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(c) Thomas Ramstorfer

Harald Krassnitzer

„Fernsehen bringt auch viel Schrott hervor“

Schauspieler Harald Krassnitzer ist vor Weihnachten in drei Musik-Lesungsprogrammen zu erleben. Denn Musik liebt er – so wie er Burschenschaften hasst.

RONDO: Herr Krassnitzer, Sie sind mit einem Wiener, einem Salzburger und einem bayrischen Lese- Programm unterwegs. Was sind Sie denn nun?!

Harald Krassnitzer: Ich stamme aus Salzburg. Da gibt es Insider, die können sogar das Pongauische streng vom Pinzgauischen im Verhältnis zum Flachgau unterscheiden. Was soll’s?!

RONDO: Beim „Salzburger Weihnachtssingen“ widmen Sie sich sogenannter „unverfälschter Volksmusik“. Wo verläuft die Grenze zur Musikantenscheune?

Krassnitzer: Der Unterschied ist beinahe so groß wie zwischen Beethoven und Helene Fischer. Mit der alten Volksmusik, um die es sich bei uns handelt, sind im Grunde uralte Traditionen gemeint, bei denen sich schon Mozart bedient hat. Da gibt’s keine Umtata-Rhythmen. Es spielt ein Quintett mit Bass, zwei Geigen, Hackbrett und Ziehharmonika. Dann komm ich.

RONDO: In „Wiener Melange“ wiederum lesen Sie Texte von Alfred Polgar, Thomas Bernhard und Helmut Qualtinger. Wer ist der Beste?

Krassnitzer: Leicht humorvoll sind sie alle. Bernhard ist der extremste. Polgar der sanfteste. Und Qualtinger der witzigste. Alle mit geschärfter Klinge.

RONDO: Sie sind durch Fernsehrollen bekannt geworden, haben aber auch „Faust“ und den „Hamlet“ von Heiner Müller gespielt. Wo?

Krassnitzer: Den Faust in Saarbrücken, die „Hamletmaschine“ in Salzburg an der Elisabethbühne, wo ich eine Ausbildung absolviert habe. Ich glaube, dass ich das Theaterspielen auch hätte fortsetzen können. Nur war ich dankbar, vom Theater wegzukommen. Im Elfenbeinturm zu brüten im Bewusstsein, das Zentrum einer Welt zu sein, kam mir doch arg vermessen vor. Ich fand’s blasphemisch.

RONDO: Glauben Sie, dass das Fernsehen besser ist?

Krassnitzer: Nein, nur handfester. Beim Fernsehen hatte ich das Gefühl, es hat mehr mit dem richtigen Leben zu tun. Ich sage nicht, dass das besser ist. Dazu bringt auch das Fernsehen zu viel Schrott hervor. Aber es hat mir die Möglichkeit eröffnet, relativ bunt unterwegs zu sein. Das genieße ich.

RONDO: Bei „Rauhnacht“, Ihrem dritten Programm, scheint es sich um eine Art bayrisches Halloween zu handeln!?

Krassnitzer: Nein. (lacht) Es handelt sich um einen Übergangsritus in den zwölf Nächten rund um Weihnachten. Eine Art Transformationsprozess, bei dem es wieder aufwärts und gen Frühling geht. Da balgen sich die Geister, vor allem die des Waldes. Auch diese Texte sind alt. Und haben eine erhebliche und schwere Tiefe.

RONDO: Sie werden auch als politischer Kommentator zu österreichischen Themen befragt. Woher kommt’s?

Krassnitzer: Mich interessiert’s. Wenn ich mir ansehe, wie sich die Bezirkshäuptlinge der SPÖ von der populistischen Rechten vor sich hertreiben lassen, dann macht mich das wütend. Das Erstarken der Burschenschaften, das jetzt in der österreichischen Politik zu beobachten sein wird, erschreckt mich. Das wäre in Deutschland nicht möglich, ohne dass ein Aufschrei durch das Land ginge.

RONDO: Ihr Vater war Schlosser, Ihre Mutter arbeitete in einer Süßwarenfabrik. Sie selber wirken sehr elaboriert. Eine Frage der Bildung?

Krassnitzer: Mein Bildungsweg war vorgezeichnet durch einen mehr proletarischen Hintergrund. Die höhere Schule kam nicht in Betracht. Dass ich nicht locker gelassen habe, zeigt vielleicht eher den pathologischen Anteil meiner Persönlichkeit. Ich konnte es nicht lassen.


carpeartem.de


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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