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(c) Matthias Creutziger

Osterfestspiele Salzburg

Schwung mitnehmen

Mit einem Ausflug zum italienischen Verismo starten die von Herbert von Karajan gegründeten Festspiele in ihre nächsten 50 Jahre.

Groß gefeiert wurde 2017 in Salzburg. Galt es doch, das 50-jährige Bestehen der 1967 vom legendären Herbert von Karajan ins Leben gerufenen Osterfestspiele zu zelebrieren. Hatte man dabei, dem Anlass programmatisch angemessen, Wagners „Walküre“ – als Neuinszenierung von Vera Nemirova im rekonstruierten Bühnenbild von Günther Schneider- Siemssen aus dem Gründungsjahr auf den Spielplan gesetzt, folgt nun 2018 als Gegengewicht wieder einer der großen Klassiker des italienischen Repertoires.
Aus seiner besonderen Affinität zur Musik des Verismo hat Dirigent Christian Thielemann nie einen Hehl gemacht und diese unter anderem auch in Salzburg bereits mit einer Aufführung des mitreißenden Doppels aus „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit Giacomo Puccinis „Tosca“ kommt nun erneut ein echter Opernkrimi auf die Bühne des großen Festspielhauses, der schon lange auf der Wunschliste des Künstlerischen Leiters steht. Dieser möchte sich als Dirigent keineswegs als reiner Wagner- Spezialist verstanden wissen. „Mich hat ‚Tosca‘ immer fasziniert, weil die Leidenschaften so ungezügelt sind. Irgendwie erinnert mich das an ‚Tristan und Isolde‘. Bei ‚Tosca‘ geht es aber noch mehr als beim ‚Tristan‘ ohne Umschweife zum Punkt. Alles ist so kondensiert. Es ist wirklich auch nicht ein einziger Moment überflüssig bei der Tosca.“
Zwar verzeichnet die Salzburger Festspielchronik wie im Fall der „Walküre“ auch bei Puccinis Dauerbrenner bereits einige prominent besetzte Aufführungen aus Karajans Zeiten. Doch haben Thielemann und die Sächsische Staatskapelle die Messlatte in den zurückliegenden Jahren vor allem selbst hoch angelegt. Für den Dirigenten bringt der Erfolg des Jubiläumsjahrs einen zusätzlichen Energiestoß. „Klar nimmt man diesen Schwung auch mit zur ‚Tosca‘. Auch weil wir – das Orchester und ich als Kapellmeister – uns im Großen Festspielhaus jetzt richtig zuhause fühlen. Wir haben inzwischen so viel Verschiedenes dort gespielt, ‚Arabella‘, ein wirklich schwieriges Stück, und dann ‚Die Walküre‘, die so sinfonisch ist, und die italienischen Opern, die wir gemacht haben. Da können wir an eine Aufgabe wie ‚Tosca‘ mit einer größeren Gelassenheit herangehen. Wir sind sozusagen schon gestählter.“
Die Osterfestspiele begrüßen nächstes Jahr aber nicht nur im Graben, sondern ebenfalls auf der Bühne den ein oder anderen vertrauten Künstler: Neben Regisseur Michael Sturminger (der nach seinem Einstand 2017 mit Sciarrinos Kammeroper „Lohengrin“ nun „Tosca“ im großen Haus inszeniert), kehrt auch Starsopranistin Anja Harteros (die gefeierte Sieglinde des Vorjahres) als Floria Tosca in einer weiteren Paraderolle nach Salzburg zurück, wo sie diesmal auf Aleksandrs Antoņenko als Cavaradossi und Ludovic Tézier als Scarpia treffen wird. Für Christian Thielemann ist vor allem seine Titelheldin eine absolute Idealbesetzung. „Anja Harteros hat eine unglaubliche Natürlichkeit, mit der sie die Rollen singt, die sie sich aussucht. Ich mag sie auch deshalb sehr, weil sie keine exaltierte Person ist, weder als Mensch, noch liebt sie das auf der Bühne. Opern wie ‚Tosca‘ oder ‚Madama Butterfly‘ können, wenn man outriert und sich gehen lässt, bis ins Lächerliche verzerrt werden. Und da den Geschmack zu wahren, ist eine ganz große Kunst. Das gilt für alle Beteiligten, den Dirigenten genauso wie die Solisten.“

Von Mozart über Mahler bis Maderna

Weitergeführt wird neben der großen Oper aber ebenfalls die 2017 gestartete Reihe mit Kammeropern des 20. Jahrhunderts, die diesmal den Komponisten Bruno Maderna mit seinem „Satyricon“ in den Fokus rückt. Wobei Regisseur Georg Schmiedleitner gemeinsam mit seinem Team eine spezielle Salzburger Fassung erstellen wird. Musikalisch betreut wird das Ganze von Peter Tilling, der bereits im vergangenen Festival ein glückliches Händchen für die Moderne bewiesen hatte.
Ähnlich kontrastreich präsentiert sich darüber hinaus erneut das Konzertprogramm, dessen Bogen sich von Bachs „Matthäuspassion“ mit dem Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Originalklangspezialist Philippe Herreweghe bis hin zu Thielemanns Lesart der Dritten Sinfonie von Gustav Mahler spannt, für die man Elīna Garanča als Solistin gewinnen konnte. Weiterer Prominenz am Pult begegnet man darüber hinaus auch in Gestalt von Andrés Orozco-Estrada, der mit Puccinis „Preludio sinfonico“ zunächst thematisch an die Eröffnungspremiere anknüpft, ehe er sich der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz widmen wird. Und nachdem natürlich auch der größte Sohn der Stadt im Programm nicht fehlen sollte, begegnet man an diesem Abend ebenfalls Mozarts Konzert für zwei Klaviere KV 365, in der Interpretation der Schwestern Katia und Marielle Labèque.
Eine weitere zentrale Künstlerpersönlichkeit der Osterfestspiele wird nicht zuletzt die argentinische Cellistin Sol Gabetta sein – ihres Zeichens Trägerin des Herbert-von-Karajan- Preises 2018 –, die als Artist in residence mit Schumanns Konzert in a-Moll zu erleben sein wird. Darüber hinaus erarbeitet sie im Rahmen der Kammerkonzerte gemeinsam mit Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle unter anderem das „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen. Mit solch einem Staraufgebot scheint man in Salzburg bestens gerüstet für die Zukunft. Und sind wir ehrlich, mit 50 steht man in musikhistorischen Dimensionen doch ohnehin noch frisch am Anfang.

osterfestspiele-salzburg.at


Kommentar zur Operngeschichte

Oft und gern zitiert wird der berühmte Ausspruch von Giuseppe Verdi, der einst verkündete: „Kehren wir zum Alten zurück, es wird ein Fortschritt sein.“ Ein Ratschlag, den sich auch Komponist Bruno Maderna offenbar zu Herzen nahm, als er für seine Kammeroper „Satyricon“ zur Inspiration den gleichnamigen altrömischen Schelmenroman aus der Feder des auch von Kaiser Nero geschätzten Titus Petronius heranzog. Hieraus schuf er eine mit zahlreichen Zitaten aus der Opern- und Musikgeschichte gespickte lose Szenenfolge, die dem Interpreten viele Freiheiten gewährt und dem Publikum mit ihrem doppelbödigen Humor reichlich Gelegenheit zum Schmunzeln bietet.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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