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Christian Gerhaher

„Im Konzert bin ich Zuhörer“

Er ist der führende Lied-Bariton unserer Tage und einer, der angenehm distanziert auf die Opernbühne und den Klassikbetrieb blickt. Gerhaher spricht einfach Klartext. Von Stefan Schickhaus

RONDO: Für einen Sänger, der eigentlich keine Oper mag, trifft man Sie recht häufig in Opernhäusern an. Alleine in Frankfurt haben Sie in den letzten zehn Jahren so unterschiedliche Partien wie Monteverdis Orfeo, Wagners Wolfram, Strauß’ Eisenstein und Debussys Pelléas gesungen. Ist Oper doch nicht so schlimm?

Christian Gerhaher: Wer sagt denn, dass ich keine Oper mag? Es stimmt, dass es nicht allzu viele Partien für mich gibt, die ich singen kann. Und auch das stimmt: Was ich nicht so sehr mag, ist Oper als ein abgekartetes Spiel.

RONDO: Aber das ist sie doch immer.

Gerhaher: Im Sinne einer verabredeten Illusion, ja. Aber was ich meine: Wenn ein gewisser Chic vergangener Zeiten dort noch immer Platz hat, ist mir Oper in der Tat fremd. Wenn man versucht, Opernstoffe mit Gewalt in die heutige Zeit zu übersetzen und dem Publikum nicht zutraut, einen alten Stoff heute zu begreifen. Der Mensch ist ein in Historie befangenes Wesen – warum soll man ihm keinen historischen Kontext zumuten? „Museal“ ist heute oft ein Schimpfwort, ich weiß, aber ich finde „museal“ völlig akzeptabel und richtig. Und auch Oper als Abfolge rein unterhaltsamer Nummern ist mir wirklich etwas Fremdes.

RONDO: Also die Operette? Ausgerechnet ein Zigeunerbaron in Würzburg war 1998 ja Ihr erstes Bühnenengagement.

Gerhaher: Ja, die Operette ist mir sehr verhasst, und der Zigeunerbaron tut heute noch weh. Die Fledermaus dagegen tut nicht weh, denn die hat sich selbst zum Thema und ist in allem anspruchsvoll.


RONDO: Die vier Frankfurter Partien, die ich gerade genannt habe: Welche ist denn die genuine Gerhaher-Partie? Wo haben Sie sich am wohlsten gefühlt? Mit dem Wolfram. Weil Sie da viele der rollenden „r“s zu singen haben, die Sie als Bayer ja so gut können?

Gerhaher: Mein Bayerisch ist leider nicht so ausgeprägt, dass mir das in die Wiege gelegt worden wäre. Ich musste mir das „r“ erst antrainieren. Der Wolfram liegt mir stimmlich einfach ideal, während die anderen drei fast Tenor-Partien sind. Ich schaffe die, aber mit Anstrengung. Wobei es schon auch eine lange Tradition gibt, dass den Eisenstein und den Pelléas ein Bariton singt.

RONDO: Im Opernfach sind Sie ein lyrischer Bariton mit gelegentlichen Ausflügen ins Kavalieroder Charakterfach. Haben Sie einen Masterplan, wo das hinführen wird?

Gerhaher: Wenn ich so etwas früher einmal hatte, konnte es nur auf Unwissenheit beruht haben. Meine Vision ist eher, noch mehr Liedrepertoire für mich zu erschließen, vor allem das französische. Fauré, Debussy und Berlioz würden mich da sehr interessieren. In der Oper gäbe es eine faszinierende Rolle, die ich aber wohl nie singen werden kann, nämlich den Hans Sachs. Weil diese Rolle etwas Kommentierendes hat, etwas Außenstehendes. Diese Distanzhaltung zum Geschehen käme mir jedenfalls entgegen.

RONDO: Findet sich da eine Parallele zum Künstler Christian Gerhaher? Empfinden Sie Distanz halten können als eine Tugend im klassischen Konzertund Opernbetrieb? Sie sind ja ein Mensch, der Dinge durchaus kritisch und pointiert betrachtet.

Gerhaher: Die Schwierigkeiten und Zweifel, die Sänger haben, sind doch bei allen ziemlich ähnlich. Aber jeder geht unterschiedlich damit um. Der eine gibt die Diva, der andere den Intellektuellen wie ich, der dritte ist der Rebell. Ich habe mir diese Rolle nicht bewusst ausgesucht, ich bin ja auch nicht der Intellektuelle. Aber ich bin sicher einer, der sich gerne von Dingen distanziert. Denn Distanz ist eine immer hilfreiche Haltung auf der Bühne. Totale Identifizierung ist nicht mein Ziel in der Oper und weniger noch im Lied, denn dort gibt es keinen Protagonisten, kein Schauspiel. Vielmehr geht es da um lyrische Ansichten, die mit dem Publikum mehr oder weniger teilbar sind.

RONDO: Sie sind also beim Liederabend nicht der Müllersbursche, sondern der Christian Gerhaher?

Gerhaher: Und ich bin Zuhörer, viel mehr als man es denkt. Als würde über dem Konzertsaal eine Diskokugel hängen: Jeder sieht etwas, aber jeder ein wenig anders. Ich bin da nur einer unter ihnen.

RONDO: Gerade haben Sie Ihre erste Opern-Solo-CD aufgenommen: Arien aus deutschen Opern der Frühromantik. Mit Ausnahme von Wagners „Tannhäuser“ sind das alles Raritäten. Wie kam es zu dieser Auswahl?

Gerhaher: Vor vielleicht sieben Jahren habe ich begonnen, mich in diesem Repertoire zu orientieren und war mir schnell sicher, dass ich die allgemein als so gelungen geltenden Opern von Lortzing und Marschner nicht ertragen kann, denn da wird die Romantik in ihrer Substanz aufgeweicht. Was mich dagegen besonders bewegt, sind die musikdramatischen Versuche von Schubert und Schumann, weshalb der Schwerpunkt der CD auf diesen beiden liegt.

RONDO: Wobei deren Opern auf der Bühne ja doch eher wenig szenische Kraft entwickeln.

Gerhaher: Es stimmt, oft fehlt die Entwicklung. Aber die einzelnen Szenen an sich sind gut, in ihnen steckt wahnsinnig viel Drama. Die Szene aus Genoveva etwa, die wir aufgenommen haben, ist so bestechend dicht, plastisch und dramatisch, wie ich es aus keiner anderen Oper kenne. Besser geht’s nicht. Dass eine Oper wie diese nicht aufgeführt wird, dafür aber so schreckliche Dinge wie Wagners Rienzi oder Das Liebesverbot kann ich nicht verstehen.

RONDO: Ist die Auswahl eine Art Visitenkarte: Seht her, Ihr Damen und Herren Intendanten, das könnte ich mir vorstellen demnächst in Ihrem Haus zu singen?

Gerhaher: Nein. Ich möchte jetzt nicht unbedingt den Froila aus Schuberts Alfonso und Estrella auf der Bühne singen. Ich mache mich lediglich dafür stark, Meisterwerke als solche zu honorieren. Einen Lysiart in Webers Euryanthe kann ich ohnehin niemals singen. Die Musik ist grandios, die Partie aber alles andere als mein Fach. Das geht nur als Studioproduktion.

RONDO: Zu Beginn Ihrer Karriere machten Sie einige Aufnahmen mit Originalinstrumente-Orchestern, so einen Freischütz mit der Cappella Coloniensis. Hat sich Ihr Klang- und Stilideal davon wegbewegt? Jetzt spielt zu den eher schlank zu besetzenden Schubert-, Nicolai- und Weber-Opern das Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding.

Gerhaher: Die Frage ist vielleicht berechtigt. Allerdings ist dieses Orchester stilistisch zu fast allem fähig. Das Orchester setzt nie auf Wucht, immer auf Durchhörbarkeit. Eine solche Platte mit diesem Orchester aufnehmen zu dürfen ist mehr als Luxus.

Robert Schumann, Franz Schubert, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai

Romantische Arien

Christian Gerhaher, Daniel Harding, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Sony


Schubert auf der Opernbühne

Franz Schubert blieb zu Lebzeiten als Opernkomponist glücklos, obwohl er mehr als ein Dutzend Werke für das Musiktheater schrieb. Überraschend bekannt wird aber auch dem, der noch nie eine Schubert-Oper auf der Bühne gesehen hat, auf dem neuen Gerhaher-Album die Arie „Der Jäger ruhte hingegossen“ aus Alfonso und Estrella vorkommen. Schubert lieh sich aus seiner 1821/22 entstandenen „großen heroisch-romantischen Oper“ eine Melodie für das Winterreise-Lied „Täuschung“ aus. Auch thematisch gibt es dabei Parallelen zwischen Arie und Lied: Hier wie dort führt ein Irrlicht bzw. eine Spukgestalt einen Suchenden tief in die schwarze Nacht.


RONDO Ausgabe 6 / 2012



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