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(c) Thomas Aurin

Zeigefingerndes Leerstück: Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“

Stuttgart, Oper

So viel Aufmerksamkeit um eine Nicht-Inszenierung war selten. Die Russen haben mit ihrer Strafrechtswillkür doch ganze Arbeit geleistet: Jetzt kennen den Namen des arretierten Kirill Serebrennikov sehr viel mehr Menschen als zuvor. Und an der Stuttgarter Oper, wo man als starkes, künstlerisch notgedrungen schwaches Zeichen seine nicht fertige Humperdinck-Inszenierung trotzig zur Premiere brachte, ist er zumindest ein Hausheiliger. Jedenfalls erhoben sich zum schon stückimmanent schal schmeckenden „Hänsel und Gretel“-Happy-End die Schwaben, um zwei angereisten schwarzen, möglicherweise echt armen Kinder aus Afrika als filmischen Hauptdarstellern zuzujubeln.
Serebrennikov wollte die Grimm-Fabel aus dem deutschen Märchenwald ins Elefantengras von Ruanda verlegen, echten Hunger suchen, wohingegen auf deutschen Bühnen selbst die Weihnachtsopernpremiere gern mit ADS-Kindern, Substanzen schluckenden Subproletariern oder Hexen als konsumgeilen Supermarkt- Megären konzeptuell überfrachtet wird. Bei ihm freilich ist es nicht anders. Denn im Film, der über das auf der Bühne sitzende und wagnerprächtig aufspielende Orchester unter Georg Fritzsch projiziert wird, flimmern so poetische wie klischeesatte Arme-Leut’-Bilder aus Afrika, samt Voodoo- wie Völkermord- Erinnerungszauber. Nach der Pause geht es dann in die schwäbische Konditoreien-, Candy Store- und Sportgeschäft-Überfülle. Und am Ende, da stehen die Kinder dann in der Königsloge der Oper.
Soll aber die Hexe auftauchen, das Märchenböse, dann ist da nichts. Serebrennikov hat eine optische Leerstelle gelassen. Hier und an vielen anderen, nur gut gemeinten Stellen fehlt schmerzlich ein Profiregisseur. Der kann durch noch so viel Dramaturgen-Willen nicht ersetzt werden, und so gerät das Ganze nicht selten zum zeigefingernden Laientheater. Man will schließlich noch für das wirkliche Geschehen aufrütteln. Ein seltsamer Abend, getragen von einem hochmotivierten Ensemble, aus dem Esther Dierkes’ zartfrische Gretel heraussticht – und zwar nicht nur wegen ihres „Free Kirill“-Shirts.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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