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(c) Giulia Papetti/Decca

Ottavio Dantone

Expressionist

Aus der Masse der historisch informierten Orchester ragt die Accademia Bizantina mit kammermusikalischer Delikatesse heraus.

Im Probensaal der Essener Philharmonie steht Händels „Giulio Cesare“ auf den Notenständern. Händels bekanntester Opernhit wird hier konzertant auf die Bühne kommen. Ottavio Dantone, seit 1996 Chef des exquisit besetzten Ensembles Accademia Bizantina, dirigiert vom Cembalo aus. Der charismatische Italiener ist von Haus aus Cembalist. Er unterbricht nur selten, man kennt sich bestens, denn die Accademia ist keines jener Barockensembles, die sich aus dem immer gleichen Pool internationaler Spezialisten wechselnd rekrutieren, sie spielt immer in der gleichen Besetzung. Nach der Probe soll das Interview im Probensaal stattfinden. Aber die Musiker wollen sich partout nicht verkrümeln. Es bildet sich eine Streicherformation, die für sich weiter probt, Phrasierungen bespricht, das Metronom befragt, schwierige Stellen wiederholt. Ein Interview mit Streicherbegleitung.

RONDO: War diese Extra-Probe geplant?

Ottavio Dantone: Nein, Sie sehen ja, die Probe ist beendet. Aber die Musiker suchen weiter nach dem richtigen Klang! Das ist typisch für Italien, allerdings nur für die Barockorchester …

RONDO: Was sind die Wurzeln dieses Orchesters?

Dantone: Das Orchester wurde 1983 gegründet als ein Kammerorchester mit modernen Instrumenten, die Musiker kamen alle aus Ravenna. Nachdem ich 1996 künstlerischer Leiter wurde, habe ich zu historischen Instrumenten gewechselt. Seither haben wir auch Musiker von auswärts – aber die meisten sind immer noch Italiener. Ich bestehe darauf, dass wir immer die identische Besetzung haben. Mein musikalisches Ideal ist, mit dem gleichen Geist zu musizieren, das geht nur mit Kontinuität.

RONDO: Wie kam es, dass Sie vom Cembalisten zum Dirigenten wurden?

Dantone: Ich habe nie daran gedacht, Dirigent zu werden, sondern habe mich immer als Cembalist betrachtet. Eines Tages haben mich ein paar Musiker gebeten, ihnen ein paar musikalische Ideen zu liefern. So hat es angefangen, ohne Dirigierstab mit den Händen. Ich habe nie Dirigieren studiert! Mein Motto ist: Je weniger, desto präziser ist es.

RONDO: Sie dirigieren auch große Oper?

Dantone: Ja, und das kam so: Eines Tages besuchte Riccardo Muti eines unserer Konzerte. Danach sagte er zu mir: „Ich hasse Barockorchester, aber Du bist sehr gut!“ Und dann fragte er mich, ob wir zusammenarbeiten könnten für eine Produktion von Giovanni Paisiellos „Nina ossia la pazza per amore“ mit Anna Caterina Antonacci und Juan Diego Flórez an der Scala. Ich sagte ja. Danach fragte mich ein Agent, und meine Karriere begann.

RONDO: Aber hier sitzen Sie jetzt eher unauffällig am Cembalo, ohne große Maestro-Präsenz?

Dantone: Ich mag es – schon von meiner Herkunft her –, ein Teil des Orchesters zu sein.

RONDO: Ihre Interpretationen klingen sehr idiomatisch, rhetorisch. Auch Händels „Cesare“ klingt sehr unmittelbar. Wie machen Sie das?

Dantone: Ich glaube, italienische Musiker sind mit der Sprache einfach vertrauter. Im 17./18. Jahrhundert waren die Gefühle sehr stark verbunden mit der Sprache, es gab ja so viele rhetorische Codes damals. Es ist leichter für Italiener, die verborgenen Gefühle in einer Partitur aufzuspüren.

RONDO: Die Accademia Bizantina klingt ungleich sinnlicher als die berühmten Ensembles aus den Benelux-Ländern. Ist das der Unterschied zwischen der katholisch-italienischen zur niederländisch- protestantischen Lesart?

Dantone: Wir haben natürlich viel von den Holländern und Flamen gelernt. Als ich jung war, in der Mitte der 80er, gab es authentische Barockmusik in Italien nur von ausländischen Gastorchestern zu hören. Ja, Italien ist immer spät dran … Aber dann richtig!

RONDO: Warum spielen Sie ausgerechnet den sattsam bekannten „Giulio Cesare“?

Dantone: Es ist die berühmteste Händel- Oper, weil es die beste ist. Allein die Accompagnato-Rezitative sind dramaturgisch so reif, und so tief empfunden! Und die Arien sind die besten, die Händel jemals schrieb. Es ist wie eine Antizipation des empfindsamen Stils!

RONDO: Wie bereiten Sie sich auf ein neues Werk vor?

RONDO: Wenn ich etwas Neues anfange, lese ich alles, was ich nur kriegen kann, um mich zu informieren über die politischen Umstände der Zeit und ihre sozialen und ästhetischen Gegebenheiten. Das alles ist sehr wichtig, um reinzukommen.

RONDO: Auch Bachs „Die Kunst der Fuge“ ist ein oft eingespieltes Werk. Was interessiert Sie daran?

Dantone: Die „Kunst der Fuge“ wird eher als Wissenschaft betrachtet denn als Musik, als wäre sie nur ein ausgerechnetes Gedankenkonstrukt. Ich wollte mit meiner Einspielung demonstrieren, dass das auch sehr emotionale Musik ist. Ich wollte einen Weg zur Expression finden. Bach ist für mich das maximale Genie der Musik. Und ich wollte zeigen, wie emotional diese Musik tatsächlich ist.

Zuletzt erschienen:

Agitata

Ottavio Dantone, Accademia Bizantina, Delphine Galou

alpha/Note 1

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Die Kunst der Fuge

Ottavio Dantone, Accademia Bizantina

alpha/Note 1


Kirchenopernarien

Bereits seit September ist das Album „Agitata“ zu haben. Die Mezzosopranistin Delphine Galou interpretiert, begleitet von der klein besetzten Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone, überwiegend hoch virtuose Arien aus geistlichen Werken von Vivaldi, Porpora, Jomelli und Stradella. „Agitata“ bedeutet übersetzt „getrieben“ oder „gehetzt“ und beschreibt das hohe Tempo der Einspielung treffend. „Delphine ist der Star! Wir wollten eigentlich etwas ganz Intimes machen, klein besetzt. Und zugleich wollten wir zeigen, wie sehr die Kirchenmusik dieser Zeit inspiriert war von der Oper. Das Virtuose ist aber hier nicht nur Show, sondern hoch expressiv.“


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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