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Weihnachtsneuheiten

Endlich Alternativen

Welche CD gehört unter den Weihnachtsbaum? Und zu welcher Musik schmückt man ihn am beschwingtesten? Wir haben die Neuheiten für Sie durchgehört.

Zumindest im Bereich der Tonträger kann man mit Fug und Recht sagen: Weihnachten bringt allen was. Ob Freunde anspruchsvoller Chorprogramme, Liebhaber des Traditionellen, Befürworter des Orchestralen oder Experimentierfreudige – für jeden findet sich die passende Weihnachtsüberraschung. Außer für Verwöhnte, aber denen lassen sich vielleicht mit schlichter Überwältigung Tränen der Rührung entlocken (siehe S. 27).
Fangen wir bei den Chor-Alben an: Wer sich seit dem Spätsommer Regalen voller Schokoladennikolausarmeen gegenübersah, die in unseren Tagen nicht mehr als Bischof, sondern in merkwürdiger Personalunion mit dem Weihnachtsmann rot-weiß angeboten werden, fängt vielleicht überschlagsartig mit Kalorienzählen an. Dabei gibt es betörende Alternativen, etwa das kalorisch irrelevante Officium des Heiligen Nikolaus, das La Reverdie unter Roberto Spremulli präsentiert – eine Adventsliturgie aus ruhiger, suggestiver Gregorianik, früher Polyphonie und Psalmen (Arcana/ Note 1). Die Weihnachtsgeschichte schreitet das Theatre of Voices unter Paul Hillier ab, allerdings anhand von Dietrich Buxtehude und seiner Kollegen. Zum gewohnt makellosen Chorklang tritt ein warm- silbriges Streicherensemble – festlich und fantastisch! Unsere Platte zum Baumschmücken („In Dulci Jubilo“; DaCapo/ Naxos).
Gleich zwei Versionen von Johann Sebastian Bachs „Magnificat“ gibt es neu zu entdecken. Die Senkrechtstarter von Vox Luminis unter Lionel Meunier (Alpha/Note 1) liefern eine erstaunlich tieftönige, legierte, in den Tempi durchbuchstabierte Version ab, John Eliot Gardiner dazu konträr eine helltönige, rasche, fast spröde (dafür die originale Es-Dur- Fassung, mit Weihnachtseinschüben; SDG/ hm).
Der a-capella-Frauenchor Schwesterhochfünf taucht seine Adventslieder lieber ins Licht überwiegend gelungener zeitgenössischer Arrangements – klar, frisch, kühl wie Tannennadelwinterluft (Rondeau/Naxos). In scharfem Gegensatz dazu, wenn auch auf höchstem Niveau, zelebriert der Choir of Merton College Oxford seine „Holy Night“ – viel Rutter, schwelgender Chorklang, britisches Repertoire. Fehlen nur noch Tee, Shortbread und ein Kamin! (Delphian/ Naxos).
Wir kommen in seichteres Fahrwasser, was nichts Schlechtes sein muss. Die Arrangements der „Christmas Treasures“ des Boston Pops Orchestra klingen alle, als hätten sie rote Backen und unverwüstliche Laune (Sony). Der Klang lässt aber auf ein paar Gläschen Punsch beim Tonmeister schließen. Besser gefällt uns das „Christmas Festival“ des Royal Scottish National Orchestra, das neben Hits der leichten Weihnachtsmuse auch einen „jungen Österreicher beim Jodeln“ zeigt. Herrlich! (Linn/Naxos). Im Vergleich der Orchesterplatten fällt besonders auf, welch kneifzangig-festliche bis süßlich- andächtige Prägung Weihnachten hierzulande noch immer hat. Karajans Ausflüge in die Alte Musik kann man nur als historischen Irrtum bezeichnen (Berliner Philharmoniker – Christmas Album Vol. 2; DG/Universal). Dann schon lieber das „Festliche Adventskonzert“ aus der Dresdner Frauenkirche: Immerhin ist das Gulasch aus Mendelssohn-Sinfoniesätzen, Schubert-Magnificat und Weihnachtsliedern, bunt abgemischt mit Starauftritten von Sonya Yoncheva und Regula Mühlemann, musikalisch- handwerklich zweifelsfrei (Sony).
Lust auf was Neues? Dann hören Sie unbedingt in die „Christmas Piano Music“ hinein. Klingt grauenvoll, aber denkste: Trüffelschweinchen Peter Froundjian spielt ebenso Unerhörtes wie Originelles von Busoni, Hartmann, Nielsen, Bax, Inghelbrecht und Koechlin – eine diskografische Sensation! Mit etwas mehr Pfeffer gespielt, dann wäre das Glück perfekt (Sony).
Last, but not least ein bisschen Hausmusik: Das Ensemble Resonanz hat Bachs Weihnachtsoratorium als Kammermusik besetzt, sowohl mit Pauken und Trompeten als auch E-Gitarre und Vintage Keyboards. Das Ergebnis ist respektvoll und zugleich ein toller Ohrenöffner ( Abonnenten- CD: Track 18; Resonanz/hm). Und damit geben wir ab zum Glühweinstand – Prost!

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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