genoss die virtuosen Klavieroktaven des Scherzos. Horn und Violine setzten im Forte ein. Dann sank die Musik wieder ins Piano zurück. Da peitschte ein Knall. Der Doktor sah, wie auf der Bühne der Oberkörper des Pianisten Benno Gräfel nach vorne fiel. Die anderen Musiker brachen erschrocken ab. Eine Sekunde lang herrschte Stille im Saal – dann brach Panik aus … „Ich weiß, Sie haben nichts gesehen“, sagte Hauptkommissar Reuter später zu Stradivari, „aber ich bin sicher, Sie können uns auch diesmal helfen, den Fall zu klären.“ „Ich wüsste nicht wie“, gab der Doktor zurück.
„Wir haben einige Erkenntnisse“, erklärte der Kripobeamte. „Der Mörder muss sich neben der Bühne aufgehalten haben. Er ist nach der Tat unerkannt durch den Hinterausgang geflohen. Er hat eine Pistole benutzt. Leider haben wir sie bis jetzt nicht finden können.“ „Das klingt aber nicht erfolgversprechend.“
„Warten Sie ab. Benno Gräfel hatte Beziehungen zu zwei verheirateten Frauen. Ihre Ehemänner geben sich gegenseitig Alibis. Wir glauben, dass es einer von den beiden war. Beide haben Gräfel schon einmal bedroht, und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Gestern bekam er eine anonyme Mail, die über einen südamerikanischen Server ging. Darin steht sinngemäß, dass er an der so genannten ‚Volksliedstelle‘ sterben würde.“ „Ich verstehe“, meinte Stradivari. „Das ist interessant.“
„Allerdings“, sagte Reuter. „Der Mord geschah ja im zweiten Satz, im Scherzo. Ich habe mich genau informiert.“ Er las Notizen von einem Block ab. „Im Scherzo des Horntrios von Brahms erklingt ein Volksliedzitat. Das Thema ähnelt der Melodie des Liedes ‚Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein‘.“ Der Doktor nickte. „Das ist vollkommen richtig.“ „Nicht wahr?“, rief Reuter enthusiastisch. „Das gibt uns den entscheidenden Hinweis. Die beiden Verdächtigen heißen Rolf Peters und Siegfried Rheintaler. Peters hat immer wieder Ärger mit seiner Frau, weil sie klassische Konzerte liebt, er aber mit dieser Musik gar nichts anfangen kann. Rheintaler aber ist selbst Pianist, er war sogar Gräfels Schüler. Peters hat keine Ahnung von Klassik, er hätte die Volksliedstelle gar nicht erkannt. Rheintaler dagegen ist ein Fachmann. Er muss also der Mörder sein. Und wahrscheinlich hat er auch die Mail geschickt.“
Stradivari hob die Augenbrauen. „Was die Mail betrifft, kann ich nichts sagen. Aber ich denke, Sie haben Unrecht. Sie sollten Peters überprüfen. Nach dem, was Sie mir berichtet haben, kommt er als Mörder eher in Frage.“

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Auflösung aus Magazin 5/2017:

An Rekonstruktionen und Zufallsfunden rund um Mozarts „Requiem“ ist seit seiner Komposition kein Mangel – einzig das bei der Weltausstellung von Brüssel 1958 herausgerissene Eckchen mit Mozarts letztem handschriftlichem Eintrag wird wohl auf ewig abgehen. Aber was auch immer Theo Süßmayr da ausgegraben hat – es kann kein neuer Teil von Mozarts Totenmesse gewesen sein. Zwar sind auch dort zwei Trompeten besetzt, aber in der Liturgie des Requiems tritt eben anstelle des „Gloria“ die Sequenz „Dies Irae“ über den Tag des Jüngsten Gerichts. Ein Musikforscher wie Professor Ritter hätte das gewusst – und für eine falsche Totenmesse keinen echten Mord riskiert!


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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